​LGBT in Griechenland Die Zeiten ändern sich

Thessaloniki Pride
Thessaloniki Pride | Goethe-Institut Athen/Florian Schmitz

Die Stimmen, die für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt einstehen, werden lauter. Auch in Griechenland hat sich die Situation für die LGBT-Gemeinde in den letzten Jahren verbessert. Aber das Ringen um mehr Akzeptanz hat erst begonnen – es gibt noch viele Hürden zu überwinden. 

Als Andrea Gilbert im Mai 1989 von Brooklyn nach Athen zog, hätte sie nie gedacht, dass sie einmal die Direktorin der größten Pride-Veranstaltung in Griechenland sein würde. „Angefangen hat alles, als ich mich bei Amnesty International engagiert habe. Anfang der 2000er haben sich dann immer mehr Mitglieder der LGBT-Gemeinde (Homo-, Bi-, Trans-, und Intersexuelle) in Griechenland zusammen geschlossen. Damals gab es noch sehr viel Diskriminierung und sogar gewalttätige Übergriffe.“ Seitdem habe sich allerdings viel getan. „Früher war alles versteckt, in dunklen Clubs. Auch bei den ersten Gay Prides im Land war es nachts wesentlich voller als tagsüber. Man suchte die Anonymität der Dunkelheit“, erzählt sie. Doch in diesem Jahr gingen in Athen zehntausende Menschen auf die Straße – und zwar bei Tageslicht.
 
„Wir hatten unsere Kundgebung auf dem Syntagma-Platz, der im Herzen Athens liegt. Das kann man eigentlich nicht mehr überbieten. Und die Medien berichten überwiegend positiv.“ Natürlich gebe es immer ein paar Konservative, die am Rande stünden und die Demonstranten als Sünder beschimpften. Doch wirklich gestört habe niemand. Die Zeiten des kollektiven Massenversteckspiels scheinen vorbei zu sein. Inzwischen gibt es in Griechenland längst nicht mehr nur den Athens Pride. Auch in Thessaloniki, in Patras, auf Mykonos und in Heraklion auf der Insel Kreta gehen LGBT-Menschen mit ihren Unterstützern auf die Straße. Die Bewegung wächst merklich und immer mehr Menschen wagen sich öffentlich für ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität einzustehen.

Sexuelle Vielfalt ist Menschenrecht

Gerade in den kleineren Städten haben die Pride-Paraden hohe politische und kulturelle Relevanz. Es geht um Sichtbarkeit; darum, dass das sexuelle oder geschlechtliche Selbstverständnis als legitimes Identitätskonzept öffentlich wahrgenommen wird. „Im ersten Jahr haben viele noch aus der Ferne zugeschaut, dann sind sie immer näher gekommen und heute tanzen sie mit“, berichtet Thanos Vlahogiannis, Veranstaltungsleiter der Thessaloniki Pride. Bereits zum sechsten Mal lud die nordgriechische Stadt Menschen dazu ein, für Vielfalt und Freiheit auf die Straße zu gehen. „Dieses Jahr sind 15.000 Menschen gekommen. Und nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus Ländern des Balkans und der Türkei.“ fügt er hinzu.

Sexuelle Vielfalt ist Menschrecht "Wir sind alle unterschiedlich. Wir sind alle gleich." | Goethe-Institut Athen/Florian Schmitz Dabei wächst auch der Rückhalt von Seiten der Bevölkerung stetig. Wenn der Umzug sich durch die zentrale Tsimiski-Straße bewegt, schließen sich längst nicht mehr nur LGBT-Gruppen an. Viele Bürger haben verstanden, dass es nicht allein um sexuelle Identität, sondern um Freiheit und grundlegende Menschenrechte geht. Eine 15-jährige Schülerin war mit ihren Freunden gekommen. „Es ist wichtig, dass jeder Mensch dieselben Rechte hat, sonst verschlimmert sich die Situation auf der Welt noch weiter“, ruft sie. Leider denken längst nicht alle Bewohner der makedonischen Metropole so wie sie. Es scheinen sich aber mittlerweile viele daran gewöhnt zu haben, dass, neben den christlich-traditionellen Vorstellungen, auch andere Konzepte von sexueller- und geschlechtlicher Identität existieren.

„Hauptsache die Nachbarn wissen nichts“

Natürlich sind die Tage der Pride-Paraden alles andere als Alltag in Griechenland. Zwar gebe es nicht mehr so viel Diskriminierung wie früher, doch gerade Trans- und Intersexuelle Menschen würden bis heute stark unter Ausgrenzung und teilweise unter Gewalt leiden, beobachtet Stavros Boufidis. Der Psychiater ist spezialisiert auf die Probleme der LGBT-Gemeinde. Auch heutzutage kämen Eltern zu ihm, um ihren Sohn oder ihre Tochter von einer vermeintlichen "Krankheit" zu heilen.
„Viele Menschen hier haben das Konzept von sexueller und geschlechtlicher Identität und das Recht auf dessen Auslebung noch nicht verstanden“, erklärt er. Dabei hätte die Mehrheit der Eltern gar kein wirkliches Problem mit ihren Kindern, sondern fürchte sich eher vor sozialer Ausgrenzung.
 
