Kinshasa 2050 „Eine Kultur der Arbeit, der Voraussicht, der Sparsamkeit“

Lusavuvu (Ausschnitt)
Abbildung (Ausschnitt): Lusavuvu

Die Zukunft birgt enormes Potential für die Kultur in Kinshasa, sagt Lye M. Yoka, einer der wichtigsten kongolesischen Intellektuellen.

1.

Gar nicht so leicht, sich Kinshasa im Jahr 2050 vorzustellen, das fühlt sich an wie Science-Fiction! Die Organisatoren dieses Kolloquiums haben die Frage wie folgt formuliert: Wie wird die Stadt Kinshasa 2050 aussehen? Welche städtischen Projekte von heute zum Beispiel sind morgen umsetzbar? Welches Lebensideal haben die jungen Leute? Welche Kultur und welche Entwicklung gibt es in einer Stadt, die für morgen kreativ sein soll?
 
Mit anderen Worten, wir befinden uns mitten in der Zukunftsforschung. Ist die Zukunftsforschung nicht an sich schon eine erkenntnistheoretische Herausforderung, ein Paradox, ein Oxymoron, als Wissenschaft der Zukunft, Wissenschaft aller Möglichkeiten, Wissenschaft der Utopie?
 
Yoka L. Mudaba Yoka L. Mudaba | Foto: Goethe-Institut Kinshasa Denn die Zukunftsforschung ist kein Horoskop, keine Prophezeiung, keine Vorhersage und auch kein Hellsehen. Aber was ist sie dann? Im Wörterbuch findet sich die Antwort: „Wissenschaft, die sich mit der zukünftigen Entwicklung der Gesellschaft beschäftigt, um durch die Erforschung verschiedener relevanter Faktoren die Einschätzung der Zukunft bei gegenwärtigen Entscheidungen zu erleichtern.“

2.

Wir kennen die Arbeiten von Alvin Toffler (Der Zukunftsschock, 1970), Thierry Gaudin, Gaston Berger (Phénoménologie du Temps et Prospective, dt. „Phänomenologie der Zeit und Zukunftsforschung“), Pierre Massé (Le Plan ou l’Anti-hasard, dt. „Der Plan oder der Anti-Zufall“, 1965), Michel Godet (Le Choc de 2006, dt. „Der Schock von 2006“, 2004), Philippe Cahen (Le Marketing de l’Incertain, dt. „Das Marketing des Unsicheren“, 2011) und von noch vielen anderen, wahren Forschern des Unbekannten, des Unwägbaren, die mit starken Tendenzen, Parametern und Vergleichsszenarien aus der Gegenwart sowie Fehlermargen arbeiten. Was sagen uns also diese Deuter der Zeichen der Zeit?
Schon 1980 kündigte Toffler in Die dritte Welle eine „Welle“ an, eine „postindustrielle“ Lebensweise ab 1950, die von Information, Technologie und sehr unterschiedlichen Subkulturen geprägt sein würde und in der Wohlstand weniger von Geld als vielmehr von Kenntnissen abhängen würde.
 
Ich spreche hier nicht von den Millenniums-Entwicklungszielen, die von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 für 2015 formuliert wurden. 2015 mussten sich die Vereinten Nationen korrigieren und ihre Voraussagen schließlich unter Einbeziehung detaillierterer wirtschaftlicher, ökologischer und soziopolitischer Faktoren mit dem neuen Titel Nachhaltige Entwicklungsziele auf 2030 verschieben.

3.

In Afrika sind der Plan von Monrovia (1979), der Plan der Experten der Wirtschaftskommission für Afrika (ECA) oder der Plan von Lagos (später übernommen von der Organisation für Afrikanische Einheit) oder auch die NEPAD (Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung der 90er Jahre) die bekanntesten und am häufigsten zitierten. Hauptziel dieser Zukunftsforschung: Afrika im Jahr 2000 oder Afrika 2015 oder Afrika 2030; das Afrika der Völker, dank der Dynamik und der wachsenden Macht und Autonomie der unterregionalen Einheiten, und nicht mehr das Afrika der Nationalstaaten, die die Kolonisation geschaffen hat.
 
