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Berlinale Blogger 2018
Rauchen, Saufen, Schaffen

Thomas Stubers "In den Gängen"
Thomas Stubers "In den Gängen" | Filmstill: © Sommerhaus Filmproduktion

In den Gängen wird ein deutscher Kultfilm, glaubt unser Berlinale-Blogger Gerasimos Bekas. Der trostlose Teil Ostdeutschlands wird im Film authentisch und witzig verewigt.

Von Gerasimos Bekas

Während der Berlinale habe ich gelernt, dass der übermäßige Konsum schlechter Filme körperliche Schmerzen auslösen kann. Ich scheine damit nicht allein zu sein, denn die Anfangssequenz von Thomas Stubers In den Gängen lässt eine derartige Euphorie durch den Berlinale-Palast gleiten, dass alle zu denken scheinen: endlich mal ein guter Film.

Stuber macht das smart bis waghalsig und lässt Gabelstapler zu dem berührtem Walzer von Strauss An der schönen blauen Donau durch die Gänge fahren. Alle denken an Kubrick. 2001 A Space Odyssey. Ist das genial oder anmaßend? Die Presse freut sich zumindest, weil sie die Referenz erkennt und lacht bei den ersten Dialogen erleichtert auf.
In den Gängen konfrontiert die Berlinale-Besucher, ausgerechnet als deutscher Film, mit einer völlig fremden Welt, fernab der roten Teppiche, und dabei nur eine Autofahrt entfernt.

Nachts im Großmarkt

Wir dürfen die Belegschaft eines Großmarkts in Ostdeutschland durch die Nachtschichten begleiten. Die Worte sind knapp. Der Alkohol fließt. Ständig und überall wird geraucht. Nie sah ich Rauchen unästhetischer inszeniert, als auf der Mitarbeitertoilette des Markts. Natürlich ist es verboten dort zu rauchen und natürlich wird es trotzdem gemacht. Überhaupt gibt es klare Vorschriften und Anweisungen für alles und jeden und niemand hält sich daran. Alles geht, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Ja, der Film sollte unbedingt in Griechenland laufen.

Monotoner Mikrokosmos

Es ist auch ein Film über Arbeit, über das Schuften. Der Kunde taucht kaum auf, steht aber im Mittelpunkt jedes Handelns. Die Führungsetage bleibt unsichtbar, wir sind beim Bodenpersonal, das Befehle empfängt und sich in seinem monotonen Mikrokosmos eingerichtet hat. Die Welt da draußen können die Kollegen genauso wenig verstehen, wie sie umgekehrt auf Verständnis hoffen können. Der eine macht sich Sorgen, sein Sohn sei verrückt geworden, weil er studieren wolle. Der andere wäscht sich nicht und isst Würstchen aus der Tonne.
 
Automaten sind allgegenwärtig. Der Kaffeeautomat im Aufenthaltsraum wird zur Oase, der Spielautomat in der Kneipe zum Hoffnungsträger und der Kuscheltierautomat zum verzweifelten Aufbäumen im Namen der Liebe. Leider zerfranst der Film in der zweiten Hälfte und erzählt etwas ziellos. Was für mich aber den Film rettet, sind die durchweg großartigen Schauspieler um Rogowski und Hüller und das musikalische Konzept. Unorthodox, variantenreich und treffsicher schafft die Musik eine Atmosphäre, die mir den Schwermut der Protagonisten einpflanzt und mir zuflüstert: Fahr mal lieber ans Meer.
     

 

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