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Berlinale-Blogger 2019
Mein Hunger und Ich

"When Tomatoes Met Wagner": Marianna Economou
"When Tomatoes Met Wagner": Marianna Economou | Foto (Ausschnitt): © Myrto Papadopoulos

Berlinale Blogger Gerasimos Bekas hat Verspätung, Hunger und bekommt beim “kulinarischen Kino” nichts zu essen, dafür aber ein Meisterwerk zu sehen. 

Von Gerasimos Bekas

Ich will When Tomatoes met Wagner von Marianna Economou sehen und bin spät dran. Der Bus kam nicht. Ich hetze ins Kino, stolpere über eine junge Frau im Bärenkostüm, die einem Filmteam erzählt, dass sie schon immer auf dem Berlinale-Poster sein wollte. Für eine kritische Intervention bleibt keine Zeit, ich muss in den Kinosaal, der Film hat angefangen. Ich nehme den ersten freien Platz und merke: hier stimmt etwas nicht. Wo ist das Essen?

Ist das nicht das Konzept dieser Sektion, dass man isst und Filme guckt? Ich habe in mir nichts als zu viel Kaffee und eine halbe Banane. Wie soll das funktionieren? Richard Wagner ist schon satt und zufrieden eine Zumutung für mich. Und muss ich jetzt Leuten auf der Leinwand beim Essen zuschauen, während ich verhungere?

Doch plötzlich befinde ich mich in einem Dörflein bei Karditsa, da, wo Griechenland nicht der Sommerurlaubstraum ist, mit dem wir uns über den Winter trösten, sondern wo Felder und Menschen immer ein bisschen ausgeblichen sind. Egal zu welcher Jahreszeit. Dort wachsen Tomaten, die wie Tomaten schmecken. Wo sonst lässt sich das behaupten?

"When Tomatoes Met Wagner": Marianna Economou "When Tomatoes Met Wagner": Marianna Economou/Alexander and the Aunties Olga, Agathi, Niki, Stavroula, Katina (from left to right ) | Myrto Papadopoulos In einer Welt, in der nicht jeder Prozess optimiert und nicht jede Aussage per Google auf ihre Richtigkeit überprüft wird, können die Cousins Christos und Alexandros darüber fachsimpeln, wie die Welt und der Kapitalismus funktionieren, und welche Musik ihre Tomaten gern hören.

Die “Tanten” dieser Männer, fünf alte Damen aus dem sterbenden Dorf, verarbeiten in einer improvisierten Manufaktur Honig und Tomaten, scherzen und tratschen und lassen sich dabei von Alexandros Geschichten erzählen, während die Tomaten Musik hören, zum Glück nicht nur Wagner, sondern auch griechische Klarinetten. Mein epirotisches Herz schlägt höher.

Die Bilder sind ruhig, präzise und dabei unprätentiös. Die Protagonisten sind so liebevoll inszeniert, dass ich denke, ich kenne sie schon ewig. Es ist ein Film über das Storytelling auf sehr vielen Ebenen und er erzählt dabei eine berührende Geschichte.
 

Gemeinsam macht sich die Truppe auf den Weg nach Brüssel, um zu sehen, was aus den Paketen wird, die sie dorthin schicken. Ein Großhändler dort staunt darüber, wie viele Tomaten in ein kleines Glas passen. Ich staune darüber, wie viel Menschlichkeit in einen Film passt. Bravo, Marianna.

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