Bildung – zwischen Hirn und Herz

Bildung zum schönen Charakter

Ist das Humboldt’sche Bildungsideal in der modernen Wissensgesellschaft obsolet geworden? Ein Zwischenruf.

Schon vor Jahren wurde die Wissensgesellschaft proklamiert, aber klüger geworden sind wir seitdem nicht, im Gegenteil. Die Hiobsbotschaften über sinkendes Leistungsniveau an den Schulen, Orientierungslosigkeit, wachsende Gewaltbereitschaft einerseits und Klagen über Schmalspurwissen, mangelndes Ausbildungsniveau und zunehmendes funktionales Analphabetentum unter Schulabgängern andererseits häufen sich.

Die Wissensgesellschaft hat diese Entwicklung beschleunigt. Aus Bildung ist Ausbildung geworden, aus Wissen ein Produkt, das produziert, angeboten, verkauft und „gemanagt“ wird, es veraltet rasant und muss ständig neu aufgefüllt werden. Dabei kommt es immer weniger darauf an, etwas zu wissen, und immer mehr darauf, wo wir die gewünschte Information schnell finden können. Das nennt man dann „lebenslanges Lernen“.

In der Wissensgesellschaft geht es nicht um Wissen, nicht um Erkenntnis und schon gar nicht um Weisheit – es geht um Ranglisten, um Märkte, um Bilanzen und um Einfluss. Doch der Mensch ist kein „Humankapital“, er ist nicht nur ein Rädchen im Wirtschaftsprozess, dessen Leistung man genau bilanzieren kann. Er hat ganz andere Potentiale, die es zu entwickeln gilt. Aber dazu braucht es ein anderes Verständnis von Bildung und ein anderes Verständnis vom Menschen. Ein Gegenentwurf zu unserer Wissens- und Informationsgesellschaft ist Humboldts humanistisches Bildungsideal.

Humboldts Bildungsidee

Wilhelm von Humboldt, zwei Jahre vor seinem jüngeren Bruder Alexander geboren 1767 in Potsdam, gestorben 1835 in Tegel bei Berlin, war Jurist, preußischer Staatsmann und Altertumsforscher. Wilhelm wurde im Dezember 1808 gegen seinen Willen zum Chef des Erziehungswesens in Preußen berufen, und obwohl er dieses Amt nur 16 Monate bekleidete, schuf er die Grundlagen für ein Erziehungssystem, das die Bildung in Preußen revolutionierte und bis weit in das letzte Jahrhundert hinein in der gesamten Welt einen legendären Ruf genoss. Er begriff den Menschen in seiner Totalität. Anstelle von bloßer Wissensvermittlung ging es Humboldt um Bildung, anstelle von konkret abrufbaren Leistungen um die Formung der gesamten Persönlichkeit. Bildung definiert Wilhelm als „durchgängige Wechselwirkung des theoretischen Verstandes und des praktischen Willens“. Wissen lässt sich notfalls auch mit dem Stock einbläuen, Bildung hingegen muss der Schüler in einem subjektiven Prozess selbst hervorbringen. Dazu müssen alle Kräfte des Menschen geschult werden, nicht allein der Verstand. Wir sollen zu schönen, menschlichen Individuen werden, und dazu müssen alle Anlagen, die wir mitbringen, gleichmäßig entwickelt werden. 

Wilhelm nennt vier Grundkräfte, die den Menschen bestimmen: Verstand, Gefühl, Anschauung und Einbildungskraft. Im Mittelpunkt seines Bemühens steht die Entwicklung des Denkens. Dabei ist Denken kein objektiver Prozess, es ist auf das Engste mit dem Gefühl verknüpft. Deshalb müssen neben dem Verstand die übrigen Kräfte im Unterricht in gleicher Weise herausgefordert werden.

