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Was macht der Kulturjournalismus im Lockdown?

Ein geschlossenes Kino
Ein geschlossenes Kino | © Goethe-Institut

Einen Vorteil hat der Lockdown für freie Kulturjournalisten: Mit dem Homeoffice kennen sie sich aus, arbeiten die meisten doch seit jeher in der eigenen Wohnung. Und auch die, die ein Büro gemietet haben, üben sich routiniert in der notwendigen Selbstdisziplinierung. Leider kommt dieser Vorteil in Coronazeiten nicht so recht zum Tragen.

Von Jörg Plath

Wenn Künstler nicht singen, tanzen, musizieren, ausstellen, lesen, diskutieren dürfen, haben Kulturjournalisten nichts zu berichten. Als so genannte Solo-Selbstständige erhalten sie hin und wieder kleinere, jedoch schnell und unbürokratisch ausgezahlte Unterstützungszahlungen.

Trotz der schwierigen Umstände legen Künstler und Kulturveranstalter die Hände nicht in den Schoß. Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte, Diskussionen, Lesungen finden ohne Publikum, aber vor Kameras und Mikrofonen statt. Die Qualität der Aufzeichnungen wird immer besser, die Veranstalter haben technisch aufgerüstet. Manche freie Kulturjournalisten sitzen nun länger vor dem Monitor, an dem auch ihre Texte entstehen, und folgen Streams.

Die Kulturredakteure der Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten danken es ihnen. Viele von ihnen arbeiten ebenfalls im Homeoffice. Ihre ökonomische Situation ist im Lockdown unverändert, das Gehalt fließt. Manchmal allerdings leicht verringert: Im Frühjahr 2020 beantragten einige Zeitungshäuser, darunter die „Süddeutsche Zeitung“, Kurzarbeit. Die Auflage stieg zwar, Anzeigen, Beilagen und Umfang seien jedoch verringert, rechtfertigte man sich.

Dabei ist die tägliche Arbeit in den Kulturredaktionen schwieriger geworden. Sämtliche Routinen und Verabredungen gelten nicht mehr, alle Arbeitsweisen müssen den Schutzmaßnahmen angepasst werden. Gesprächspartner dürfen die Sender und Zeitungshäuser nicht betreten oder nur einen speziell hergerichteten, regelmäßig desinfizierten Raum. Die für den Rundfunk unerlässlichen O(riginal)-Töne werden auf Distanz mit dem Telefon, mit Apps oder Smartphones aufgenommen und müssen bearbeitet werden. Medienhäuser haben feste Teams gebildet, damit bei einer Infektion nicht die gesamte Belegschaft in Quarantäne gehen muss.

Glücklicherweise ist der Umfang der Kulturberichterstattung in den Medien kaum geschrumpft. Die Online-Produktionen der Künste werden besprochen. Manche Redaktionen füllen Seiten und Sendeflächen einfallsreich mit Hintergrund- und Erfahrungsberichten. Sie geben den vom Lockdown Betroffenen Raum, halten sich aber mit zeitdiagnostischen Analysen eher zurück.

Einige Rundfunkanstalten haben sich verstärkt auf ihre Rolle als Kulturträger besonnen. Der Westdeutsche Rundfunk etwa streamt Konzerte, Theaterinszenierungen und Autorenlesungen aus dem Sendegebiet. Radio Berlin-Brandenburg produziert mit dem Literarischen Colloquium Berlin wöchentlich eine Literatursendung, die als Podcast nachzuhören ist. Auch der nationale Sender Deutschlandfunk Kultur hat Buchpodcasts aufgelegt, die das vermisste Gespräch nach einer Lesung kompensieren wollen. Die Gewinner von zwei bedeutenden Literaturpreisen gab man nicht auf einer einsamen Bühne, sondern live im Radio bekannt. Und dass im letzten Jahr zwei Buchmessen abgesagt wurden, haben manche Radiohörer gar nicht bemerkt: ARD-Kultursender und Deutschlandfunk Kultur sendeten so viele Gespräche mit Autoren wie sonst aus Leipzig und Frankfurt. Allerdings verringern NDR, HR und WDR teilweise drastisch die Zahl der Buchrezensionen im Programm.

Einen Lockdown wie Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistungsunternehmen müssen Kulturjournalisten also nicht erleiden. Dennoch bedeuten weniger Veranstaltungen auch weniger Aufträge. Wer etwa Autorengespräche moderierte – eine häufige Tätigkeit für Literaturkritiker, seit Lesungen, Festivals und „Book Release Partys“ boomen –, der erleidet weitere Einbußen. Denn nicht nur die Zahl der Veranstaltungen hat abgenommen, auch die der neuen Bücher: Die Hälfte der Verlage lässt Titel später oder gar nicht erscheinen, weil im Frühjahr 2020 die Buchhandlungen in fast allen Bundesländern schließen mussten und der Umsatz zeitweise um bis zu 65 Prozent einbrach. Inzwischen haben sich die Verkäufe weitgehend erholt. Doch wie viele Verlage und Buchhandlungen die Coronamaßnahmen überstehen, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Die Programmänderungen machen zunächst Schriftstellern und freien Lektoren zu schaffen, dann Journalisten und Moderatoren. Die Kultur ist ein osmotisches System.

Dennoch dürfte den Literaturkritikern der Stoff vorerst nicht ausgehen. Kritiken rechnen sich allerdings erst, wenn Zweitverwertungen hinzukommen: Moderationen, Vorträge, Überblicksartikel oder -sendungen. Alle freien Kulturjournalisten, auch die auf Film, Kunst oder Theater spezialisierten, müssen solche Mischkalkulationen verfolgen. Auf das Ergebnis schauen sie derzeit am besten nicht. Im Augenblick heißt es durchhalten. Pleiten kommen so oder so.

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