Die große Krise Warum lässt uns Athen in der Krise nicht kalt?

Aus "Athener Szenen"
Aus "Athener Szenen" | Foto: Yiannis Ampatziadis / Goethe-Institut Athen

Publikationen, Bürgergruppen, digitale Geselligkeit, Initiativen, Veranstaltungen ... „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass diese Stadt ihre Bewohner je so angetrieben hat. Das war nicht mal bei den Olympiaspielen 2004 der Fall. Im Gegenteil: Damals wurden Zuversicht und der gemeinsame Kraftakt von einer gehörigen Dosis Misstrauen und bewusstem Rückzug begleitet.“

Dimitris Rigopoulos versucht, das gewachsene Bürgerengagement für die griechische Hauptstadt zu erklären.

Wie kommt es, dass diese Stadt, die ersichtlich am Nullpunkt ihres Selbstbewusstseins angelangt ist, so viele Bürgerinitiativen anregen kann, so unterschiedliche ehrenamtliche Bündnisse, publizistische Experimente und dazu noch eine hohe Motivation seitens privater Sponsoren? Alle Aktivitäten möchten dort ansetzen, wo die öffentliche Hand nicht mehr imstande ist, kleinere und größere Projekte der urbanen Rekonstruktion zu finanzieren.

Wie lässt sich dieser faszinierende Widerspruch erklären?

Dazu will ich einige Gedanken mit den Lesern teilen und verspreche, mich möglichst kurz zu halten.

Drei veränderte Faktoren

Aus meiner Sicht finden im gesellschaftlichen Corpus parallel drei grundlegende Veränderungen statt, die zum Interesse am urbanen Raum Athens und zur städtischen Selbstreflexion beitragen. Die erste steht in keinem Zusammenhang mit dem, was das Land in den letzten Jahren durchmacht; die beiden anderen hängen mit den einschlägigen Entwicklungen auf die eine oder andere Weise zusammen.

Die heute vierzig- oder fünfzigjährigen Bewohner Athens sind in der Regel auch hier geboren. Sogar wenn das nicht der Fall ist und sie Athen nur als Wohnsitz gewählt haben, geschah es nicht aus der Not heraus. Diese demografische Veränderung verweist auf einen latenten Qualitätswandel von riesigem Ausmaß. Sie macht nachvollziehbar, wieso immer mehr Athener (mit oder ohne Anführungszeichen) sich für ihre Mitmenschen und den öffentlichen Raum engagieren. Zum letzteren gehören auch die sozialen Netze im Internet. Dass emotional nicht mehr Bezug genommen wird auf ein Dorf oder einen Abstammungsort oder dass beide nicht mehr konnotiert sind mit Heimweh und einem Gefühl endgültigen Verlusts, verlagert bei vielen von uns gravierende psychologische Gewichtungen. Von welcher „Nostalgie“ auch immer die Rede ist, sie betrifft nicht mehr das „Dorf“ oder die „Insel“, sondern das Athen unserer Kindheit, Pubertät und Jugend. Die Athener suchen ihren Kindheits-„Traum“ innerhalb der Stadt und nicht auf alten, vergilbten Fotos. Das zu Einen.

Zweites Stichwort: Der Schatten der Krise über unserer Beziehung zu Athen. Sicher war schon mal zu hören, dass Krisen im Umfeld kleinerer oder größerer Katastrophen dem Einzelnen auch innere Spielräume ermöglichen und entsprechende individualpsychologische Neuordnungsprozeduren beschleunigen. Was in den Jahren des Wohllebens nicht beachtet wurde, erscheint heute in einem anderen Licht und wird anders wahrgenommen. Was meine ich damit? Die Stadiou-Straße vom Klafthmonos-Platz zum Omonia-Platz war immer, und mit „immer“ meine ich meine ganz persönliche Erfahrung (ab 1980), eine eher vernachlässigte Geschäftszone mit sporadischen problematischen Brennpunkten. Heute, wo die Krise unsere Reflexe aktiviert hat, ist die Neugestaltung der Stadiou-Straße, ja eines weiten Bereichs des Stadtkerns zur zentralen politischen Forderung avanciert. Nun liegt uns etwas daran, weil die zwangsläufige Enthaltung von guten alten Konsumgewohnheiten und eine ganz individuelle Auffassung des Begriffs „Wohlleben“ letzten Endes unseren Interessenhorizont erweitert hat und uns zu besseren Bürgern macht.

Neue Erfahrungen

Die anfängliche Wut über den Verlust an Einkommen und Perspektive entwickelt sich für viele Athener zu einer kreativen Suche auf anderen und neuen Wegen. Anfänglich mag dies wie ein Wetteinsatz zum Überleben wirken, es ist aber mehr. Wenn das Modell eines abgesicherten privaten Wohlstands erschüttert wird, lassen sich die Menschen auf den öffentlichen Raum ein, um einen intelligenten Ausweg, um Austausch und neue Erfahrungen, Hoffnung und Zuversicht zu finden. Athen kann von dieser Entwicklung nur gewinnen.
Insofern wir uns dafür entschieden haben, dass dies unsere Stadt ist und, ob man will oder nicht (ich persönlich will nicht), daraus nie Barcelona oder Wien werden kann, wird klarer und deutlicher, dass wir selbst die Sache in der Hand haben. Bis weit in die Mitte der 1990er dominierte in Athen ein Zugehörigkeitsgefühl anderen Typs: zur Stadt als Dorf, dem Ort abgerissener neoklassizistischer Häuser, zum unbefleckten, idealisierten Athen des griechischen Kinos, noch bevor Grundstücksflächen gegen Appartements in Mehrfamilienhäusern eingetauscht wurden. Dies stellt meiner Meinung nach eine ebenso verheerende emotionale Reaktion dar, verständlich zwar, jedoch nur bis zu dem Punkt, wo sie kreative Menschen wieder einmal in die Passivität des Scheiterns und Selbstmitleids einsperrte, gebündelt etwa in dem Satz: „Ach, was ist bloß aus unserem Athen geworden!“

Heute, wo der Grad der Bewusstheit deutlich gestiegen, ja gereift ist, begreifen weite Bevölkerungsteile, dass die Vielfalt und Anziehungskraft Athens nicht in den trügerischen Träumen über die Wiederkehr einer definitiv verlorenen neoklassizistischen Vergangenheit zu entdecken sind, sondern dort, wo sich eine dynamische Metropole des östlichen Mittelmeers selbstbewusst vorbringt, im Geist des common sense, des Engagements und des unternehmerischen Neustarts. Wirklichkeitsbezug und Investition in Realismus vermitteln eine wichtige Botschaft: Wenn die uns überlassene Stadt nicht unbedingt dem Grund und Boden gleichgemacht werden muss, damit wir in ihr so leben können, wie wir es uns vorstellen, sondern es zulässt, für unseren Alltag optimiert zu werden, dann haben auch wir, die namenlosen Bürger, hier vermutlich etwas zu tun. Die aktive Teilhabe unter pragmatischen Vorzeichen ist es, was sich jetzt und heute in Athen ereignet. Die Ansatzpunkte sind mannigfaltig, die Verzweigungen zahlreich. In diesem Rahmen platziere ich auch die Notwendigkeit, mehr über Athen zu erfahren und zu lernen. Diesmal nicht, um Verlorenes zu betrauern. Sondern damit wir uns als vitale Glieder einer beständigen Kette empfinden, die von weit her kommt und sich weiterentwickelt, jetzt mit uns.
Das ist keine Frage des Stolzes; vielmehr sollte man wissen, wer man ist und wohin man will.