Aus Prodromos Tsinikoris Tagebuch Telemachos in Europa

Nasskaltes Wetter
Nass | Foto: Prodromos Tsinikoris

Seit zwei Jahren ist Prodromos Tsinikoris in Deutschland, Griechenland und anderen europäischen Ländern unterwegs, um an Theaterprojekten zu arbeiten. Ist dieses Leben aus dem Koffer seine persönliche Antwort auf die Frage „Should I stay or should I go?“, die er Anfang 2012 als Schauspieler und Regisseur erstmals im Berliner Ballhaus Naunynstraße aufgeworfen hatte? Ein Auszug aus seinen Tagebuchnotizen verrät mehr.

Im Juni 2012 kündigte ich meine Wohnung im Athener Viertel Ano Petralona. Genau dasselbe tat auch mein Kollege Anestis Azas, denn wir hatten in der Argolis unsere Inszenierung „Epidauros – eine Dokumentation“ vorzubereiten. Seitdem habe ich keine eigene Wohnung. Bei kurzen Griechenlandaufenthalten nehmen mich Freunde auf, im Ausland komme ich in Hotels und theatereigenen Appartements unter. Wegen der Wirtschaftslage Griechenlands, der  gestrichenen Subventionen und diverser Hürden, die das Genre Dokumentartheater dort mit sich bringt – seit der ausschlaggebenden Zusammenarbeit mit Rimini Protokoll am Projekt „Prometheus in Athen“ 2010 befassen wir uns damit –, entschlossen wir uns, zwischen Griechenland und Deutschland zu leben und zu arbeiten. Nach 31 Stationen und 25.000 Kilometern geht die Saison 2013/14 nun zu Ende.

September 2013. Anestis und ich beschließen, auf dem Landweg nach Berlin zu fahren und unseren zweiten Antrag für das Ballhaus Naunynstraße zu schreiben. Auf 15 Seiten wird das Konzept vorgestellt und erläutert, der künstlerische Anspruch definiert und ein Zeit- und Finanzierungsplan mit dem Lebenslauf der Teilnehmer eingereicht. Deutschland hat mehr als 150 kleine bis große staatlich subventionierte Theater. Darüber hinaus finanzieren der Bund, die verschiedenen Bundesländer oder Kommunen nach Begutachtung aller Vorschläge auch Projekte der Off-Szene. Beispiele für Berlin sind etwa das HAU, die Sophiensäle und der Heimathafen. Die vom griechischen Staat krisenbedingt gekürzten Subventionen von ganzen zwei Millionen für die entsprechende griechische Theaterszene wirken mehr als lächerlich, wenn man bedenkt, welche Mittel in Deutschland zur Verfügung gestellt werden.

3. Oktober 2013. Zurück in Athen stellen wir unsere Arbeit auf dem internationalen IETM Network-Treffen vor. Kuratoren aus aller Welt sind in Athen, um die Arbeit griechischer Künstler kennenzulernen und über eine mögliche Zusammenarbeit zu sprechen.

Oktober 2013. Anschließend fahren wir nach Thessaloniki, um unser Casting griechischer Teilnehmer an der Aufführung „UTOPIA IN PROGRESS“ durchzuführen, einer Koproduktion des Theaters Konstanz mit dem Staatstheater Nordgriechenland. So eine Audition machen wir zum ersten Mal für eine unserer Produktionen. Normalerweise treffen wir unsere potentiellen Schauspieler an ihrem Arbeitsplatz, bei sich zu Hause oder in irgendeinem Café. Auf unsere Ausschreibung haben sich mehr als 80 Leute zwischen 18 und 23 gemeldet: Schauspieler, Schauspielstudenten, Amateure, darunter ein paar, die noch nie etwas mit Theater zu tun hatten. Nach fünf intensiven Tagen legen wir uns auf zehn Leute fest, mit denen wir frei nach dem Stück „Die Vögel“ von Aristophanes auf der Suche nach dem idealen Staatswesen arbeiten werden.

