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Nach dem Krieg lag Berlin in Trümmern. Aus der Asche erhob sich nicht eine, sondern zwei Städte.
Astrid Seeberger: »Uns kann keener«

West-Berlin 1948
West-Berlin 1948 | Foto: Airman magazine

Am 2. Mail 1945 kapituliert Berlins Kommandant, General Helmuth Weidling, obwohl Hitler den Befehl gegeben hatte, die Stadt bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Die Stadt liegt in Trümmern , wie auch das Seelenleben der Menschen. Berlin war zur Stadt des Hungers und der Verzweiflung geworden. 

Von Astrid Seeberger

Die, die überlebt haben, suchen in den Trümmern nach Brauchbarem, in verlassenen Wohnungen und Mülltonnen nach Essen und nach Wasser, das nicht von Leben verschmutzt ist. Aber es gibt auch etwas Anderes; etwas, das die Berliner dies alles ertragen lässt.
 
Nach Kriegsende sind nicht einmal drei Wochen vergangen, bis die Berliner Philharmoniker wieder spielen; im Titania-Palast, einem riesigen Kino, das noch steht. Ruth Andreas-Friedrich erzählt in ihrem Tagebuch von diesem Konzert, das von ihrem Lebensgefährten Leo Borchard – von ihr und allen Freunden ’Andrik’ genannt – dirigiert wurde.
 
Im Saal wird es dunkel. Fast tausend Menschen sitzen in stummer Erwartung. Sie kamen zu Fuß und zu Rad. Aus ihren Trümmerwohnungen, aus den Sorgen ihrer Tage, der Angst ihrer Nächte… Dann ist Andrik da. Er hebt den Taktstock. Die Geigen beginnen zu singen. Sie singen süß und zärtlich. Das Spiel vom Sommernachtstraum. Der Reichspropagandaminister hat dieser Musik die Existenzberechtigung abgesprochen, sie als  »Jüdisches Machwerk« auf die Verbotsliste gesetzt. Sei gesegnet, »Jüdisches Machwerk«! Hunderten von Betrübten bist du heute Erquickung. Die Geigen singen. Sie singen in federnden Pizzicati: die Vierte Symphonie von Tschaikowsky. » Daß so was noch möglich ist «, stammelt neben mir ein Mann. Wir sehen keinen Kinosaal. Wir sehen keine Ruinen. Wir haben vergessen, daß es Nazis gibt, einen verlorenen Krieg und Besatzungstruppen. Plötzlich ist alles unwichtig geworden. Wichtig ist nur, was die Geigen singen: Tschaikowsky, Mozart und Mendelssohn.[1]
 
Die Musik befreit alle, die sich hier versammelt haben. Auch den Dirigenten; er, der 1920 aus Sankt Petersburg nach Berlin gekommen war, um Musik zu studieren und Karriere als Dirigent gemacht hatte, bevor das Hitler-Regime diese beendete. Borchert wurde als „politisch nicht zuverlässig“ angesehen, aber die Nazis bekamen nie heraus, dass er einer Widerstandsgruppe mit dem harmlosen Namen „Onkel Emil“ angehörte. Jetzt aber braucht man keinen Widerstand mehr, sondern Kunst, Literatur und Musik!
 
Die Berliner strömen in Konzerte, Opern- und Theatervorstellungen. Die Zeiten des spärlichen Geisteslebens sind vorbei. Der Eine oder Andere denkt vielleicht an die jüdischen Künstler, die das Berliner Kulturleben vor dem Krieg prägten, und die ermordet wurden oder geflohen sind. Oder man erinnert sich an die „Theatersperre“ vom 24. August 1944; der Befehl an alle Künstler, an die Front zu gehen. Und dann ist da noch das, was man am Liebsten vergessen möchte: dass 14 000 Menschen am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast mit leuchtenden Augen „ja“ geschrien haben, als Goebbels die verhängnisvolle Frage stellte: „Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?“
 
Kaum ist der zweite Weltkrieg beendet, beginnt der Kalte Krieg, und seine Front verläuft genau durch Berlin. Ein Krieg, der die gerade gewonnene Freiheit der Berliner bedroht, und der Opfer fordert.
 
