Theatertreffen 2015 Internationale Bühnenkunst

Im Rahmen des Theatertreffens wird auch das Internationale Forum arrangiert.
Internationales Forum - Theatertreffen Berlin | © Piero Chiussi

Politisch explosiv, experimentell und provokanter denn je – so wurde das diesjährige Theatertreffen in Berlin beschrieben. Wir sprachen mit dem schwedischen Dramatiker August Lindmark, der uns einen Einblick in den Festivalalltag gewährt hat.

Die Jury des Theatertreffes wählt jährlich zehn Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum aus, die im Rahmen des zweiwöchigen Berliner Festivals aufgeführt werden – eine Art „Top 10” des deutschsprachigen Theaters. In diesem Jahr wurden 379 Inszenierungen gesichtet und das Programm reichte schließlich von Bertolt Brechts Baal, inszeniert von Regiegigant Franz Castorf, über die stilisierte Interpretation des Fassbinder-Films Warum läuft Herr R. Amok? der gefeierten jungen Regisseurin Susan Kennedy bis hin zu Thom Luz‘ Atlas der abgelegenen Inseln, einer musikalischen Inszenierung nach dem gleichnamigen Buch von Judith Schalansky. Kennzeichnend fürs Theatertreffen sind die lebhaften Diskussionen zwischen Theatermachern und Besuchern im Anschluss an die Vorstellungen. Außerdem fährt das Festival ein beachtliches Angebot an Paneldebatten, Filmvorführungen und Workshops auf.

Im Rahmen des Theatertreffens wird auch das sogenannte Internationale Forum arrangiert, ein Stipendienprogramm für junge Bühnenkünstler aus aller Welt, das unter anderem vom Goethe-Institut unterstützt wird. 1965 ins Leben gerufen, gilt das Internationale Forum heute als eine der wichtigsten europäischen Plattformen für junge Theatermacher. Uwe Gössel, der das Forum lange leitete, beschrieb es einmal als einen „utopischen Raum, in dem man experimentieren und auch mal Irrwege gehen kann, ohne von den Marktbedingungen der Wirklichkeit abgelenkt zu werden”. 2015 wird das Forum von Daniel Richter geleitet, und einer der diesjährigen Teilnehmer war der schwedische Schauspieler und Regisseur August Lindmark von Teaterrepubliken in Malmö. Die freie Theatergruppe hat sich durch ihren satirisch-scharfsinnigen Umgang mit aktuellen Themen und Inszenierungen wie Teaterrepubliken öppnar apotek (Teaterrepubliken eröffnet Apotheken) oder Jimmie Åkesson/Den utomeuropeiska invandringen (Jimmie Åkesson/Die außereuropäische Einwanderung) einen Namen gemacht.

Wie würden Sie das Internationale Forum beschreiben?

„Wir haben zehn Inszenierungen erlebt, aber noch viel mehr”, erklärt Lindmark. Wir treffen uns in einem belebten Café im Stadtteil Prenzlauer Berg. „Hochqualitatives Theaterhandwerk zu sehen, ist sehr stimulierend. Plötzlich schwirren mir etliche Ideen durch den Kopf, und ich bekomme große Lust, sie nach meiner Rückkehr in die Tat umzusetzen.“

Lindmark kommt gerade aus dem Haus der Berliner Festspiele in Berlin-Charlottenburg. Jeden Tag haben die Stipendiaten Programm von 10 bis 23 Uhr und sind außerdem aktiv an verschiedenen Seminaren beteiligt. Lindmark betrachtet das Forum als Möglichkeit, zeitgenössisches deutschsprachiges Theater zu erleben und sich mit den anderen Teilnehmern auszutauschen. „Spricht man über seine eigene Arbeit, dann erkennt man, dass sie auch einen Wert für andere hat.”

