Ithaca Laundry Rückweg ins Selbstbewusstsein

Ithaca Laundry
Ithaca Laundry | © Ithaca Laundry/Spiliopoulos

Nach optimistischen Schätzungen sind in Athen derzeit ca. 17.700 Menschen obdachlos. Auch zu ihren Grundbedürfnissen gehört außer Schlafen und Essen ein sozial akzeptiertes Erscheinungsbild, für das saubere Kleidung wichtig ist. Vier junge Griechen, entweder kurz vor oder nach ihrem Hochschulabschluss, entwickelten dafür die Geschäftsidee einer mobilen Waschmaschine und nannten sie  „Ithaca Laundry“. Über Motivationen und praktische Erfahrungen sprachen wir mit dem Projektmanager Thanos Spiliopoulos.

Wieso kommt bei Ihrem Projekt die Insel Ithaka, die mythologische Heimat des Odysseus, ins Spiel?
 
Weil wir mit unserer Aktivität Menschen ohne festen Wohnsitz dabei unterstützen möchten, zurück zu ihrem persönlichen Ithaka zu finden. Wenn man keinen geschützten Platz zum Schlafen mehr hat, sich nur bei Massenspeisungen verpflegen kann und zwangsläufig die Individualhygiene vernachlässigt, geht auch das Selbstbewusstsein in den Keller. Wir fanden, man müsse diesen Leuten eine Chance für mehr soziale Akzeptanz geben, zu der saubere Kleidung und ein entsprechendes Erscheinungsbild entscheidend beiträgt. So muss man sich nicht mehr als vollkommener Außenseiter empfinden.
Man sollte sich dabei vor Augen halten, dass Waschsalons oder, wie man im Englischen sagt: Laundries, bisher in Griechenland eigentlich nicht üblich sind. Für Individualhygiene stand letztlich immer die Familie ein. Sogar Studenten, die irgendwo eine billige Wohnung finden, werden selbstverständlich von ihren Eltern mit einer Waschmaschine ausgestattet, auch heute noch in der Krise. Doch viele der Obdachlosen sind irgendwann in wirtschaftlich guten Zeiten aus der Provinz nach Athen gezogen, der besseren Berufschancen wegen, und stehen nun in der Krise ohne Arbeit da, wobei die Familie in einer ganz anderen Ecke des Landes lebt.
 
Wie viele Menschen sind derzeit in dieser Situation?
 
Die verfügbaren Zahlen stammen zwar aus 2015, haben sich aber in den letzten Monaten kaum verändert: In Athen sind demnach im Frühjahr 2016 17.700 Personen ohne festen Wohnsitz oder haben nur provisorische Unterkunftsmöglichkeiten; dazu zählen auch Wohnungen ohne Strom, die vorübergehende Aufnahme bei Freunden oder Zuflucht in Autos. Sie leben also ohne die Infrastruktur einer dauerhaften Bleibe. Von diesen 17.700 schlafen ca. 1.500 Personen ausschließlich auf der Straße. Unter diesen Umständen können Grundbedürfnisse nur sehr suboptimal befriedigt werden. In den verschiedenen Notunterkünften gibt es kaum Möglichkeiten, sich um das äußere Erscheinungsbild zu kümmern.
 
Wie geht das Team von „Ithaca Laundry“ vor?
 
Auf einen Satz verkürzt: Ein Kleinbus mit zwei Wasch- und Trockenmaschinen wird nach Zeitplänen an bestimmten Stellen in Athen platziert, wo Obdachlose ihre Kleidung waschen und trocknen lassen können.
Ende 2015 haben wir einen Kleintransporter angeschafft, Anfang 2016 die Maschinen. Die nötige Technik einzurichten, war ziemlich kompliziert: Da mussten Zufluss- und Abflussrohre installiert sowie Isolierungen und elektrische Schalttafeln angebracht werden, dazu kommt die Beleuchtung - sämtliche Elektroarbeiten wie in einer Wohnung, in dessen Badezimmer Wasch- und Trockenapparate stehen. Den ganzen Februar 2016 stand der Transporter daher in der Werkstatt. Gleichzeitig kümmerten wir uns bei der Athener Stadtverwaltung um die entsprechenden Standgenehmigungen für Stellen in der Stadt, an denen wir uns platzieren möchten, um den nötigen Anschluss an Wasserzufuhr, etwa bei Grünanlagen, vor allem aber um den Abfluss, denn Brauchwasser darf nur an bestimmten Stellen abgelassen werden. Diese Formalitäten nahmen neben der Technik sehr viel Zeit in Anspruch.
Anfang April konnten wir endlich den Betrieb aufnehmen: beim städtischen Hilfs-Hotspot am Larissa-Bahnhof und am Varvakeio-Markt in der zentralen Athinas-Straße. Bis jetzt stellen wir uns zwei Mal wöchentlich jeweils für bis zu fünf  Waschmaschinen x sieben kg maximal auf. Das dauert je zwei Stunden, nach denen die Kleidung wieder getragen werden kann. Vorab hatten wir bei NGO´s wie „Gefyra“ oder „Praxis“ unser Projekt bekannt gemacht, zumal wir unsere Dienstleistung als Teil einer ganzen Palette von Unterstützungsleistungen verstehen. Wir, die „Viererbande“ der Organisation, die für Außendarstellung, Technik, Operationales bzw. Finanzen verantwortlich sind, stützen uns auch auf ehrenamtliche Mitarbeiter: zehn bis zwölf Personen, die einmal pro Woche oder pro Monat jeweils sechs Stunden eingesetzt werden.
 