In der Demokratischen Republik Kongo gibt es institutionelle Initiativen wie die des Bureau d’Etudes et d’Aménagement Urbain (BEAU, dt. „Büro für Stadtplanung und -gestaltung“), das Poverty Reduction Strategy Paper (PRSP) des Planungsministeriums oder auch die Prognosen des l’INADEP (Institut National pour le Développement et la Prospective, dt. „Nationales Institut für Entwicklung und Zukunftsforschung“, das zum Ministerium der Hochschulen und Universitäten gehört). Zu nennen sind außerdem diverse Dokumente der Abteilung Bevölkerungsfragen der Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen.
 
Des Weiteren haben wir die eigenständigen Arbeiten von Mgr. Tshibangu aus dem Jahr 1980 (über die „Universität des Jahres 2000“ als Dynamo der gemeinschaftlichen Entwicklung), von Ngangura Kasole (Professor für Philosophie an der Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaft) oder des ehrwürdigen Vaters Léon de Saint Moulin (Demograf, Universität Kinshasa) sowie von Jacques Fumunzanza (unabhängiger Forscher) über die rasende demografische und soziokulturelle Entwicklung von Kinshasa.

4.

Welche Orientierungspunkte können uns heute einen Hinweis auf morgen, auf 2050 geben? Nehmen wir 1923, als die Siedlung Kinshasa zur Hauptstadt des belgischen Kongo erhoben wurde, als Ausgangspunkt, und unterteilen wir die folgende Zeit bis heute in Abschnitte und Generationen von 20 Jahren:
  • 1923–1940 Raumordnung und beschleunigte Urbanisierung von Kinshasa;
  • 1940–1960 Weltkrieg; Beteiligung kongolesischer Soldaten und enger Kontakt mit anderen Völkern; dadurch Entstehung und Entwicklung von Forderungen und Emanzipationsbewegungen auf Seiten der Kongolesen; Unabhängigkeit des Landes;
  • 1960–1980 Phase nach der Unabhängigkeit mit Massenauswanderungen, vielgestaltigen Konflikten und neuen Protesten gegen die Einheitspartei und die Diktatur;
  • 1980–2000 Kämpfe für Demokratie und die Nationalkonferenz;
  • Ab 2000 Lehren der pluralistischen Demokratie. 
Kinshasa wuchs von 46 km2 für 49.972 Einwohner im Jahr 1941 auf 9.965 km2 für fast 10 Millionen Einwohner heute und gehört zusammen mit Kairo und Lagos zu den größten Städten Afrikas.
 
Erinnern wir uns, dass das Stadtgebiet von Kinshasa von Anfang an bis in die Mitte der 50er Jahre nach einer sozialen Hierarchie aufgeteilt beziehungsweise auf folgende Weise gespalten war:
  • Um den Fluss Kongo herum bis zum Boulevard Albert 1e (heute Boulevard du 30 Juin), also im Stadtviertel Kalina, standen Verwaltungsgebäude und Wohnhäuser der „richtigen Weißen“ (Belgier, Franzosen, Amerikaner, Briten);
  • Unterhalb dieses Boulevards bis zur Avenue Charles De Gaulle (heute Avenue du Commerce) gab es Wohnhäuser und Geschäfte der „kleinen Weißen“ (Griechen, Portugiesen, Israeliten). Dort entfaltete sich die moderne kongolesische Musik in den Musikverlagen, Coaching- und Produktionsstudios dieser ausländischen Geschäftsleute, die junge Talente aus Kinshasa und Brazzaville förderten. Dort entstanden die angesehenen Orchester, die Schule machten und bis heute miteinander im Wettstreit liegen, wie Kabaseles African Jazz, Francos OK Jazz oder Landos Rock’a-Mambo, die alle „Könige“ der modernen kongolesischen Rumba sind;
  • Danach folgte ein Niemandsland vom Fluss Gombe bis zu einer Art „Bois de Boulogne“ von Kinshasa, einer abgeschlossenen Fläche für Prostituierte (auf dem Platz des heutigen Grand Marché), vorbei am Golfplatz, am städtischen Krankenhaus und den zoologischen und botanischen Gärten;
  • das Home des Mulâtres (dt. „Haus der Mulatten“);
  • die sogenannte „indigene“ Siedlung.
Gegen Ende der 50er Jahre wurden mit Unterstützung von König Baudouin neue Stadtviertel erschlossen, vor allem im Osten und Süden der Stadt: Dendale, Bandalungwa, Yolo, Lemba etc. Doch nach der Unabhängigkeit entstanden im Süden durch die massive Landflucht große Elendsviertel: Ngaba, Makala, Selembao, Kimbanseke, Kisenso etc. 

