Eine Athener Momentaufnahme Raus aus den „Schubladen“

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SHE SHE POP kam im Juli 2015 nach Athen | Foto: Benjamin Krieg

In Brüssel beraten die europäischen Finanzminister, wie es mit der Finanzierung Griechenlands weitergehen soll, das Wort GREXIT hört man dabei immer lauter.
Nicht nur meteorologisch hat die Hitze ganz Europa im Griff. Der Saal D in den ehemaligen Fabrikhallen an der Verbindungstraße von Athen nach Piräus ist an diesem Juliwochenende ganz unerwartet so gut wie voll: Das Berliner Performance-Kollektiv SHE SHE POP zeigt dort auf Einladung des Athener Festivals seine Produktion „Schubladen“.

Eigentlich geht es in diesem Stück um den Versuch west- bzw. ostsozialisierter Deutscher, sich aufeinander zuzubewegen und eine erstarrte „Schubladen“-Optik wechselseitiger Geringschätzigkeit durch Fragen wie „Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie es ist, wenn ….“ aufzubrechen.
Doch Festivalleiter Giorgos Loukos hatte längst erspürt, dass hier über innerdeutsche Schieflagen hinaus auch eine  innereuropäische Wahrnehmungsmotorik auf dem Prüfstand steht und zu kritischer Selbstbefragung aufgefordert wird.
 
Das ursprünglich rein weiblich besetzte Kollektiv She She Pop wurde 1998 von Absolventinnen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet. Die PerformerInnen von She She Pop arbeiten außerhalb hierarchischer Theaterstrukturen, sie entwickeln und gestalten ihre Produktionen im Kollektiv. Über sich selbst sagen sie: „Wir sind keine DarstellerInnen. Vielmehr stellen wir uns selbst und gegenseitig Aufgaben und lösen sie auf offener Bühne. Aus dem eigenen Erfahrungshorizont entwickeln sich unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage. Das wird mitunter als autobiografisches Theater gedeutet. Tatsächlich ist der Bezug zum eigenen Leben eine Methode, nicht das Thema.“

Im historischen Moment vor Ort

 Um ein Haar hätten die jüngst auferlegten griechischen Kapitalverkehrskontrollen die Reise des Kollektivs nach Athen doch noch verhindert, denn nicht einmal das Festival konnte mehr ins Ausland überweisen, so dass die Zahlung für den Transport von Requisiten der „Schubladen“-Produktion blockiert war. Das Kollektiv entschloss sich jedoch zum Risiko und flog trotzdem nach Athen. Auf die Frage nach den Gründen war zu hören:
 
She She Pop: „Wenn wir hauptsächlich viel Geld verdienen wollten, dann hätten wir wahrscheinlich einen anderen Beruf gewählt. Und die Vorstellung, dass wir dem Festival ausgerechnet in der jetzigen Situation sagen: Wir sind nicht mehr mit dabei, wenn ihr nicht zahlen könnt, kam für uns überhaupt nicht in Frage. Abgesehen davon hielten wir die Geste des Festivalleiters, explizit dieses Stück und zum jetzigen Zeitpunkt einzuladen, für eine bemerkenswerte Wahl“.
 
She She Pop packte also Bühnenkleidung, Bücher, Hefte, Briefe, Notizen, ausgedruckte Mails und drei Videoprojektoren in Koffer und Handgepäck und ging mit Hilfe des engagierten Festivalteams vor Ort auf die Suche nach Tischen, Stühlen, Schubladen auf Rollen und einem Tanzteppich, bereit, Abstriche bei Ausstattung und Technik zu machen und zu improvisieren. Wieso eigentlich?
 
She She Pop: „Mal abgesehen davon, ob man ein Risiko eingeht und mit der Produktion nach Athen fährt oder ob man sich bei einer Absage womöglich hätte scheußlich fühlen müssen, war es der historische Moment europäischer Entscheidungen, den wir nicht einfach außer Acht lassen wollten. Wir wollten in diesem Moment in Athen sein. Dass die Menschen hier kürzlich so zusammengestanden sind und in einem Referendum gesagt haben: Nein, wir wollen diese Form von Politik nicht mehr, wir brauchen eine Alternative, das war für uns eine ungeheure Erfahrung. Diese Notwendigkeit einer Alternative gilt übrigens für ganz Europa“.
 
Montagmorgen: Die EU-Finanzminister tagen immer noch. In den Schicksalsstunden von „mehr als einer Währung“ (so die deutsche Bundeskanzlerin) haben die Athener sechs Frauen aus Deutschland um eine vorurteilsfreie gegenseitige Akzeptanz und eine gemeinsame Identitätsbasis kämpfen sehen. Das deutsch-deutsche ebenso gut wie ein europäisches Narrativ kann und darf nur ein vielstimmiges sein. Lücken, Ungenauigkeiten und fehlende Verbindungen gehören mit zum System. Hauptsache, man hört einander zu und redet nicht einfach nur übereinander. So die Flaschenpost von She She Pop, die vom Athener Publikum zwei Stunden lang mit Spannung wahrgenommen und sehr wohl verstanden wurde.