Aus der SvD-Serie „Das Leben unter Corona“
„Mein Körper hat mich im Stich gelassen und jetzt werde ich sterben“

Cecilia Hansson
Foto: Martin Vallin

Die Rippen schmerzen - ein Stahlkorsett um den Brustkorb. Die Dysfunktionalität ihrer Lungen macht Cecilia Hansson reizbar und schuldbewusst. Doch sie lernt auch etwas über Franz Kafka, und über ihre eigene Großmutter.

Es beginnt mit einer tiefen Frühjahrsmüdigkeit, aber nach ein paar Tagen sitzt der Schmerz zwischen den Rippen und im Kopf, wie bei einem Migräneanfall.

Ich denke an die Ostereier, an die zu backende Torte und die Ausflüge mit der Familie. Doch wenn sich Druck auf die Lungen legt, verblasst alles andere. Die Rippen brennen, es fühlt sich an, als ob ein Stahlkorsett den Brustkorb zusammenpresst. Ich schwitze, kann nichts anderes tun, als mich hinzulegen, versuchen zu atmen, während das Fieber über mich schwappt in warm-feuchten Wellen.

Lungenkrankheiten – welche Bedeutung für die Literaturgeschichte! Carl Michael Bellman, Edith Södergran, Harriet Löwenhjelm, Anton Tjechov und Molière, alle sind sie an der Tuberkulose gestorben. War es tatsächlich die Todesnähe, die den fiebrig-produktiven Zustand erzeugte? Dass das Schaffen im Kampf gegen die Zeit geschah, weil sie wussten, sie würden sterben?

In Thomas Bernhards autobiografischem Romanen „Der Atem. Eine Entscheidung" (Residenz Verlag, 1978) und „Die Kälte. Eine Isolation" (Residenz Verlag, 1981) lesen wir von den Erfahrungen eines 18- jährigen, der ins Krankenhaus und später in verschiedene Sanatorien eingeliefert wird.
Die Szenen aus „Der Atem. Eine Entscheidung", aus dem Krankenzimmer, das der Erzähler das Todeszimmer nennt – aufgrund dessen Funktion – kann ich nicht abschütteln. Während eines Besuches füttert die Mutter des Erzählers ihn mit Orangenspalten, im gleichen Augenblick stirbt ein Mann direkt hinter ihnen. Alles geschieht gleichzeitig -  das Essen, das Waschen, das Sterben, und all diese Details werden vom Ich-Erzähler registriert.

Die Krankenschwestern, die ihre Fürsorge eher den katholischen Riten als den Sterbenden widmen, in Kombination mit der berufsbedingten Härte der Krankenhauspriester und Ärzte – all dies sollte den Grund legen für die lebenslange Besessenheit des Autors vom katholischen, post-faschistischen Österreich. Lange Zeit nannte sich Österreich das „erste Opfer der Nationalsozialisten“. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah man keine Notwendigkeit darin, die Tatsache zu verarbeiten, dass das Land die Verfolgung  der großen jüdischen Minorität effektvoll umgesetzt hatte, dass es seit den 1930-er Jahren einen Austrofaschismus gab und dass viele Österreicher Adolf Hitlers Wertvorstellungen teilten. Bei Thomas Bernhard mischt sich der Zorn über das Schweigen seines Heimatlandes mit der Lungenkrankheit, zusammen wird dies zum Beweggrund  für den sprachlichen Aufruhr, der sein gesamtes Werk prägt.

In „Der Atem. Eine Entscheidung“ erhält der Ich-Erzähler die letzte Ölung, darum wissend, dass er bald darauf weggeschaufelt werden soll, um Platz zu machen für jemand anderes. In ein Laken gewickelt mit einem Zettel am großen Zeh, der aussagt, wer er war. Daraus erwächst eine unhaltbare, innere Raserei.