November 2013. Wir reisen nach Konstanz, um dort die entsprechende deutsche Gruppe zusammenzustellen, die sich mit ihrem griechischen Pendant auf der Bühne treffen wird. Das Ensemble soll so heterogen wie möglich sein, um aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Fragen zu behandeln, die junge Menschen heute in Europa beschäftigen.

November 2013. Unser Stück „Telemachos – Should I stay or should I go?“ ist eingeladen zum Interkulturellen Theaterfestival Stuttgart. Die Aufführung ist eine Koproduktion vom Ballhaus Naunynstraße in Berlin und dem Athener Onassis-Kulturzentrum. Zwei Generationen griechischer Migranten begegnen sich auf der Bühne. Die in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland ausgewanderten Gastarbeiter (unter anderen meine Eltern) treffen auf die junge Generation, die Griechenland heute der Krise wegen verlässt. Sofia Anastasiadou wirkt zum letzten Mal mit, eine Ironie des Schicksals, denn in Stuttgart war sie damals eingetroffen, als sie während der Militärdiktatur Griechenland aus politischen Gründen hatte verlassen müssen.
 
November 2013. Anestis und ich nehmen in Berlin an der Reihe Neue deutsche Stücke im Maxim Gorki Theater teil. Unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje ist dieses Theater – dank seines multikulturellen Ensembles, der politischen Fragestellungen und kontinuierlicher Aktivitäten – ein Musterbeispiel und zählt zu den derzeit interessantesten künstlerischen Plattformen Deutschlands. Wer immer noch meint, in einem großen öffentlich finanzierten Theater sei der Arbeitsplatz wichtiger als der künstlerische Anspruch, und glaubt, beides ließe sich nicht vereinbaren, der sollt doch mal kurz hier vorbeischauen!
 
Dezember 2013. Weihnachten in Straßburg.

Januar 2014. Mit Korina Vassiliadou und Charis Pechlivanidis arbeite ich, diesmal als Dramaturg, an „Min(d)ing Ibsen: Ein Volksfeind trifft das Volk“. Gezeigt wird die Produktion im Saal des Thessaloniker Stadtrats in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Nordgriechenland. Das berühmte Stück des norwegischen Schriftstellers nimmt hier direkten Bezug zum derzeit heftig diskutierten Problem der Bergwerke in Skouries auf der Chalkidike. Wir beschließen, die Aufführung mitten im dritten Akt zu unterbrechen, von da an das Publikum zu Wort kommen zu lassen und für oder gegen den Goldabbau in der Region zu argumentieren. Die Bühne wird zur politischen Arena und legt offen, wie der öffentliche Diskurs im Land derzeit geführt wird. Am Ende äußert sich ein „Reh“ aus dem Wald von Skouries …
 
Februar 2014. Nach Monaten kommt „Telemachos – Should I stay or should I go?“ für vier Abende wieder ins Ballhaus Naunynstraße. Sofia Anastasiadou wird von Chryssa Kyriakidou abgelöst, die ihre eigene Geschichte mitbringt: Während der Diktatur versteckte ihre Familie im Athener Viertel Halandri einen bekannten Kommunisten, als eines Abends plötzlich das Haus durchsucht wurde. Für alle, die neugierig sind, wer genau versteckt wurde und wie die Geschichte ausging: Im Herbst kehrt „Telemachos“ wieder in die deutsche Hauptstadt zurück. P.S.: Wegen Herzrasen ist Kaffee für mich erstmal gestrichen.
 
12. Februar 2014. Nachdem die beiden Gruppen von „UTOPIA IN PROGRESS“ den Winter über unabhängig voneinander geprobt haben, treffen sie sich zum ersten Mal in Thessaloniki. Wir, Griechen und Deutsche, arbeiten zehn Tage lang zusammen, verständigen uns erstmal auf Englisch und gehen mit Fragen und Antworten aufeinander ein.
 