5. Aktuelle Tendenzen und Ausblicke

5.1. Aktuell hat Kinshasa etwa 10 Millionen Einwohner. Wenn man mit einer Wachstumsrate von 9 Prozent rechnet, ergibt das im Jahr 2050 eine Bevölkerung von 35 Millionen.
 
5.2. Was die städtische Bebauung anbelangt, wirken die Prognosen des BEAU überholt, denn es fand eine exponentielle und recht chaotische territoriale Erweiterung statt, obwohl sich die neu geplante Stadt im Osten, jenseits des Flughafens Ndjili, konzentrieren sollte. Da Kinshasa eine Stadt am Wasser ist (weshalb zahlreiche Stadtviertel nach angrenzenden Flüssen benannt sind: Gombe, Kalamu, Makala, Bitshaku-Tshaku, Makelele, Kisenso, Ndjili, Nsele etc.), haben viele Architekten unlängst das Projekt vorangetrieben, eine Art Gartenstadt, Parkstadt zu bauen, in der ein Teil des Verkehrs mit modernisierten Straßenbahnen, aber auch mit Motorbooten auf Verbindungskanälen zwischen den Flüssen erfolgen soll …
 
5.3. Kulturell im weiteren Sinne, also was die Struktur der Mentalitäten anbelangt, ist Kinshasa eine Art Janus-Gesicht, das das Schlechteste und das Beste vereint. Das Schlechteste wird auf der Straße als „kinoiserie“ bezeichnet, das Beste ist die „kinoicité“. Wir wollen uns hier nicht lange mit dem Mythos der kinoiserie aufhalten, sondern sie nur kurz in wenigen Stichworten beschreiben. Die kinoiserie umfasst im Allgemeinen:
  • die Kultur des „Lärms“ (im Sinne von Trubel und auf der kommunikativen Ebene im Sinne von Gerücht);
  • die Kultur der falschen Frömmigkeit und der falschen Voraussagen insofern, dass den prophetischen Botschaften der Erweckungskirchen und ihren Versprechungen von Wohlstand uneingeschränkt und leicht Glauben geschenkt wird …;
  • die Kultur des schönen Scheins mit Hang zur Selbstinszenierung, zum Kitsch, zum „Über-seine-Verhältnisse-leben“, zum „Sich-in-Schale-werfen“;
  • die Kultur der Hast und Ungeduld im Gegensatz zur Disziplin;
  • die Kultur der Faszination durch Bilder und Schnickschnack aus dem Ausland. 

6. Perspektiven

6.1. Auf der Basis der oben genannten Indikatoren sind mehrere Szenarien denkbar. Das katastrophalste davon ist, dass Kinshasa 2050 eine Art anziehendes und unerreichbares Eldorado werden könnte.
 
6.2. Dennoch ist, wie gesagt, nicht alles nur negativ zu sehen: Die Kinshaser haben ihre guten und ihre schlechten Seiten. Sie sehnen sich seit den 60er Jahren so sehr nach einer Veränderung, dass man das nicht einfach nur als Lust auf etwas Neues abtun kann. Ich habe den Eindruck, dass ihr sehnsüchtiges Streben wirtschaftlicher, ethischer und ästhetischer Natur ist:
 
Streben nach dem Guten, also nach Glück („bomengo eza kaka mbongo te“);
Streben nach Wahrheit, also nach einem Zusammenleben, nach konstruktiver Freiheit („Mwasi ya Tshaku abotaka na bowumbu te“);
Streben nach Schönheit, also nach Lebensqualität („Linzanza libongi na langi“, „Mabe ya mbila elengi se mosaka“). Das ist für mich die kinoicité, oder anders gesagt:
 
