Interview mit Gunilla Palmstierna-Weiss „Nie wieder spreche ich diese Sprache“

Minnets spelplats von Gunilla Palmstierna-Weiss
Minnets spelplats (beskuren omslagsbild) © Albert Bonniers Förlag

Als Kind erlebte Gunilla Palmstierna-Weiss die Schrecken des Zweiten Weltkriegs bei der  Bombardierung von Rotterdam. Ihrer Familie gelang die Flucht – ausgerechnet über Berlin – nach Schweden, wo sie später Peter Weiss begegnen sollte. Dass sie auch deutsch sprechen konnte (sie hatte die Sprache während eines längeren Aufenthalts in Österreich gelernt) enthielt sie ihrem zukünftigen Ehemann allerdings lange vor.

Als Gunilla Palmstierna-Weiss gegen Kriegsende aus Holland über das von Bomben verwüstete Berlin nach Schweden kam, fühlte sie sich völlig fremd. Ihre Mutter Vera Palmstierna-Herzog, eine Ärztin, die nach einer bei Sigmund Freud in Wien absolvierten Analyse als Psychoanalytikerin arbeitete, hatte einen Holländer geheiratet, der ebenfalls Psychoanalytiker war. Mit ihrem neuen Mann und ihren Kindern zog Vera Palmstierna-Herzog von Wien nach Rotterdam, wo die Familie die Bombardierung und Kapitulation der Stadt erlebte. Gunilla Palmstierna-Weiss wurde Zeugin der Essensknappheit, der deutschen Besatzung sowie der grausamen Behandlung der holländischen Juden, ihrer Helfer und der Mitglieder des Widerstands. Sie alle ereilte dasselbe Schickal. Als es der Familie dann gelang, sich nach Schweden durchzuschlagen, kamen sie in ein Land, das von all dem keine Kenntnis zu haben schien:
 
Die Schweden hatten keine rechte Ahnung von dem, was vor sich ging. Ich fühlte mich sehr fremd. Und mein Schwedisch klang altmodisch, weil ich es nur von meiner Mutter gelernt hatte, die streng auf ihre Sprache achtete. Slangausdrücke waren verpönt. Genau wie Peter hatte ich also ein spezielles Verhältnis zur schwedischen Sprache.
 
Gut gerüstet durch den umfangreichen Sprachunterricht ihrer holländischen Schulzeit gelang Gunilla Palmstierna-Weiss jedoch ein rascher Übergang zum Schwedischen: Sie hatte Deutsch, Französisch, Englisch, Latein und Altgriechisch gelernt, ihr Bruder Hans Palmstierna dazu noch Hebräisch, eine Sprache, die während der deutsche Besatzung verboten war.
 
Anders als ich hatte Peter Schwedisch aus Wörterbüchern gelernt. Manchmal hat er deshalb Ausdrücke verwendet, die altmodisch wirkten, das gab einen sehr spannenden Effekt.
 
In ihrer 2013 im Verlag Bonnier erschienenen Autobiographie Minnets spelplats (Spielstätte der Erinnerung, eine deutsche Ausgabe ist für 2017 geplant) erzählt Gunilla Palmstierna-Weiss, wie sie sich als Teenagerin nach Kriegsende schwor, nie mehr deutsch zu sprechen. Viele Jahre lang wusste ihr zukünftiger Mann überhaupt nicht, dass sie zum Teil mit seiner Muttersprache aufgewachsen war:
 
Als ich Peter kennenlernte, war es nur logisch, dass wir schwedisch sprachen, aus mehreren Gründen: unser ganzes Umfeld war schwedisch, und Peter hatte den Entschluss getroffen, sich sprachlich völlig zu assimilieren. Unsere sonstigen Sprachkenntnisse waren nie ein Thema. Problematisch wurde es, als ihn enge Freunde in Schweden besuchen kamen und mit ihm deutsch redeten. Damals, als ich als Teenagerin Holland und das Kriegsgeschehen hinter mir ließ, hatte ich mir geschworen: Nie wieder spreche ich diese Sprache. Aber als dann Peter eines Tages zu einer Tagung der Gruppe 47 nach Deutschland eingeladen wurde und er sagte, ich solle besser nicht mitkommen, ich würde ihm nur zur Last fallen, gab ich nach sieben Jahren auf und antwortete ihm auf Deutsch. Er war natürlich ziemlich wütend.
Wenn wir mal von dieser persönlichen Geschichte absehen, hat sich die schwedische Gesellschaft nach dem Krieg ja enorm verändert: Deutsch büßte zugunsten des Englischen seine Rolle als Kultur- und Bildungsprache ein, und das ist heute immer noch so. Bei seiner Ankunft war Schweden sehr in sich geschlossen und Peter blieb gar nichts anderes übrig, als zu versuchen, sich anzupasssen und mit der Sprache und Geschichte des Landes vertraut zu werden. Selbstverständlich hat er Anschluss an Schriftstellergruppen wie die „Fyrtiotalisten“ und „Femtiotalisten“ gesucht, die Generation der 40er und 50er Jahre. Aber auch zu Schriftstellern, die der Generation der 30er Jahre angehörten, wie etwa Artur Lundkvist, der ein enger Freund wurde. Schon nach ein paar Jahren sprach Peter schwedisch ohne Akzent. Die Leute hielten ihn oft für einen Nordschweden. Das lag bestimmt an seiner Musikalität, seinem besonderen Sprachgefühl.
 