Jeder Unterrichtsgegenstand muss zugleich den Verstand entwickeln, die Anschauung und das Gefühl vertiefen und die Einbildungskraft erregen. Durch die Anschauung nehmen wir Sinneseindrücke der äußeren Welt auf, die, mithilfe der Einbildungskraft mit vergangenen Wahrnehmungen verknüpft, zu neuen Bildern unserer Seele werden. Lernen heißt nicht Pauken, sondern bezeichnet eine komplexe Wechselwirkung der menschlichen Grundkräfte. „Alles geistige Leben besteht im Ansichreißen der Welt, Umgestalten zur Idee und Verwirklichung der Idee in derselben Welt, der ihr Stoff angehört“, sagt Humboldt. Nur wenn wir den Stoff vertilgt, uns regelrecht einverleibt haben, können wir ihn nicht nur jederzeit wieder abrufen, sondern er gehört uns, ist unser geistiges Eigentum geworden, mit dem wir nun wuchern können.

Missverhältnisse der Grundkräfte müssen zu Unvollkommenheiten führen. Wird der Verstand zulasten des Gemüts einseitig geübt, erziehen wir Brotgelehrte und Fachidioten; wird der Verstand zugunsten des Gefühls vernachlässigt, kommen in der Regel verschrobene Exzentriker heraus. Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Bildung.

Lernen heißt, Ich und Welt miteinander zu verknüpfen oder, wie Wilhelm sagt, „einander ähnlicher zu machen“. Dabei geht es ihm um den Prozess wachsender Einsichten und tieferen Begreifens und nicht um die konkret abfragbaren Resultate im Unterricht. Jede erworbene Kenntnis dient wiederum als Grundlage, um weitere Einsichten zu erwerben. Der Endzweck der Erziehung ist, „das einzelne Bestreben zu einem Ganzen [zu machen] und gerade zu der Einsicht des edelsten Zwecks, der höchsten, proportionierlichsten Ausbildung des Menschen zu vereinen“.

„Der Auffassende muss sich immer dem auf gewisse Weise ähnlich machen, das er auffassen will.“ Wir müssen unseren Geist und unsere Seele zur gleichen Tonart stimmen, wenn das Studium Früchte tragen soll. Welche Unterrichtsgegenstände ich zum Studium wähle, ist also von großer Bedeutung. „Übung der Kräfte“ nennt Humboldt das und beharrt darauf, dass bei anhaltender Beschäftigung mit schönen Ideen und vollkommenen Formen die Ecken und Kanten unserer Persönlichkeit abgeschliffen werden und unser Charakter sich diesem harmonischen Bild angleicht.

Die Bedeutung der Philologie

Die Philologie bildet das Rückgrat seines Bildungssystems, und Wilhelm stellte das Altgriechische ganz besonders heraus. „Richtiges Verhältnis zwischen Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit, innige Verschmelzung des Sinnlichen und Geistigen, Bewahren des Gleichgewichtes und Ebenmaßes in der Summe aller Bestrebungen, Zurückführen von allem auf das wirkliche, handelnde Leben und Darstellen jeder Erhabenheit im Einzelnen in der ganzen Masse der Nationen und des Menschengeschlechts sind gleichsam die formalen Bestandteile der menschlichen Bestimmung und diese finden sich in dem griechischen Charakter“ – in diesem Ideal formuliert Wilhelm gleichzeitig, was der Unterricht leisten soll.

Indem wir Griechisch studieren, dringen wir tief in die antike Ideenwelt ein. Das Griechische war für ihn keine weltabgewandte Gelehrsamkeit, sondern dringendstes Tagesgeschäft. Wir sollen uns am griechischen Geist schulen und ihm dabei ähnlicher werden. Wilhelms Griechentum ist keine Schwärmerei, es geht ihm nicht um Imitation, sondern um schöpferische Nachfolge, um selbst Großartiges hervorbringen zu können. Dieses Bild antiker Vollkommenheit sollte dem modernen Menschen als Richtschnur dienen.