  • die Kultur der kulturellen Vielfalt und Offenheit für den Dialog der Kulturen (der sich durch das Phänomen der Exogamie verstärken wird); 
  • die Kultur der Mobilität: Im Zuge der Landflucht nach Kinshasa in der Zeit nach der Unabhängigkeit und im Zuge der Massenauswanderungen seit den 80er Jahren erfinden die jungen Leute (und werden das auch in Zukunft weiter tun) neue Lebensweisen, ja sogar eine neue Zivilisation außerhalb der Grenzen, ohne Grenzen. Und vielleicht eine neue Kategorie neuer Schöpfer eines neuen Kongo; 
  • die Kultur des „Sich-Durchschlagens“ mithilfe von Energie und Erfindergeist (kobeta „libanga“, „den Stein zertrümmern, den Stein rollen“ wie der glückliche Sisyphos von Camus). Diese Suche, diese Besessenheit von Wissen und Know-how haben dazu geführt, dass die jungen Leute die neuen Kommunikationstechnologien meisterhaft beherrschen. Ich glaube, 2050 werden unsere Künste, und vor allem unsere Musik, den gleichen Weg einschlagen wie heute das nigerianische, südafrikanische und selbst das angolanische Kino. Auch wenn wir anfangs mit einfachen technischen Mitteln arbeiten, können wir so erfolgreich werden, dass wir damit den Grundstein legen für eine entstehende wagemutige Kreativindustrie, die in Sachen Angebot und Quantität alles Mögliche zu bieten hat. Qualität und Ästhetik werden schrittweise folgen, abhängig von Konkurrenz, Angebot und Nachfrage, indem sie sich am Besten orientieren, was es zur jeweiligen Zeit anderswo auf der Welt gibt.
Muss man jedoch befürchten, dass die rasante und uneingeschränkte Übernahme von Spitzentechniken und -technologien zum Beispiel im Bereich der Musik so sehr zu Automatisierung und rein elektronischen und künstlichen Klängen führt, dass die Kunst, der Hörgenuss, die Poesie und das Live-Erlebnis verloren gehen? Wahrscheinlich nicht. Wie es sich jetzt schon, trotz des Vormarschs der Elektronik, mit der nostalgischen Rückkehr zur „soften“ Rumba der 1950er Jahre abzeichnet, wird es auch 2050 noch hartnäckige „Nischen“ geben, um diese Kultur der lebenden Poesie zu bewahren, wahrscheinlich aber mit anders adaptierten und verbesserten Versionen und zudem einer besseren automatischen und gewinnbringenden Regelung des geistigen Eigentums und der Urheberrechte;
  • die Kultur des Widerstands und der Resilienz: Kinshasa war in seiner Geschichte immer ein Katalysator für Proteste, die große Veränderungen bewirkt haben: Die Unruhen des 4. Januar 1959 waren Vorboten der Unabhängigkeit, die Studentenaufstände des 4. Juni 1969 leiteten die Universitätsreform ein, die Parlamentsrevolten im September 1980 bereiteten die Versuche einer pluralistischen Demokratie vor; es folgte die Nationalkonferenz mit ihrer Selbstkritik, ihren Diagnosen und tiefgreifenden Prognosen, der Volksaufstand gegen den Einmarsch der ruandischen Soldaten 1998 etc. 

6.3. Kinshasa 2050

Wie schon gesagt, wird Kinshasa 2050 fast 35 Millionen Einwohner haben. Kann die Stadt diese demografische Herausforderung und ihre sozioökonomischen und sozioökologischen Folgen annehmen und bewältigen? Ich glaube, angesichts der aktuellen Enge kann man ernsthaft in Betracht ziehen, die Hauptstadt ins Zentrum des Landes zu versetzen, wie es zur Kolonialzeit schon einmal zur Debatte stand. Kinshasa müsste dabei nichts von seiner überbordenden Energie, seiner Sinnlichkeit, seinem Selbstbewusstsein und seiner Bedeutung aufgeben, ebenso wie Lagos, Abidjan oder Rio de Janeiro.
 
Weil das Leid eine Schule des Lebens ist und weil das Sich-Durchschlagen für mich die Basis für Managerqualitäten bildet, könnte dieses Sich-Durchschlagen, wenn man seine produktivste, unternehmerischste Seite betrachtet, im Rahmen fester Gesetze zu gewinnträchtigen, vielversprechenden, strukturierten Ergebnissen führen. Aus ebendiesem Grund beobachtet man seit fünfzehn Jahren eine Rückkehrbewegung der „libanguistes“, dieser Emigrierten in der Diaspora, vor allem jener mit doppelter Staatsbürgerschaft. Ein großer Teil von ihnen hat schon in Immobilien, Geldtransfergeschäfte oder sogar in den Bereich Gesundheit in Kinshasa investiert. Der künstlerische Bereich, besonders die musikalische Förderung, steht dem in nichts nach. Das erkennt man schon an der Anzahl der Studios und Promotions-Agenturen; die bekanntesten sind die Studios SABAB von Zola, die Studios Ndiaye, die Studios ICEA der RTNC, die Studios Ngayime der katholischen Nonnen und die Studios Sango Malamu; die Agence Optimum, die Agence Eale CMCT, die Agence Pygma, die Agence Oxygène von Liyolo Junior, die Agence Keys Lovo, die Agence Consulting Pro, die Agence Racine 3 etc. Zudem verfügt Kinshasa allein über rund fünfzig private Radio- und Fernsehsender, wenn auch von ungleicher, schwankender Finanzkraft und Qualität, sodass zu wünschen ist, dass sich diese Sender in Zukunft in technischer, organisatorischer und kultureller Hinsicht verbessern.
 
