"Fuocammare" und "Soy Nero" Die Flüchtlinge und der Favorit

Soy Nero
© Christos Karamanis

Die mit Risiken einhergehenden Zäsuren in den persönlichen Biografien zweier Regisseure: Gianfranco Rosi  (der von Eritrea nach Italien geflüchtet ist) und Rafi Pitts (Flüchtling aus dem Iran in Richtung England) haben deren Optik auf das große Thema der Tage geprägt: den illegalen Grenzübertritt  von ganzen Bevölkerungsgruppen, die auf der Flucht sind; daraus sind zwei beachtliche Filme entstanden, nun präsentiert bei der Berlinale.

Wenngleich von grundsätzlich unterschiedlicher Machart, beeindruckt in beiden Filmen der leise, kaum je hörbare Aufschrei der Verzweiflung. Es wäre eine wirkliche Überraschung, wenn man den exzellenten Dokumentarfilm Fuocammare von Gianfranco Rosi nicht mit einem der großen Berlinale-Preise verabschieden würde. Sein Thema: Wie Welten aufeinanderprallen, 127 Seemeilen von Sizilien und kaum 70 von Tunesien entfernt, auf der winzigen Insel Lampedusa, wo ein 12-jähriger Junge heranwächst während hunderte von Menschen eine schreckliche Fahrt übers Meer hinter sich gebracht haben, um eben dort zu landen.

Unterwegs mit einer Schleuder fantasiert der 12-jährige Samuele pausenlos imaginäre Feinde hinter den Kakteen. Das viele Zielen mit zugekniffenem Auge hat Folgen für dessen Sehkraft. Aus dem Vakuum der Pubertät heraus wird er zum witzigen eingebildeten Kranken. Gleichzeitig sehen hunderte Afrikaner dem Tod ins Auge bei ihrem Versuch, einen Fuß auf Samueles Insel zu setzen. Rosis Filmaufnahmen fassen ausschnittsweise Details aus Begegnungen mit den Helferteams zusammen:  etwa mit dem Inselarzt, einem Helden des Alltags, wenn er an einer mit Zwillingen schwangeren Frau eine Ultraschalluntersuchung durchführt; er hält den trostlosen Blick eines Flüchtlings fest, dessen Auge unmenschlich misshandelt wurde, genauso wie ein spontan zustande gekommenes Fußballspiel Eritrea gegen Libyen.
Eine gleichsam ethnografische Perspektive, die distanzierte Herangehensweise sowie der Verzicht auf Voice-over-Erklärungen, pflichtgemäß absolvierten Interviews und stromlinienförmiger Themennutzung nach Medienvorgaben zeichnen diesen vorbildlichen Fly-on-the-wall-Dokumentarfilm aus.

Den atmosphärischen Gegenpol stellt der Film Soy Nero dar, den der Regisseur Rafi Pitts all jenen Mexikanern widmet, die als Freiwillige der US-Armee im Mittleren Osten eingesetzt wurden, um sich auf diesem Weg die begehrte Green Card für die USA zu sichern. Belohnt hat man diesen Einsatz nicht; vielmehr wurde ihnen nach dem Militärdienst die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Der charismatische Regisseur der Filme It´s Winter und The Hunter stellt erneut einen Flüchtling in den Mittelpunkt. Je mehr Kräfte dieser Mensch aufbietet, um zu einer nationalen und existentiellen Identität zu kommen, desto häufiger muss er sich notgedrungen durch Zäune oder Bombenangriffe schlagen, in einem Niemandsland militärischer Grenzposten. Mag sein, dass der nichtlineare Schnitt mitunter kaum zum gewünschten Ergebnis führt, oder dass Pitts auf US-amerikanischem Boden nur gelegentlich so treffsicher ist wie in seinem Geburtsland, doch aus seiner einfühlsamen Hinwendung zu einem Menschen auf der Flucht ist wie immer ein spannendes Filmporträt entstanden.