Gegen den Utilitarismus

Die Verhältnisse, die Wilhelm vor 200 Jahren vorfand, gleichen denjenigen in der europäischen Wissensgesellschaft auf frappierende Art und Weise. Im Rahmen der Aufklärung hatte der Nützlichkeitsgedanke großen Raum in der Bildungspolitik erhalten. Alle Lehrgegenstände, die keinen unmittelbaren Nutzen versprachen („Wissensballast“), waren aus dem Unterricht verbannt worden. Der aufkeimende Merkantilismus brauchte willige Arbeiter und die Monarchie brave Untertanen, keine denkenden Bürger. Das Schulwesen war in zahlreiche verschiedene Schularten zersplittert. Es gab Lateinschulen, die für ein Studium an der Universität vorbereiteten, und Elementar-, Bürger- und Bauernschulen für das gemeine Volk. Hinzu kamen diverse Spezialschulen, in denen die Schüler direkt für ihr künftiges Handwerk ausgebildet wurden.

Humboldt sah in dem Standpunkt, dass ein Schüler nur das lernen solle, was er später im praktischen Leben brauche, ein Grundübel, und er ging dagegen mit aller Schärfe vor. Besonders die Spezialschulen waren ihm verhasst. Hier hatten sich alle spezialistischen und utilitaristischen Tendenzen angesiedelt; sie waren ihm zu eng, zu eingleisig und übten reinen Berufsdrill. Er beschuldigte sie, dass sie nicht Bildung, sondern Abrichtung und Dressur betrieben – und er witterte hier den alten Ständegeist. Es gab sozial unterschiedliche Stellungen, die preußische Gesellschaft war immer noch nach Ständen gegliedert, und Wilhelm rief nicht zu deren Sturz auf, aber er ignorierte sie vollkommen in seiner Bildungspolitik. Spezielle Schulen für den Adel lehnte er ebenso ab wie die armseligen Volks- und Bauernschulen. Für ihn gab es nur eine Klasse von Menschen, und sie mussten alle nach den gleichen Grundsätzen gebildet und behandelt werden.

Humboldts Schule war eine Einheitsschule. Er sah in jedem Schüler den heranwachsenden Menschen, nicht den künftigen Berufstätigen oder Staatsbürger. „Dieser gesamte Unterricht kennt daher auch nur ein und dasselbe Fundament. Der gemeinste Tagelöhner und der am feinsten Ausgebildete muss in seinem Gemüt ursprünglich gleich gestimmt werden, wenn jener nicht unter der Menschenwürde roh, und dieser nicht unter der Menschenkraft sentimental, chimärisch und verschroben werden soll.“

 „Alle Schulen,“ so beharrte er, „müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken. Was das Bedürfnis des Lebens oder eines einzelnen seiner Gewerbe erheischt, muss abgesondert und nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden. Wird beides vermischt, so erhält man weder vollständige Menschen noch vollständige Bürger einzelner Klassen.“ Es werde weder der Mensch umfassend gebildet noch der künftige Beruf richtig vorbereitet, insistierte er und bezeichnete diese Verknüpfung deshalb als „Missgeburt“.

(War die Schulbildung abgeschlossen und trat der junge Mensch ins Berufsleben ein, stellte sich die Lage ganz anders dar. Nun musste es spezialisierte Ausbildungsstätten geben, auf denen der Auszubildende alles, was er an mechanischen Fertigkeiten und Spezialwissen brauchte, beigebracht bekam.)

Sprachunterricht zur Bildung von Geist und Gemüt

Im Zentrum des Lehrplans stand die Philologie. Der Schüler lernte zuerst Griechisch und Latein, dann folgten die modernen Sprachen (Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, auch Russisch oder Hebräisch, wenn es dafür Lehrer gab).

