Ein einzelgängerischer Thessaloniker Kosmopolit

  • Bei der 40-Jahresfeier des Instituts am 10. November 1995 © Goethe-Institut Thessaloniki
    Bei der 40-Jahresfeier des Instituts am 10. November 1995 © Goethe-Institut Thessaloniki
  • Posadowsky, Porträt von Kostas Loustas (Privatarchiv der Loustas-Erben), entstanden 1992. Es gehört zu einer Reihe von „80+1 Porträts Thessaloniker Persönlichkeiten, ausgestellt im Rahmen der 28. Dimitria-Festspiele Oktober 1993 in der Städtischen Galerie Thessaloniki.
    Posadowsky, Porträt von Kostas Loustas (Privatarchiv der Loustas-Erben), entstanden 1992. Es gehört zu einer Reihe von „80+1 Porträts Thessaloniker Persönlichkeiten, ausgestellt im Rahmen der 28. Dimitria-Festspiele Oktober 1993 in der Städtischen Galerie Thessaloniki.
  • Reverenz gegenüber dem griechischen König Konstantin, Thessaloniki, 27. Oktober 1967 (Privatarchiv D. Vakalis)
    Reverenz gegenüber dem griechischen König Konstantin, Thessaloniki, 27. Oktober 1967
Der Graf legt das russisch-deutsche Wörterbuch beiseite und klappt den dritten Band von „Krieg und Frieden“ zu. In das sechste Stockwerk seiner Hochhauswohnung dringt der Straßenlärm der sechsspurigen Egnatia nur noch als grundierender Dauerton aus gleichförmigen Sequenzen: Anfahren, Abbremsen, Durchstarten, Abbremsen, Anfahren.

Durch die geräuschlos schwingenden Gardinen kann der Graf die Ruinen der östlichen Stadtmauer sehen und die spätrömische Rotunda mit ihrem türkischen Minarett, in dessen Umkreis manchmal die Rentner mit kleinen Messern und Plastiktüten den Löwenzahn sammeln für ihren Salat. Wie ein gefesseltes Schalentier lag die Rotunda jahrelang hinter Gerüsten und Gittern, vielleicht 1600, vielleicht 1700 Jahre alt, eingekreist von Hochhäusern. Keiner weiß genau, was sie war. Hippodrom, Mausoleum? Ihre Mosaiken sind noch nicht enträtselt.

Es ist staubig in der Wohnung. Die Wände tragen jene Farbe, die allein der Zeit gelingt, ein vergangenes Weiß, das sich im Lauf der Jahrzehnte verdunkelt hat. „Schauen Sie her, das sind meine altgriechischen Bücher, und da die lateinischen, hier die portugiesischen, die spanischen, die französischen, die hatte ich damals während des Studiums in Paris gekauft.“ Aus dem Arbeitszimmer leuchten golden die abgegriffenen Buchrücken einer alten Grillparzer-Ausgabe, und daneben stehen Goethes Werke letzter Hand, Cotta 1830. „Ich fing damals ganz neu an. O kírios Goethe? Ist dort der Herr Goethe? fragte man mich am Telefon. O idios! Persönlich! sagte ich dann. Man dachte, ich mache hier ein Privatunternehmen auf. Nun gut, mit der Zeit hat es sich dann schon herumgesprochen, wer Herr Goethe war.“

Kurt Graf von Posadowsky-Wehner gründete 1955 das Saloniker Goethe-Institut, 1960 die deutsche Abteilung der Aristoteles-Universität Thessaloniki und war zwanzig Jahre im Vorstand der deutschen Schule. Heute ist er 86 Jahre alt und gelassen. Die Risse in seinen Wänden, vom großen Beben 1978, bleiben in weißen Zacken verputztes Wetterleuchten, zwischen denen ein Familienwappen, ein alter Stich oder das kolorierte Hochzeitsfoto seiner Eltern (Konteradmiral Harry Graf von Posadowsky-Wehner und Erika Witzleben-Normann) ältere Geschichte zitieren.

Wenn der Graf nicht liest, erinnert er sich. Zum Beispiel an den letzten König Konstantin, dem er noch die Hand schüttelte. 1967 war das. „Und seine Mutter Friederike war ja ein bißchen verrückt. Sie lebte meist in Indien mit einem Guru. Griechisch sprach sie nicht, wie überhaupt die ausländischen Frauen in Saloniki kaum Griechisch gelernt haben. Später ist sie in Madrid gestorben; ihre Tochter Sofia ist ja noch dort.“ Und dann der Putsch. „Wenige Tage zuvor hatte ich Konstantin noch mit Papadopoulos zusammen gesehen und wirklich nicht gedacht, dass er so einen Putsch machen wollte. Dann rollten die Panzer, und zwei, drei Tage durfte man nicht auf die Straße gehen. Aber dann war das Leben wieder normal.“ Sieben Jahre normale Militärdiktatur? Zweifel überhört der Graf. „Ich hatte gute Beziehungen zu den Gegnern des Militärs. Aber auch zu Leuten, die dazugehörten.“ Einer seiner ehemaligen Schüler sei damals sogar Kulturminister geworden. „Ich habe lachen müssen“, sagt der Graf, „Kulturminister! Davon hatte der keine Ahnung.“

Der alte Graf wird nicht zu seiner Tochter an den Starnberger See ziehen, um einen beschaulichen Lebensabend zu verbringen. Irgendetwas hält ihn in diesem Hochhaus hinter den windigen Vorhängen einer heftigen Stadt. Vielleicht steht die Antwort im neunten oder zehnten Band seiner Memoiren, an denen er unermüdlich tippt. Vorläufig begnügt er sich mit dem Hinweis, er sei ein wenig einzelgängerisch und ein Thessaloniker Kosmopolit.

Thessaloniki, 1989 

Auszug aus: Angelika Overath, „Thessaloniki“, in: Händler der verlorenen Farben. Wahre Geschichten. Lengwil: Libelle 1998, 77-79. Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.