„Weg mit der Decke, mach‘ die Balkontür auf, ich kriege keine Luft“, zische ich meinen Mann an, als der Druck auf die Rippen stärker wird. Aber nichts hilft. Wenn die Lunge streikt, ist nichts gut, insbesondere nicht die Laune. Es ist, als implodiere der Körper. Die Rippen werden zu einer schweren, drückenden Schale. Einst entfernte man Rippen während Tuberkulose-Operationen, um der Lunge mehr Platz zu verschaffen und den Druck zu verringern.

In seinen Romanen beschreibt Thomas Bernhard den Zustand, den ich erlebe. Seine Sprache hustet sich sozusagen nach vorne, mit Wiederholungen und Seitenwegen, ohne Erlösung. Das Organ, das dem Körper Sauerstoff und Leben zuführen soll, hat sich verhakt; es ist, als krächzte man ein aufs andere Mal Schleim in eine Spuckflasche im Sanatorium bei Salzburg. Als ob man am Wettbewerb im Roman „Die Kälte. Eine Isolation“ teilnähme.

„Sei unbesorgt, wir haben starke Lungen“, sagt meine Mutter, als ich mit ihr telefoniere. Sie ist pensionierte Pharmazeutin. Als sie klein war, sah sie ihre Mutter sich um Kinder, Haushalt und Bauernhof kümmern, während sie auf einen Platz im Sanatorium Sandträsk wartete. Meine Großmutter überlebte zwei Tuberkulose-Durchgänge, kam nach Hause und lebte, bis sie alt war. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals stillsitzend gesehen zu haben, sie war ständig in Bewegung zwischen Küche, Kartoffelkeller und Hof.

Die Tuberkulose war im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert weit verbreitet. In Europa stiegen die Tuberkulosefälle während des 17. Jahrhunderts an und erreichten ihren Gipfel während des 19. Jahrhunderts, fast jeder vierte Todesfall ließ sich auf die Tuberkulose zurückführen. Auch die Region Norrbotten, wo meine Großeltern lebten, war stark betroffen. Um die Jahrhundertwende forderte die Krankheit dort jährlich um die 500 Opfer. Das Sanatorium in Sandträsk öffnete 1913 mit 88 Pflegeplätzen, nicht jeder fand dort Aufnahme, auch wenn es dringend nötig gewesen wäre. Ein neues Sanatorium musste gebaut werden, im Jahr 1931 war es fertig und bot 345 Betten – trotzdem reichte es nicht. Erst mit dem Durchbruch des Penicillins in den 1950-er Jahren konnte man der Krankheit Einhalt gebieten.

Vor einigen Monaten, vor der Corona-Krise, als sich die Welt noch wie gewöhnlich drehte, aß ich zu Abend mit der deutschen Dichterin Monika Rinck und ihrem Partner, dem Geschichtsprofessor Valentin Groebner, und wir sprachen über Lungen. Monika wies mich hin auf die Gedichtsammlung „This connection of everyone with lungs“ von Juliana Spahr hin. Valentin sagte, dass viele Tuberkulosebetroffene im letzten Jahrhundert das Gefühl gehabt hätten, sie wären die Einzigen, die unter dieser Krankheit litten. Dass die Einsamkeit, oder auch das Auserwähltsein, ihnen gemeinsam war, dort, wo sie lebten, an verschiedenen Plätzen. Sie waren voneinander abgeschirmt und trotzdem unsichtbar verbunden durch ihre Lungen.

Zwischen den Schwitzattacken denke ich an alle Fehler, die ich gemacht habe, auf welche Weise ich an meiner Krankheit selbst Schuld haben könnte. Ich hätte meine Tochter aus der Schule nehmen sollen, wie man es in vielen anderen Ländern getan hatte. Und warum habe ich die Äpfel aus dem Supermarkt nicht geschält? Warum bin ich überhaupt dorthin gegangen? Und: Habe ich vielleicht die Freundin, mit dem ich vor kurzem spazieren war, angesteckt? Wir haben uns doch umarmt, aber wir Gesunden dürfen das doch, dachten wir. Ob sie jetzt wohl krank ist, wegen mir?