Am 24. August 1945 prescht ein britisches Militärfahrzeug durch Berlin, um Leo Borchard und Ruth Andreas-Friedrich von einer Einladung bei einem britischen Militär nach Hause zu fahren. Die beiden haben in einer schönen Villa in Grunewald in weichen Sesseln gesessen, »unglaublich weiße Sandwiches mit unglaublich echtem Fleisch“[2] gegessen, Whiskey getrunken und entdeckt, dass die Liebe zur Musik Besiegte und Siegende vereint. Es ist beinahe 23 Uhr, die Ausgangssperre der Besatzungsmächte tritt bald in Kraft. Der Fahrer fährt schnell, auch als er über die Grenze zum amerikanischen Sektor fährt, an der er eigentlich hätte halten müssen. Die Grenzwachen haben ihre Erfahrungen mit Provokationen durch Sowjets gemacht, und als das britische Militärfahrzeug vorbeirast, glauben sie fälschlicherweise, es seien sowjetische Eindringlinge und schießen. Leo Borchard wird getroffen. Er, der gerade zum künstlerischen Leiter der Philharmoniker ernannt worden war, der Widerständler, der das Hitler-Regime überlebt hat, wird getötet.
 
Als Deutschland als Demokratie wiederauferstehen soll, bilden sich vier große Parteien: KPD (Kommunistische Partei Deutschlands), SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), CDU (Christlich-Demokratische Union Deutschlands) und LDP (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands). Für Ulbricht und die Sowjetunion war es selbstverständlich, dass die kommunistische Partei regieren sollte. Um dies zu ermöglichen, wollen sie die SPD, die ungemein beliebt ist, unschädlich machen. KPD und SPD bilden zusammen eine neue Partei: die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Aber eine große Gruppe Sozialdemokraten weigert sich, sich von einer verdeckt kommunistischen Partei vereinnahmen zu lassen. Sie lassen, trotz der Abtrünnigen, die SPD weiterhin als eigene Partei bestehen.

Am 20. Oktober 1946 findet die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung statt. Die Berliner stürmen zu den Wahlurnen; 92,3 Prozent der Einwohner geben ihre Stimme ab. Die Sozialdemokraten werden mit 48,7 Prozent der Stimmen die stärkste Partei in Berlin, gefolgt von der CDU mit 22,2 Prozent. Die „Russenpartei“, wie die SED im Volksmund genannt wird, kommt mit 19,8 Prozent auf den dritten Platz. Nicht einmal in der sowjetischen Besatzungszone gelingt es der SED, die Mehrheit zu gewinnen, sie bekommt hier nur 29,9 Prozent der Stimmen. Die Mehrheit der Berliner hat genug von totalitären Gesellschaftssystemen.
 
Aber sie können dem Kalten Krieg nicht entkommen, der im Sommer 1948 im Zuge der Währungsreform aufflammt. Die West-Alliierten haben mittgeteilt, dass eine neue Währung, die D-Mark, in ihren Zonen in Deutschland gelten soll, also nicht nur in Berlin. Die sowjetische Militärverwaltung kontert mit einer neuen Währung – der Reichsmark oder Rentenmark mit aufgeklebten Kupons. Sie soll in der sowjetischen Zone und in Groß-Berlin gelten, also auch in den Sektoren der West-Alliierten. Deren Antwort kommt noch am gleichen Tag: der sowjetische Befehl verstoße gegen das Abkommen der vier Besatzungsmächte und sei daher ungültig. Die D-Mark werde am nächsten Tag, dem 24. Juni 1948, in den westlichen Zonen eingeführt werden.
 
Die Sowjetunion reagiert mit einer Blockade der Land- und Wasserwege nach Westberlin und stoppt die Stromversorgung. Der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow beschreibt die Methode ebenso vulgär wie treffend: »Berlin ist der Hoden des Westens. Immer, wenn ich will, dass der Westen aufschreien soll, quetsche ich Berlin.«[3] Ruth Andreas-Friedrich drückt sich in ihrem Tagebucheintrag vom 25. Juni 1984 etwas gepflegter aus:
 
Wir sind Schauplatz dieser Krise. Ihr Objekt, ihr Subjekt, ihr Held wider Willen. Und das nennt sich Währungsreform. Wir haben kein Licht, wir haben kein Radio. Und können bei Kerzenschein in Muße darüber nachdenken, wie wir mit unserer fragwürdigen Berühmtheit zu Rande kommen.[4]
 
Ein Eintrag, der vom Galgenhumor der Berliner gefärbt ist. Denn diesen Humor gibt es noch, auch wenn die Lage in Berlin gelinde gesagt desperat ist.
 