März 2014. Das künstlerische Team (außer uns noch Dagmar Donners und Sarit Streicher) arbeitet in einem Büro im Athener Viertel Exarchia an der Dramaturgie von „UTOPIA IN PROGRESS“. P.S.: Koffeinfreier Kaffee ist meine neueste Entdeckung, er schmeckt sogar.
 
März/April 2014. Für die letzten Proben und sieben Aufführungen von „UTOPIA IN PROGRESS“ reist die griechische Gruppe nach Konstanz. Unsere 17 jetzt feststehenden Darsteller (ein paar sind abgesprungen oder krank) reden auf der Bühne über ihre Träume und Ängste, tauschen Meinungen aus und widersprechen einander in Hinblick auf Nationalstolz, das Recht gleichgeschlechtlicher Lebenspartner auf Ehe und Kinder, die Krise des Kapitalismus und die Vorstellung von einem idealen Staat. Ende Oktober steht das Stück auf dem Spielplan des Staatstheaters Nordgriechenland in Thessaloniki.
 
Mai 2014. Ich bin zum Berliner Theatertreffen eingeladen und halte einen kleinen Vortrag über die Zukunft des Theaters. Jährlich werden die zehn bemerkenswertesten Aufführungen des deutschsprachigen Theaters hierher eingeladen. Dieses Jahr präsentieren unter anderen  Herbert Fritsch, Frank Castorf, Alain Platel, Rimini Protokoll („Situation Rooms“) und Susanne Kennedy ihre Arbeit. Dem letztes Jahr verstorbenen Dimiter Gotscheff gilt eine „Focus“-Reihe im Haus der Berliner Festspiele. Dort entdecke ich auch die „Perser“ wieder, die er auf Einladung des Griechischen Nationaltheaters im Sommer 2009 in Epidauros inszeniert hatte.
 
18. Mai 2014. „Telemachos – Should I stay or should I go“ wird beim Festival „Perspectives“ in Saarbrücken zum 45. Mal gezeigt. Das kommt bei einem Stück des Dokumentartheaters nicht so oft vor.
 
Mai/Juni 2014. Matthias Lilienthal und sein Team laden uns ein, am größten internationalen Festival Deutschlands „Theater der Welt“ mitzuwirken. Das Projekt: „X Firmen“. Es geht um drei Touren, bei denen verschiedene Arbeitsplätze in Mannheim besucht werden. Jede Tour hat sieben Stationen – Bettwarenfabriken, Geschäfte für Luxusmöbel und Brautmode, Textilbetriebe und so weiter. Die Zuschauer besichtigen sie jeweils für zehn Minuten in Vierergruppen. An der Station, deren Inszenierung wir übernehmen, arbeiten wir mit Langzeitarbeitslosen und Leuten mit Suchtproblemen, die durch verschiedene Programme wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Im Gespräch mit den Zuschauern erzählen sie zunächst von sich selbst und stellen dann Fragen an die einzelnen Teilnehmer: „Arbeitest du?“, „Bist du glücklich in deinem Beruf?“, „Was wolltest du werden, als du klein warst? Warum hat es nicht geklappt?“, „Hast du Ziele in deinem Leben?“, „Was ist einfacher? Einen guten Arbeitsplatz finden oder sich verlieben?“. Das Stück soll den Zuschauer über die Begegnung mit Arbeitslosen dazu bringen, sich mit seiner eigenen beruflichen Laufbahn und Situation auseinanderzusetzen.
 
Juni 2014. Die letzte Station dieser Saison sind Braunschweig und sein internationales Festival „Theaterformen“. In Gesellschaft von Kollegen aus dem Iran, Ägypten, Argentinien, Israel, Palästina, Brasilien und Nigeria kann ich hier Inszenierungen von Brett Bailley, Lola Arias, andcompany&Co und anderen sehen.

Leicht gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung in LIFO: www.lifo.gr/team/parastasi/49642