Denken ist ein rein geistiger, innerer Prozess, der nach außen durch Sprache wahrnehmbar wird. Da sich im Sprechen die sinnliche Natur des Menschen mit seiner geistigen verknüpft, ist Sprachunterricht also ideal, um Geist und Gemüt gleichzeitig zu bilden. Das gilt zuerst für die Muttersprache. Wenn wir eine fremde Sprache lernen, werden wir gleichzeitig in eine andere geistige Vorstellungswelt eingeführt, denn unterschiedliche Völker haben unterschiedliche Wege eingeschlagen, um sich Welt und Natur anzueignen und darzustellen. Das ist für Humboldt der Grund, Sprachen lernen zu lassen, und nicht die Überlegung, dass es dem Schüler später nützt und er gleich in eine höhere Gehaltsklasse eingestuft wird.

Neben den alten Sprachen sollte „der historische und mathematische Unterricht gleich gut und sorgfältig mit dem philologischen behandelt werden“. Die Naturwissenschaften, insbesondere die Mathematik, erfuhren eine große Aufwertung, indem sie nach der gleichen Methode wie die Philologie als Wissenschaften gelehrt wurden. Dabei müsse jeder Gegenstand im Unterricht „auf eine das Gemüt stark bewegende Weise“ behandelt werden. Der Lehrer müsse von seinem Unterrichtsstoff begeistert sein und Begeisterung wecken. Nur so lernt man. Nur wenn Verstand und Gemüt gleichsam in Tätigkeit gesetzt werden, bleibt das, was wir lernen sollen, haften. Humboldt lehnte jede Form von Auswendiglernen ab; da man es ohnehin wieder vergessen würde, sei es vergebliche Mühe.

Menschen bilden, lautete sein Credo, Menschen, nicht künftige Berufstätige. Die Schule entließ den Schüler mit einem breiten Fundament von Bildung und Allgemeinwissen, auf dem er sich frei bewegen und sich jedes beliebige Spezialwissen, jede spezifische Fähigkeit leicht und schnell aneignen konnte. Eigentlich der ideale Berufseinsteiger für unser modernes Zeitalter, möchte man sagen.

Humboldts Relevanz heute

Wer Humboldt studiert, ist von der Aktualität seiner Ideen geradezu bestürzt. Die Schule dürfe sich nicht an die Wirklichkeit, die sie umgibt, anpassen, warnte er, sonst werde sie ein Mittel zur wachsenden Entmündigung des Menschen. Wir haben das in Europa getan mit ebendiesem Resultat. Die Schule dürfe sich nicht in einer Vielzahl von Bildungsinhalten verlieren, sonst vermittle sie Wissen anstelle von Bildung. Es scheint, Humboldt habe das Internet-Zeitalter vorausgeahnt. Gerade angesichts einer Flut von Informationen, einer Fülle von konkretem Einzelwissen, mit dem wir konfrontiert werden, ist die Konzentration auf prinzipielle, formgebende, wie Wilhelm sagen würde, Inhalte überlebenswichtig für den Geist. Die Masse von Einzelwissen beschleunigt die Partikularisierung des Denkens. Wir verlieren uns immer mehr in Spitzfindigkeiten und entfernen uns dabei immer weiter von einem übergreifenden Verständnis unserer Mitwelt.

Wilhelm von Humboldts Bildungsidee stellt die exakte Gegenposition zu dem dar, was die Bildungsexperten unserer Tage fabrizieren. Sie könnte ihnen so manche Anregung, manche Antwort auf drängende Fragen geben. Voraussetzung ist allerdings, dass sie bereit sind Neues aufzugreifen – „lebenslanges Lernen“ eben.
Rosa Tennenbaum
ist Germanistin und Autorin; von ihr stammen zahlreiche Artikel und Aufsätze zu den Schwerpunkten Bildung, deutsche Dichtung und griechische Antike. Sie war stellvertretende Vorsitzende des Schiller-Instituts und lebt als freie Autorin und Rezitatorin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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