Protest 2.0

Indigene Völker, Repräsentanz und Technologie in Kolumbien

Im Kampf um die Anerkennung ihrer Rechte und bei ihrem Bemühen, ihre Forderungen zu platzieren, setzen die indigenen Völker in Kolumbien Technologie, Internet und soziale Netzwerke ebenso ein wie lokale Rundfunksender, Zeitungen und Videos als Kommunikationsmedien.

So haben sie verschiedene transnationale Netze zum Austausch und zur Unterstützung bei Land-, Umwelt- und Kulturfragen geschaffen. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erleichtern die Interaktion; sie erlauben es den Mitgliedern anderer ethnischer Gruppen sowie solidarischer Menschen aus der ganzen Welt, fast umgehend auf ihre Probleme zu reagieren.

Aus dieser neuen Beziehung der indigenen Völker zur Technologie entsprang unter anderem ihr Bemühen um Darstellungsformen aus eigener Perspektive in neuen Räumen (den Meta-Räumen des Netzes oder auf Portalen wie YouTube) und mittels neuer Medien (Bilder, Videos). Zwei Beispiele aus Kolumbien sind in dieser Hinsicht die Entwicklungen, die vom Volk der Misak und den Völkern der Sierra Nevada de Santa Marta (Kogui, Arhuaco und Wiwa) vorangetrieben wurden auf ihrer Suche nach Darstellungen, die von eigenen kulturellen Bezugspunkten ausgehen. Sie wurden zu Widerstandsstrategien und drücken die Forderungen und Rechte der indigenen Völker im globalen Kontext auf neue Weise aus.

Strategien des Widerstands und Forderungen

Aus den Erfahrungen mit Meta-Räumen im Netz lassen sich beispielhaft drei Animationsfilme herausgreifen, die von den Misak erstellt wurden und in denen sie Landprobleme anprangern und ihre Identität einfordern. Diese Videos sind das Ergebnis der Vermittlungsarbeit junger führender Köpfe mit akademischer Ausbildung, die eine Strategie zur Verbreitung ihrer Rechte vortragen und einen Vorschlag zu einer Darstellung unterbreiten, die – ausgehend von ihren eigenen kulturellen Bezugspunkten – auf ihrer Wahrnehmung und ihren grafischen Formen (Animationen) beruhen soll. In dem Video Maíz transgénico (Genetisch veränderter Mais), das vom Volk der Misak auf YouTube eingestellt wurde, werden die Konsequenzen internationaler Handelsabkommen und der Aneignung von Saatgut gezeigt: „Die Herstellung von transgenem Saatgut wird angeprangert, da es das natürliche Recht verletzt und die integrale Gesundheit aller entwürdigt.“ In dem Video Madre Tierra (Mutter Erde), das die Sichtweise der Misak im Hinblick auf Natur und Land präsentiert, werden kulturelle und sprachliche Identitätsfragen gestreift. Ebenso in En mi idioma (In meiner Sprache), das sich um die Sprache der Misak dreht, „einen Bestandteil jahrtausendealter Prinzipien“: Sie bestehe heute weiter, „um nicht zu verschwinden, sondern über Zeit und Raum fortzudauern”. Diese drei Videos über Schlüsselthemen der Forderungen und Kämpfe des Misak-Volks sind eine Kostprobe der von ihren führenden Köpfen wie Liliana Pechene, Maya Sofia Tunubalá und Jeremias Tunubalá unterbreiteten Vorschläge: Es gelingt ihnen, mittels neuer Repräsentationsformen und des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologie einen politischen Ansatz zu artikulieren.