Ein Aspekt, der Palmstierna-Weiss zufolge gerade in Deutschland bei Diskussionen über Peter Weiss’ Werk oft übersehen wird, ist seine Prägung durch die schwedische Gesellschaft und Kultur:
 
Peter kam in ein Schweden, das lange von Krieg verschont geblieben war und in dem die Demokratie Zeit hatte, sich allmählich durchzusetzen. Wir haben zwar erst 1921 das Frauenwahlrecht bekommen, aber Frauen hatten in Schweden mehr Handlungsspielraum als in anderen Ländern. Klar haben die über vierzig Jahre in diesem Land auf ihn abgefärbt. Ohne in Schweden gelebt zu haben, hätte er unmöglich die Frauenporträts in der »Ästhetik des Widerstands« schreiben können.
 

Peter Weiss und Gunilla Palmstierna-Weiss arbeiteten 30 Jahre lang künstlerisch zusammen und bekamen vom Schaffen des jeweils anderen entscheidende Impulse. Man vergesse oft, meint Gunilla Palmstierna-Weiss, wie sehr Peter Weiss’ Zeichnungen und Texte von den Frauen beeinflusst waren, mit denen er zusammenlebte. Außerdem waren diese Künstlerinnen wichtig für seine Kontakte mit den kulturellen Zirkeln Stockholms. So war er in den 40er Jahren mit der Künstlerin Helga Henschen verheiratet, Tochter des Professors für pathologische Anatomie Folke Henschen und der Frauenrechtlerin Signe Thiel:
 
Während seiner Zeit mit Helga Henschen wurden die Buchumschläge, die er gestaltete, blumiger. Als er später eine Beziehung mit der dänischen Künstlerin Le Klint einging, nahm Peters visueller Ausdruck chaotischere Züge an, um sich dann, als er mich kennenlernte, in Richtung Vereinfachung und hin zu architektonischen Formen zu bewegen. Natürlich hatte Peter seine ganz eigene Ästhetik, aber ich sehe jeweils eine deutliche Verbindung zu den Künstlerinnen, mit denen er sein Leben geteilt hat – wenn Künstler zusammenleben, beeinflussen sie sich gegenseitig. Das gilt für Frauen wie für Männer.
 
Ein anderer wichtiger Aspekt, der in der Diskussion über Peter Weiss’ literarisches Schaffen oft zu kurz kommt, ist nach Meinung von Gunilla Palmstierna-Weiss die schwedische Literatur, in deren Tradition Peter Weiss stand.
 
Aus deutscher Sicht fehlt häufig der Blick für die Tradition der schwedischen Arbeiterliteratur, an die Peter angeknüpft hat: etwa Artur Lundkvist, Maria Wine, Sonja Åkesson, Ivar-Lo Johansson, Eyvind Johnson und andere. Sie gehörten zu unserem Freundeskreis! Man kann das in der „Ästhetik des Widerstand“ sehen, wo es um Arbeiter geht, die sich in einem langwierigen, mühseligen Prozess Kultur aneignen und ein politisches Bewusstsein entwickeln. Peter hatte selbst eine lückenhafte Schulbildung, er war ein Autodidakt, weil Flucht und Emigration ihn zwangen, vorzeitig das Gymnasium zu verlassen. Er hat nie an der Universität studiert. In Deutschland hat man das nicht zur Kenntnis genommen, häufig ist die Rede von der „Ästhetik des Widerstands“ als einer Wunschautobiographie, und man erschöpft sich in Ausführungen über Peters Privatleben. Dabei ist er ein Teil der schwedischen Literaturgeschichte, der schwedischen Volksbildungstradition, des Engagements für eine demokratische Gesellschaft – das kriegen viele einfach nicht in den Kopf. Wenn man nach 40 Jahren im Land, nach zwei Generationen nicht schwedisch wird – wann dann?