Wie und woraus wird das Projekt finanziert?
 
Die Anschubförderung kam 2015 aus dem Angelopoulos-Clinton Programm. Das Unternehmen LG Electronics ermöglichte die Anschaffung von Wasch- und Trockenmaschinen. Für Waschpulver und weiteres Material will im ersten Jahr eine große Firma der entsprechenden Produktpalette einstehen. Das Athener Inkubator-Netzwerk Impact Hub hat uns anfänglich einen Arbeitsraum für die Organisation zur Verfügung gestellt, außerdem 3.000 Euro Starthilfe und, falls erforderlich und erwünscht, eine Mentorin, sowie die Möglichkeit anwaltlicher und buchhalterischer Dienstleistungen. Wegen eines eigenen, gut funktionierenden Netzwerks von Fachleuten brauchten wir dies nicht voll ausschöpfen. Inzwischen haben wir sogar ein Büro in Athener Stadtteil Ambelokippi angemietet. Rechtlich sind wir eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts, die Gehälter zahlen kann sowie Schenkungen und Handel ermöglicht, aber nicht gewinnorientiert arbeitet.
Momentan konnten die Kosten mithilfe von Kooperationen gesenkt werden, so dass der Betrieb reibungslos aufrechterhalten werden kann. Gleichzeitig ist das Team weiterhin im Gespräch mit Sponsoren und Partnern, um den Aktivitäten nach Möglichkeit nachhaltige finanzielle Spielräume zu verschaffen.
Einnahmen aus der Arbeit selbst? Daran ist derzeit noch nicht zu denken. Möglich wäre irgendwann ein Laden mit Secondhand-Kleidern, aus dem dann unsere Aktivitäten bezuschusst würden. Auch könnten wir den Waschtransporter an bestimmten Tagen für Studenten öffnen, gegen ein geringes Entgelt. Doch handlungsleitend ist derzeit das Modell der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung(CSR).
 
Schildern Sie uns kurz die ersten Reaktionen auf „Ithaca Laundry“!
 
Wir haben ohne großes Getrommel angefangen, gerade um von dieser Personengruppe schrittweise akzeptiert zu werden. In den ersten zwei Wochen wurden ca. 60 kg Kleidung gewaschen, für Einzelpersonen, Männer und Frauen, aber auch für Familien mit Kindern, die in Wohnungen ohne Strom leben. Unser erster Leistungsempfänger, der längere Zeit keine saubere Kleidung mehr getragen hatte, kommt jetzt jeden Dienstag zu uns und kriegt auch noch einen Kaffee, während er wartet.
 
Planen Sie eine Erweiterung des Aktionsfeldes?
 
Ja, wenn auch noch mit vielen Fragezeichen; wir denken etwa an die zweitgrößte Stadt Griechenlands, Thessaloniki, oder an Flüchtlinge und Migranten. Bei letzteren handelt es sich um sehr viele Menschen, die bisher ständig unterwegs waren. Das könnte sich jetzt geändert haben. Bei unserem anfänglichen Zielpublikum, obwohl obdachlos, ist festzustellen, dass die Mobilität nicht besonders groß ist. Die Menschen halten sich gewöhnlich an der gleichen Stelle auf, ihrem „angestammten Platz“. Falls es letztlich dazu kommen sollte, dass die Flüchtlinge sich irgendwo in Griechenland auf längere Dauer niederlassen, ist diese Zielgruppe durchaus eine Option für uns. Camps oder Hotspots ohne Möglichkeiten, Kleider und Wäsche zu waschen: das wäre in der Tat ein Einsatzrahmen für uns. Daher haben wir uns auch mobil strukturiert und organisiert, um möglichst flexibel diese Dienstleistung anbieten zu können.
 
Was motiviert Sie persönlich?
 
Für mich ist es eine Gelegenheit, in der Praxis anzuwenden, was ich im Studium gelernt habe, etwas aufzubauen und vorzeigen zu können, aber auch gleichzeitig auf gesellschaftlichen Bedarf zu reagieren. Irgendwann, so stelle ich mir vor, soll der eine oder andere auch halbwegs davon leben können: ein Gehalt beziehen und Sozialversicherungsbeiträge abführen. Zu unseren mittelfristigen Zielen gehört, dass ehemalige Obdachlose auf diese Weise wieder in Lohn und Brot kommen.