Reisen durch ihr Land

Das zweite Beispiel bietet das Centro de Comunicación Indígena de la Sierra Nevada de Santa Marta – Zhigoneshi, das mit der Organización Indígena Gonawindúa Tayrona (OGT) und der Confederación Indígena Tayrona (CIT) zusammenhängt. Eine Arbeitsgruppe der indigenen Kogui, Wiwa und Arhuaco reiste durch ihr Land und produzierte dabei eigene Dokumentarfilme. Auf diese Weise konnte sie kontrollieren, wie ihr Land und ihre eigenen Geschichten dargestellt werden. Bei ihrem Vermittlungsprojekt wurde spirituellen Autoritäten das Wort erteilt, und es wurden politische Vorschläge der indigenen Völker der Sierra Nevada de Santa Marta weiterentwickelt. Die Vorschläge wurden in einer Reihe von zehn Kurzdokumentationen, in denen ihre „traditionellen Autoritäten der Welt eine Antwort geben“, unter dem Titel Palabras mayores aufgezeichnet. Jede Dokumentation kreist um ein Thema: heiliges Land, spiritueller Austausch, Bedrohung des Wassers, Erderwärmung, warum es keinen Schnee mehr gibt, warum Koka bekämpft wird, wie sich die Mamos (die göttlichen Wesen) bilden, was sie über Gewalt denken, wer die jüngeren Geschwister sind und wie Palabras mayores gemacht wurde. Die Dokumentationen zeichneten die Worte der Mamos auf – über das Land, die Natur, die Bedrohungen, über das, was mit der Sierra Nevada de Santa Marta geschehen soll. Das ist Teil einer Vermittlungsstrategie zum Verständnis dessen, wie externe Prozesse die indigenen Völker in Mitleidenschaft ziehen. Die Filme entstanden unter der Regie der jungen Indianer Amado Villafañe (Arhuaco), Saúl Gil (Wiwa) und Silvestre Gil Zarabata (Kogui) und zirkulieren im Netz mit spanischer und englischer Untertitelung.

Neue Technologien, neue Herausforderungen

Die beiden Beispiele aus Kolumbien verdeutlichen, wie der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie angesichts spezifischer Probleme in den indigenen Gebieten Bündnisse und Antworten erlaubt, die die Rechte der Gemeinschaft anerkennen. Ebenso hat er den indigenen Völkern ermöglicht, ihre Eigendarstellungen zu kontrollieren, ihre Verbreitung und ihren Gebrauch ebenso wie ihre Inhalte, welche die Aspekte von Autonomie, Land, Bildung und Gesundheit beleuchten.

Allerdings bringt die neue Technologie auch neue Probleme mit sich: Die Internetdomänen, die anfangs indigene und Umweltthemen zeigten, wechseln, werden verkauft, beenden oder ändern ihre Zielsetzung. Parallel dazu wachsen diejenigen Netzwerke übermäßig an, die sich der indigenen Stimmen bemächtigen, dabei aber die Forderungen dieser Völker minimieren und sie mit romantischen Visionen verbrämen. Letztere verkennen nur die tatsächlichen Probleme, die ihre Gebiete betreffen, und assoziieren sie stattdessen mit besonderen Naturwesen, ohne aber die Rechte der Indigenen in der globalisierten Welt anzuerkennen.

Der Zugang zum Netz ermöglicht seinerseits den Eintritt in kommerzielle Kreisläufe, die mit anderen Interessen verschmelzen wie zum Beispiel dem Konsum von Bildern. Und letztlich muss man bedenken, dass nicht alle Völker gleiche Bedingungen beim Zugang zu den Informations- und Kommunikationstechnologien haben.

Dennoch scheint der Gewinn den Verlust zu überwiegen, wie die beiden hier präsentierten Erfahrungen zeigen. Die Misak und die Völker der Sierra Nevada de Santa Marta entwerfen Strategien, die die symbolische, wirtschaftliche und politische Aneignung auf transnationaler und nationaler Ebene gegenüberstellen und Alternativen für die Selbstdarstellung und die Landkontrolle entwickeln; diese lassen sich als Widerstandsräume auffassen, um die gemeinschaftlichen Gebiete in lokale, nationale und globale Zusammenhänge zu setzen.
Astrid Ulloa Cubillos
ist Ethnologin und unterrichtet an der Universidad Nacional de Colombia. Sie arbeitete seit 1984 mit verschiedenen indigenen Kulturen zusammen. Ihr Interesse liegt auf indigenen Bewegungen, Biodiversität, Ethno-Ökologie, Klimawandel und Anthropologie der Umwelt. Sie gehört der Forschergruppe DesiguALdades.net an.

Übersetzung aus dem Spanischen: Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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