Geschichte Zeitgenosse Luther?

Luther auf dem Reichstag in Worms (kolorierter Holzschnitt, 1557)
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Mit Blick auf die Person Martin Luthers ist nicht zu übersehen, dass und wie sie einer zum Teil erschreckenden Aktualisierung unterworfen wird. Das zeigen schon einige Fragen, die im Rahmen des Reformationsjubiläums immer wieder aufgeworfen werden: Was würde Luther uns heute wohl sagen? Oder: Was hätte Luther dazu wohl gesagt? Luther soll zum Zeitgenossen werden.

Schon bevor das Jahr 2017 sein kalendarisches Ende erreicht hat, ist klar, dass es – neben anderem – als das Jahr des Reformationsjubiläums in die Annalen eingehen wird. Man kann dieses Jubiläum, gefeiert aus Anlass des 500. Jahrestages der Veröffentlichung der 95 Thesen gegen den Ablasshandel, in unterschiedliche Phasen einteilen. Phase 1 zeichnet sich durch einen recht langen Atem aus. Es handelt sich um den extrem langgezogenen Auftakt der bereits 2008 durch die Evangelische Kirche in Deutschland ausgerufenen Lutherdekade und das damit eingeläutete Jubiläumsjahrzehnt. Phase 2 hat mit dem 31. Oktober 2016 (dem 499. Reformationsjubiläum) begonnen, als das letzte Jahr der Lutherdekade anbrach und die Jubiläumsfeierlichkeiten auf ihren ersten Höhepunkt zusteuerten. Dieser Abschnitt war im Herbst 2016 vor allem durch Festgottesdienste, feierliche Ansprachen und zahlreiche Buchpublikationen, insbesondere biographischer Art, geprägt. Damit sollten die Themen angeschlagen und eine mittelfristige Einstimmung auf das vorgenommen werden, was erst noch bevorsteht. In den Wintermonaten 2016/17 gönnte sich das Jubiläum dann eine kleine Atempause. Es war eine merkliche, wenn auch vorläufige Abkühlung, die nicht nur jahreszeitliche Gründe hat. Vielmehr scheint es so, als hätten sich die wesentlichen Beteiligten und Institutionen frühzeitig darauf eingestellt, ab dem Frühjahr 2017 Phase 3 anzustimmen, die donnernde Fanfare und gleichzeitig den triumphalen Haupt- und Schlussakkord.
 
Denn mit dem Ende des Winters strebt das Reformationsjubiläum unübersehbar seinem Höhepunkt zu. Frühling und Sommer 2017 werden durch diverse Großveranstaltungen geprägt sein, bevor dann nach dem letzten Tusch am 31. Oktober 2017 uns allen die jubiläumsgeplagten Ohren klingeln werden und für eine ganze Weile niemand mehr etwas von Reformation oder Martin Luther hören möchte. Bis dahin stehen uns aber noch diverse Filme, große Ausstellungen, der letzte Schluckauf des Buchmarkts, ein evangelischer Kirchentag sowie eine Unzahl von lokalen und regionalen Veranstaltungen ins Haus.
 
Ich möchte von den vielen Dingen, die einem bei diesem Reformationsjubiläum auffallen können, drei Aspekte herausgreifen: Personalisierung, Aktualisierung und Mythisierung.
 
So ist trotz aller fortdauernden Bemühungen, insbesondere die Person Martin Luthers von mythischem Beiwerk zu befreien, nicht zu übersehen, wie hartnäckig sich diese verklärenden Elemente halten – auch und gerade an Stellen, an denen man es nicht unbedingt erwarten würde. Nur ein Beispiel: Es ist in der historischen Diskussion schon seit längerer Zeit klar, dass nicht so ganz klar ist, was beim Geschehen des sogenannten Thesenanschlags im Oktober 1517 eigentlich genau geschehen ist. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass der symbolträchtige Hammer, der in entsprechenden (schriftlichen und bildlichen) Darstellungen immer wieder eine so wichtige Rolle spielt und mit dem die Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angenagelt worden sein sollen, nie zum Einsatz gekommen ist. Tatsächlich taucht der Hammer als Requisit der Reformationsgeschichte erst in (bildlichen) Darstellungen des 19. Jahrhundert auf. Vorher war davon nie die Rede. Und trotz solcher wahrlich nicht neuen Erkenntnisse stehen die drei großen deutschen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum, die in Berlin, Wittenberg und auf der Wartburg stattfinden werden und mit viel wissenschaftlicher Expertise ins Werk gesetzt wurden, unter dem Motto 3 x Hammer. Der Mythos scheint am Ende doch stärker zu sein als jede wissenschaftliche Erkenntnis.
 