Sanatorien assoziiert man manchmal mit Ruheheimen, in denen Gutgestellte sich erholen können, wo die Grenzen zwischen Pflegeeinrichtung, Nervenheilanstalt und Spa fließend sind. Viele sind in den Alpen gesund geworden, oder durch Trinkkuren aus Heilquellen. Oft sind diese Einrichtungen mit einem Hauch Mystik verknüpft: Das Schweizer Sanatorium Monte Verità beispielsweise war Anfang des letzten Jahrhunderts ein Treffpunkt für damalige Alternative und Intellektuelle wie Hermann Hesse, Carl Gustaf Jung, Hugo Ball, Else Lasker-Schüler, Paul Klee und Rudolf Steiner. Man betrieb ökologischen Anbau parallel zu neuen Ideen zu Tanz, Kunst, Literatur und Philosophie.

Aber weder in Thomas Bernhards Romanen noch in der Realität meiner Großmutter waren die Sanatoriumsaufenthalte mit Romantik oder Erhabenem verbunden. Ungewissheit und Sorge begleiteten die Behandlungen in Sandträsk. Würde man nachhause kommen, würde man überhaupt überleben?
 
Meine Tochter bringt mir Wasser und Schmerztabletten auf einem Tablett, mein Mann kocht Tee und schrubbt den Spucknapf. Ich bin umsorgt und gleichzeitig völlig einsam in der Krankheit. Vorsichtig bewege ich mich im  Bett. Der Druck auf die Lungen bewirkt, dass ich die Luft nur bis zur Hälfte einatmen kann. Alles dreht sich und es sticht im Gesicht. Wie wird das werden, wenn es mich nicht mehr gibt? Die Bedeutung von Ostern war niemals so deutlich wie jetzt. Mein Körper hat mich im Stich gelassen, und jetzt werde ich sterben.

„Der Atem“ schließt ab mit der Entlassung des jungen Erzählers aus dem Sanatorium, wo er sich ein noch schlimmeres Lungenleiden zugezogen hat. Es ist Ostern und zum gleichen Zeitpunkt, als er erfährt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt ist, wird er selbst in das strenge Sanatorium Grafenhof überwiesen. Die Osterfeierlichkeiten finden ein abruptes Ende.

Als ich am Karfreitag mit der Krankenberatung 1177 spreche, bittet man mich, meine Atmung zu beschreiben. Die Krankenschwester findet, ich würde mich „unfokussiert“ anhören und meint, ich sollte mich in die Notaufnahme begeben, damit man mich und meine Lungen untersuchen könnte. Meine Umgebung hat Angst um mich. „Ich muss einfach nur schlafen“, sage ich, und tue es.

Als ich am Ostersonntag aufwache, ist es beinahe so, als wäre ich auferstanden. Die Atmung ist zurück, so wie ich sie kenne. Ich öffne die Balkontüren, Luft füllt meine Lungen mit neuer Kraft. Ich denke, jetzt ist die Krankheit vorüber. Ich werde jedoch eines Besseren belehrt.

Auch Thomas Bernhard kam wieder zu sich, die letzte Ölung war ein Versehen, aber die Lungenkrankheit sollte ihn sein ganzes Leben lang begleiten. Auch die Wut verließ ihn nie, er wurde in seinem Land berühmt als literarischer Ankläger, mit seinen zermürbenden Monologen über die Schuld und die Nachwirkungen des Krieges, in einer tiefmenschlichen Zivilisationskritik und einer nie versiegenden Hassliebe zu Österreich.