Und dann gibt es auch noch General Lucius D. Clay, Militärgouverneur der USA in Deutschland. Für ihn ist Westberlin ein Vorposten der Freiheit, der verteidigt werden muss. Aber nicht mit militärischen Mitteln, sondern mit Hilfe von Flugtransporten. Ein unrealistischer Plan, finden viele: Tag für Tag 2,2 Millionen Menschen aus der Luft versorgen! Aber Clay lässt nicht locker und setzt seinen Plan mit unerschöpflicher Energie durch. Und die Berliner stehen hinter ihm.
 
Am 9. September 1948 versammeln sich 350 000 Berliner auf dem Platz der Republik vor dem zerstörten Reichstagsgebäude und protestieren gegen die Unterdrückung durch die Sowjetunion. Nicht weit entfernt liegt die Grenze zum sowjetischen Sektor mit dem Brandenburger Tor. Auf dem Tor sitzt eine triumphierende Frau in ihrem Wagen – sie soll in einer Person die Siegergöttin Nike und die Friedensgöttin Eirene darstellen. Aber die Pferde, die ihren Wagen ziehen, sind zerstört. Und die Säulen des Tores, auf dem das Gespann steht, sind von Einschüssen beschädigt. Das Einzige, das am Brandenburger Tor unversehrt ist, ist die sowjetische Flagge, die hoch oben weht; mit Hammer, Sichel und einem fünfzackigen Stern.
 
Auf dem Platz der Republik werden viele Reden gehalten. Eine wird in die Geschichte eingehen: die von Ernst Reuter. Er ist ein freiheitsliebender Sozialdemokrat und der gewählte Oberbürgermeister der Stadt, auch wenn die sowjetische Besatzungsmacht sich geweigert hat, die Wahl anzuerkennen. Er blickt über alle, die für Freiheit demonstrieren, hinweg und ruft zu den ”Völkern der Welt”: »Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! … Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht!«[5]
 
Am 30. November 1948 – fünf Tage vor einer erneuten Wahl – begeben sich, gemäß einem Plan der SED und der Sowjetunion, 1638 „Repräsentanten des Volkes“ zu einer außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung in Ostberlin und setzen die vom Volk gewählte Regierung der Stadt, den Berliner Magistrat, ab. Ersetzt wird sie durch einen der Sowjetunion gefügigen Magistrat und einen neuen Oberbürgermeister. Als dann die Wahl stattfindet, wird sie in der sowjetischen Zone boykottiert – man beruft sich darauf, dass die Stimme des Volkes schon gehört worden sei. In den Zonen der West-Alliierten siegt die SPD deutlich mit 67,5 Prozent der Stimmen. Und Ernst Reuter wird erneut zum Oberbürgermeister gewählt. Aber im Ost-Sektor regieren ein anderer Oberbürgermeister und ein anderer Magistrat. Die politische Teilung Berlins ist damit eine vollendete Tatsache.  
 
Die Blockade wird fortgesetzt, aber die Berliner sind ausdauernd. Zum Schluss gibt die Sowjetunion auf. Am 12. Mai 1949, nach 322 Tagen, wird die Blockade aufgehoben. Die Teilung der Stadt aber dauert an und wird noch vertieft, als im selben Jahr zwei deutsche Staaten gebildet werden: am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik (BRD) und am 7. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Auch in Zukunft wird die „uns kann keener“-Mentalität der Berliner, die in einem eigenen Lied besungen wird, vonnöten sein. Der Kabarettist Kurt Neumann schrieb das Lied während der Blockade für die vom roten Meer umgebenen „Insulaner“. In Westberlin wird es laut gesungen. In Ostberlin ist es dahingegen sicherer, es nur leise zu summen, wenn niemand zuhört:
 
„Der Insulaner verliert die Ruhe nich, 
Der Insulaner liebt keen Jetue nich! 
Und brumm’ des Nachts die viermotor’jen Schwärme, 
det ist Musik für unser Ohr,
wer red’t da vom Lärme?“
 

[1] Ruth Andreas-Friedrich, Schauplatz Berlin – Tagebuchaufzeichnungen 1945 – 1948, Suhrkamp Verlag, 1986.
[2] Ibid.
[3] John Lewis Gaddis, Der Kalte Krieg – Eine neue Geschichte, Siedler Verlag, 2007.
[4] Andreas-Friedrich, 1986.
[5] Berlin. Quellen und Dokumente 1945 – 1951., Red. Hans J. Reichhardt, Hans U. Treutler, Albrecht Lampe, 1964.

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