Mit Blick auf die Person Martin Luthers ist nicht zu übersehen, dass und wie sie einer zum Teil erschreckenden Aktualisierung unterworfen wird. Das zeigen schon einige Fragen, die im Rahmen des Reformationsjubiläums immer wieder aufgeworfen werden: Was würde Luther uns heute wohl sagen? Oder: Was hätte Luther dazu wohl gesagt? Luther soll zum Zeitgenossen werden.
 
Noch deutlicher wird aber das anhand der inhaltlichen Aspekte, mit denen die Person Luthers und der Vorgang der Reformation im Kontext des Jubiläums verknüpft werden. Das Stichwort der Freiheit steht hier möglicherweise an erster Stelle, gefolgt vom autonomen Denken, das uns die Reformation gelehrt haben soll, wiederum gefolgt von der Bedeutung Luthers für die deutsche Sprache und noch nicht abgeschlossen mit der Reformation als dem Beginn der Neuzeit. Durch solche thematischen Schwerpunktsetzungen können sich Reformation und selbsternannte Moderne kurzschließen, denn solcherart mutet das frühe 16. Jahrhundert schon wie eine Aufklärung in Embryonalform an. Vorgänge und Personen der Reformation werden über ein halbes Jahrtausend hinweg unmittelbar in die Gegenwart katapultiert. Luther wird uns gezeigt als Figur des frühen 21. Jahrhunderts. Und selbst sein Antijudaismus, so abstoßend er ist, fügt sich nahtlos in diese Aktualisierung, denn er wird – avant la lettre – zu einem Beweis für die Dialektik der Aufklärung und die Schattenseiten der Neuzeit.
 
Diese bedenkenlose Aktualisierung wirft aber auch recht umstandslos über Bord, was zum Kernbestandteil der Reformation und von Luthers Wirken gehörte: seine Theologie. Warum tauchen in der gesamten Jubiläumsdebatte verhältnismäßig selten Themen auf, die Luther vor allem umtrieben? Wahrscheinlich weil die quälenden Fragen nach dem eigenen Seelenheil oder das verzweifelte Suchen nach einem gerechten Gott nicht mehr gar so umstandslos in unsere eigene Gegenwart transponiert werden können. Warum ist beispielsweise höchstens in Expertendebatten von einer der wichtigsten Schriften Luthers die Rede, von der gegen Erasmus von Rotterdam gerichteten Abhandlung Über den unfreien Willen (De servo arbitrio 1525)? Wahrscheinlich weil wir uns inzwischen mit diesen durchaus paradoxen Thesen über die Unfreiheit des Willens weniger gut identifizieren können.
 
All diese Ausformungen des Jubiläumsgeschehens scheinen zu kulminieren in einer überbordenden Personalisierung. Nicht zu vergessen: Es handelt sich um ein Reformationsjubiläum, nicht um ein Lutherjubiläum. In der Praxis spielt dieser Unterschied aber kaum eine Rolle. Vielmehr ist es auch im Fall des Lutherkults so – und insbesondere die zahlreichen Merchandising-Produkte von Luther-Bier über Luther-Kaffeetassen bis zu Luther-Badewasser belegen das Vorhandensein eines solchen Kults –, dass die Person des Reformators wesentlich mehr Identifikationsangebote bereithält als die recht komplexen Vorgänge der Reformation mit ihren durchaus verzwickten und voraussetzungsreichen Diskussionen. Aber genau darum scheint es bei den genannten Aspekten – Mythisierung, Aktualisierung, Personalisierung – zu gehen: um Identifikation. Wir sollen uns selbst als Erben der Reformation begreifen, auch wenn wir mit einem erheblichen Teil dieses Erbes (nämlich dem theologischen) nicht mehr viel anzufangen wissen. Doch bei all dieser Identifikationspolitik darf die Frage nicht außer Acht gelassen werden, ob wir (unserem Verständnis) der Reformation tatsächlich eine Gefallen tun, wenn wir nicht mit aller Deutlichkeit hervorheben, wie fremd uns diese Zeit ist, wie andersartig uns diese Welt erscheinen muss, in welchem Sinne wir uns gerade nicht mehr als Kinder der Reformation begreifen können – und wenn wir nicht deutlich machen, welche Erkenntnismöglichkeiten gerade in diesen Unterschieden stecken.