Ein weiteres Zeichen für ein zunehmend professionelles, vielfältiges Kultur-Unternehmertum in einer Stadt, der eine Entwicklung und kulturelle Blüte bevorsteht, ist die Tatsache, dass sich die Orte der künstlerischen Produktion und Förderung seit den 1980er Jahren dezentralisiert und in gewisser Weise demokratisiert haben. Vor den 80er Jahren beschränkten sich künstlerische Aktivitäten auf das Stadtzentrum. Später wagten Absolventen des Institut National des Arts das Experiment der „théâtres en cités“, das vor allem durch eine finanzielle Unterstützung durch internationale kultureller Zusammenarbeit ermöglicht wurde. So entstanden bescheidene, aber beliebte Orte, die an die thematischen Interessen und Geldbeutel der mittleren Schichten angepasst sind: Ecurie Maloba in Bandal, Les Béjarts in Bandal, Les Intrigants in Ndjili, K.MU in Ndjili, Tarmac des Auteurs in Kintambo, Marabout Théâtre in Lemba etc. Es besteht Hoffnung, dass diese semi-professionellen Räume und Strukturen aus ihren jeweiligen Gettos herauskommen und weitere starke Synergien hervorbringen werden. Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass Kinshasa eine der wenigen afrikanischen Städte ist, in denen es aktive, kreative und ambitionierte Kunsthochschulen gibt.
 
2015 erhielt Kinshasa als eine der Creative Cities den UNESCO-Titel „Stadt der Musik“. Wie die Kulturschaffenden sowie das Kulturministerium und die Stadtverwaltung von Kinshasa festgestellt haben, ist dieser Titel kein Selbstzweck, sondern eine Verpflichtung, für eine kohärente Kulturpolitik zu sorgen, die mittel- und langfristig über Ressourcen verfügt. Damit verbunden ist die Pflicht, sich um wissenschaftliche Synergien zu bemühen und nach Innovationen und einem fruchtbaren kulturellen Austausch zu streben, sodass die unschätzbar wertvollen Möglichkeiten des Landes im Bereich Kulturerbe und Tourismus für die nationale Entwicklung zu einer Quelle wesentlicher und alternativer Einnahmen werden.

7. Schlussfolgerungen

Uns erwarten bis 2050 Herausforderungen in drei Bereichen: Macht, Wissen, Besitz. Macht meint eine aktive und interaktive Demokratie; zusammen frei sein, zusammenleben. Wissen und Know-how entsteht durch die Energie des Erfindergeists, für eine Forschung, die das Leben möglichst vieler Menschen verbessert. Besitz wäre eine Wirtschaft, an der alle Kongolesen teilhaben.
 
Die Gesellschaft von Kinshasa wird morgen aus Migranten, Kinshasern und anderen Kongolesen bestehen, die an Veränderung, den Eilmarsch der Geschichte und den Kontakt mit immer entfernteren Orten, Regionen und Völkern gewohnt sind und dadurch gemischte „Mega-Ethnien“ bilden. Die Gesellschaft von Kinshasa wird morgen nicht mehr zum Großteil nur denjenigen Chancen bieten, die sich irgendwie durchschlagen, sondern auch vielen, die mit der Informations- und Kommunikationstechnik vertraut und als Unternehmer und Erfinder tätig sind. Die Gesellschaft wird nicht mehr gefangen sein in der Untätigkeit, im Unvollendeten, in der Hast, sondern es wird eine Kultur der Arbeit, der Voraussicht, der Sparsamkeit herrschen. Die Gesellschaft wird nicht mehr von Scheinheiligkeit und Heuchelei geprägt sein, sondern von einer verantwortungsvollen, geselligen, klugen und fortschrittlichen Spiritualität.