Er erläutert, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen der verschiedenen Teilnehmer aussehen. Dies wir besonders deutlich, wenn Stipendiaten aus Ländern, in denen das Theatermachen unter erschwerten Bedingungen stattfindet, dem Irak oder Russland zum Beispiel, ihre Situation beschreiben. Das Thema Zensur wurde im Rahmen des Forums intensiv diskutiert.

Eine andere wichtige Frage galt dem Thema Repräsentation: Wer spricht auf der Bühne und für wen? Eines der zehn ausgewählten Stücke ist Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen, das sich auf Aischylos Tragödie Die Schutzflehenden und die Besetzung der Votivkirche in Wien durch Flüchtlinge 2012/2013 bezieht. Der Regisseur Nicolas Stemann lässt Teile des Textes von Lampedusa-Flüchtlingen vortragen, was zu hitzigen Diskussionen geführt hat.

Welche anderen Inszenierungen haben Sie besonders beeindruckt?

„Common Ground der österreichisch-israelischen Theaterregisseurin Yael Ronen. Das Stück behandelt den Balkankrieg und war unglaublich stark.“ Common Ground basiert auf den Kindheitserfahrungen der mittlerweile in Berlin ansässigen Schauspieler im ehemaligen Jugoslawien. Ronen, die 2010 mit Third Generation im Stockholmer Dramaten gastierte, hat schon früher die biografischen Hintergründe der Schauspieler in ihre Arbeit einfließen lassen und bezeichnet Common Ground als Forschungsprojekt.

Außerdem nennt Lindmark die österreichische Inszenierung Die lächerliche Finsternis, für die der Dramatiker Wolfram Lotz auf Joseph Conrads Heart of Darkness und Francis Ford Coppolas Apocalypse Now zurückgegriffen hat, um Probleme der Gegenwart zu beleuchten. Dabei geht es um Themen wie die Überfischung der Meere, den Balkankrieg oder Begegnungen mit dem Islam.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen dem zeitgenössischen deutschen und schwedischen Theater?

”Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied in der deutschen und schwedischen Schauspieltradition. In den Inszenierungen, die ich gesehen habe, wenden sich die Darsteller zum Großteil an das Publikum. Im nordischen Theater dahingegen gibt es einen Hang zum illusionistischen und emotionalen Theater, das die vierte Wand nicht thematisiert.
Lindmark bemerkt, Teaterrepubliken liege, was die Sicht auf die Schauspielkunst angeht, der deutschen Tradition näher als andere schwedische Theatergruppen. Als Regisseur und Schauspieler hat er sich um die Entwicklung einer Handschrift bemüht, die das, was er als nordischen und deutschen Schauspielstil beschreibt, kombiniert. „Wenn ein Zuschauer während der Vorstellung zur Toilette geht und glaubt, ich würde nichts davon merken, dann habe ich etwas falsch gemacht. Es geht mir darum, gegenüber dem Publikum eine gewisse Verletzbarkeit zu zeigen.”

Der deutsche Regisseur Michael Thalheimer, dessen gefeierte Woyzeck-Inszenierung 2013 im Dramaten in Stockholm gezeigt wurde, habe ihn stark inspiriert, erklärt Lindmark. Der Theaterkritiker Lars Ring schrieb damals: „Michael Thalheimer bietet eine Kontaktfläche zu großem europäischen Theater, die Teile der schwedischen Theaterwelt als Korrelat für einen oftmals zähen psychologischen Realismus brauchen.”

Was bringt die Zukunft?

Allmählich wird es Zeit, das Café im Prenzlauer Berg zu verlassen, und schon bald werden die 38 Teilnehmer des Internationalen Forums, hoffentlich mit jeder Menge neuer Erfahrungen und Wissen im Gepäck, in ihre Heimatländer zurückkehren. „Meine Teilnahme hier war sehr inspirierend“, meint Lindmark. „Ich habe viele interessante Ideen bekommen, die ich mit Teaterrepubliken ausprobieren möchte.”
 
Als ich ihn bitte, dies näher zu erläutern, lacht er auf und erwidert: „Das ist noch geheim.”