Mit den dunkleren Seiten des Daseins beschäftigte sich auch der deutsch-jüdische  Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924). Auch er litt an Tuberkulose, und obwohl ich mich jahrelang – sowohl direkt wie indirekt - mit seinem Werk beschäftigt habe, sehe ich nun ein, dass es ganz andere Zugänge dazu geben kann, als ich dachte. Das rein physische Eingesperrt-Sein, das Kafka in seinem Kurzroman „Die Verwandlung“, wo der Protagonist sich eines Morgens in einen Käfer verwandelt sieht, beschreibt, entspricht vielleicht gar nicht der allgemeinen Ausgrenzung, die ein deutschsprachiger Jude im damaligen Prag wahrnehmen konnte. Der Ursprung dieser inneren Klaustrophobie könnte ebenso in den Erfahrungen der Lungenkrankheit liegen. Und von der gleichen Logik ausgehend ist der Roman „Der Prozess“, in welchem die Hauptperson für ein unbekanntes Verbrechen vor Gericht steht, vielleicht nicht in erster Linie eine Darstellung von Furcht vor dem Vater, dem Schicksal oder Gott.

Gibt es da etwas Asexuelles bei Kafka, kann dies verstanden werden vor dem Hintergrund der Lungenkrankheit? Denn wer hat die Kraft an solche Aktivitäten zu denken, wenn man kaum atmen kann? Und seine „Liebesbriefe“ an die Verlobte Felice Bauer, und später an seine Seelenverwandte Milena Jesenská, die hochbegabte Schriftstellerin und Übersetzerin - sie, die Kafka und Andere ins Tschechische übersetzte und im Konzentrationslager Ravensbrück verschwand. Diese Briefe, die ich früher als neurotisches und egofixiertes Mansplaining betrachtete – was, wenn auch sie denselben Ausgangspunkt haben?
 
Ich erhole mich langsam. Es kommen mehrere Rückfälle in Form von Lungenkrämpfen, die mich quengelig und schroff gegenüber meiner Umgebung werden lassen. Anstatt mich über die kleinen Fortschritte zu freuen, wie dass ich einige Stunden am Tag das Bett verlassen kann und die Kopfschmerzen abnehmen, nörgele ich an Kleinigkeiten herum. Die Einsicht, dass mich mein Körper jederzeit wieder zu betrügen vermag, hat sich mir eingeätzt. Und das Einzige, worüber ich sprechen will, sind meine Lungenkrämpfe. Aber mal ganz ehrlich: Wer hält das auf Dauer aus?

Einer der ersten noch erhaltenen Briefe Kafkas an Milena Jesenská lautet: „ Die Lunge also… Es begann bei mir vor etwa drei Jahren mit einem Blutsturz mitten in der Nacht. Ich stand auf, aufgeregt wie man von allem Neuen wird (anstatt liegen zu bleiben, wie man es tun sollte, wie ich später erfuhr), und natürlich auch etwas erschreckt, ging zum Fenster, lehnte mich hinaus, ging zum Waschbecken, ging im Zimmer umher, setzte mich auf das Bett – die ganze Zeit Blut“ („Briefe an Milena”, S. Fischer Verlag, 1991).

Der Brief entstand, weil Milena Jesenská Kafka gegenüber erwähnt hatte, dass sie krank sei. Franz Kafka tut dies ab - es werde sich schon nicht um etwas Ernstes handeln -  nur um dann eingehend über seine eigene Lungenerkrankung zu berichten, die ihn später das Leben kosten sollte. Ob dies die richtige Art ist, jemanden zu umwerben, könnte man sicher diskutieren. Ein altes Sprichwort lautet allerdings: „Dort das Herz voll ist, spricht der Mund.“

Was tut man, wenn die Lungen voller Schleim, Blut und Viren sind? Ist es das Einzige, worüber man schreiben kann? Vielleicht ist das so, und in diesem Fall sind wir alle entschuldigt – auch ich.

Quelle: Svenska Dagbladet (15.05.2020)

Cecilia Hansson arbeitet derzeit an einem Roman über Lungenerkrankungen und Sanatorien im schwedischen Tornedalen, der auf den Erfahrungen ihrer Großmutter mit der Tuberkulose basiert. Der Roman erscheint 2021 im Verlag Natur & Kultur.