„In Griechenland gibt es kein funktionierendes Sozialsystem. Das bedeutet, dass man von einem Netzwerk abhängig ist, das sich zumeist aus Freunden, Nachbarn und der Familie zusammensetzt. Viele Eltern können sich mit der sexuellen Identität ihrer Kinder arrangieren, aber sie haben Angst vor den Reaktionen der Außenwelt und davor, sozial und somit auch wirtschaftlich allein dazustehen.“ Gerade in Zeiten der Krise, in der viele junge Menschen aus finanziellen Gründen bei ihren Eltern wohnen müssen, sei dies ein großes Problem, erklärt die 37-jährige Lehrerin und LGBT-Aktivistin Filippa Diamanti. „Viele können sich erst wirklich frei entfalten, wenn sie von zu Hause ausziehen. Durch die Auswirkungen der Finanzkrise ist dieser Schritt vielen jedoch nicht möglich“.
 
Bei den Eltern ginge es dann vor allem darum, dass die Nachbarn nichts mitbekommen. Für die Betroffenen sei dies eine Qual. „Viele meiner Klienten fühlen sich in diesen Situationen gefangen“, berichtet Stavros Boufidis, „das kann zu schweren Depressionen und selbst zu Suizid führen.“ Auch deswegen sei es wichtig, dass sich mehr öffentliche Personen mit der LGBT-Gemeinde solidarisieren. So wie kürzlich Ministerpräsident Alexis Tsipras, der dem Schwulenmagazin Antivirus ein Interview gab. Für Filippa Diamanti war das eine kleine Revolution. „Selbst in der Kirche, in der einige Hardliner immer noch offen zu Hass und Gewalt gegen LGBT-Menschen aufrufen, gibt es mittlerweile gemäßigte Stimmen, die, wenn sie sich öffentlich äußern würden, sicherlich einen großen Einfluss auf die Gesellschaft hätten“ fügt sie hinzu.

Gemeinsam frei

Trotz allem Unmut hat sich in Griechenland viel getan. Es gibt mittlerweile zahlreiche Gruppen und Ortsverbände, die sich für die Rechte der LGBT-Gemeinde einsetzen und prominente Politiker, die sich auf den Pride-Veranstaltungen zu Wort melden – ein großer Schritt für mehr Menschenrechte in dem christlich-orthodoxen Land zwischen Balkan und Nahem Osten. Auf der Athens Pride nahm in diesem Jahr auch eine Gruppe homosexueller Polizisten teil, die offiziell ihren Berufsstand vertreten durften. Ihr Leiter ist Michalis Lolis, der erste Polizist Griechenlands, der sich in den Medien offen zu seiner Homosexualität bekannte. Inzwischen ist er zuständig für die neueingerichtete Antidiskriminierungsabteilung der Polizei.
 
Es sind wichtige Schritte wie diese, die immer mehr Menschen in Griechenland Mut machen offen zu ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität zu stehen und das Versteckspiel endlich hinter sich zu lassen. „Natürlich haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Wir müssen vor allem das Bildungssystem reformieren und sexuelle Stereotype aus den Schulbüchern verbannen. Außerdem müssten wir auch die Lehrer schulen, da viele einfach zu wenig über das Thema wissen“, erklärt Filippa Diamanti. All diese Probleme sind natürlich längst nicht auf Griechenland beschränkt. Überall in Europa gibt es, neben der gewonnenen Freiheit, auch immer noch zu viel Diskriminierung.
 
Es ist den vielen bestehenden Netzwerke zu verdanken, dass geschlechtliche und sexuelle Vielfalt längst keine Randthemen mehr sind. Durch das Internet und die Sozialen Medien ist es immer einfacher geworden, sich zu informieren und mit anderen in Kontakt zu treten. Geholfen hat dabei sicherlich auch, dass sich die Menschen Europas immer mehr im Austausch befinden und sich zu wichtigen Themen über Grenzen hinaus vernetzen. Es ist genau diese breite Öffentlichkeit von der ein Bruch mit alten Zwängen und eine Art Befreiung ausgeht. Es ist genau diese Gemeinschaft, in der Betroffene trotz aller Widrigkeiten, Halt und Unterstützung erfahren.
 
 

Wer in Griechenland von gewalttätiger Diskriminierung betroffen ist, einen Vorfall melden oder sich informieren will kann unter der Nummer 11 414 rund um die Uhr einen Ansprechpartner der Polizei erreichen.