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Spring
Das deutsche weibliche Comicwunder

Spring
Foto: Manfred Bogner

SPRING wurde 2004 von der gleichnamigen Künstlerinnengruppe in Hamburg gegründet. Das Magazin ist eine Kunst- und Comiczeitschrift von und für Frauen. – „Wir fanden, dass die Comicwelt sehr männerdominiert war“, sagt Stephanie Wunderlich, eine der SPRING-Mitglieder.

Von Rojin Pertow

„Das schwedische Comicwunder“ – so nennt man in der Branche vor allem den Verlag und die Comiczeitung Galago, die in Schweden seit 1979 Pioniere der sogenannten „alternativen“ Comics und Graphic Novels waren. Dies sind Comics, die nicht von Superhelden handeln, oder im japanischen Zeichenstil Manga gezeichnet sind. Stattdessen sind schwedische Comic-Stars wie Liv Stömquist, Nanna Johansson und Sara Granér Teil einer stolzen europäischen Tradition von Comicstilen und Erzählungen, die sich jenseits des Unwirklichen und Übernatürlichen bewegen, und die eher das Leben, Trauer, Kindheit oder historische Schicksale schildern. In Frankreich wird dieses Genre von Größen wie Julie Maroh (Blau ist eine warme Farbe) vertreten, und aus Großbritannien kommt beispielsweise Jamie Hewlitt (Tank Girl). In Deutschland gibt es unter Anderem SPRING.
 
SPRING wurde 2004 von der gleichnamigen Künstlerinnengruppe in Hamburg gegründet. Seitdem hat die Gruppe jedes Jahr eine Nummer von SPRING herausgegeben: eine Anthologie mit Comics, Illustrationen und Freihandzeichnungen. Jede Nummer hat außerdem ein spezielles Thema. Das Wichtigste: der Inhalt wird ausschließlich von Frauen gestaltet.

Es hat lange gedauert, bis sich avant-garde Comics in Deutschland etabliert haben. In den 80-er Jahren gab es einen großen Boom in der deutschen alternativen Kunstszene, aber dennoch waren große Verlage, wie zum Beispiel der Hamburger Carlsen Verlag, nicht an diesem Phänomen interessiert, sondern importierten weiterhin ausländische Comics, z.B. Superheldencomics oder Asterix. Comiczeichner aus dem ehemaligen Ost-Berlin, die an verschiedenen Hochschulen lehrten, z.B. Anke Feuchtenberge in Hamburg, Atak in Halle und Henning Wagenbrett in Berlin, ermunterten ihre Studenten, sich zusammenzuschließen, und eigene Zeitungen zu produzieren – so wie SPRING – und so einander zu helfen, die eigenen Comics und die eigene Kunst zu veröffentlichen, sagt das SPRING Mitglied Stephanie Wunderlich.Sie fährt fort: Die Comicwelt in Deutschland ist zurzeit sehr lebendig. Es gibt viele weibliche Leserinnen und große weibliche Zeichnerinnen, wie zum Beispiel Ulli Lust, Birgit Weyhe und Paula Bulling.
 
Apropos Frauen – vor hundert Jahren wurde sowohl in Deutschland als auch in Schweden das Frauenwahlrecht eingeführt. Sind das schon ganze hundert Jahre oder eher „nur“ hundert Jahre? Die Frauen von SPRING sind sich einig – „nur“ hundert Jahre.
Natürlich hat die Gesellschaft in hundert Jahren viel gelernt, aber es gibt in Sachen Gleichstellung immer noch viel zu tun. Man sagt, dass Frauen und Männer den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit erhalten sollen, aber in der Realität verdienen Frauen in Deutschland beinahe 20% weniger als Männer. In den Betriebsleitungen sitzen immer noch weit weniger Frauen als Männer. In der Kunst- und Comicszene gibt es immer noch viele informelle männliche Netzwerke. „Brauchst du noch jemanden für eine prestigevolle Ausstellung? Frag‘ meinen Kumpel, ich habe ihn gestern auf ein Bier getroffen“ – ungefähr so kann es zugehen, sagt Carolin Löbbert, Mitglied in SPRING. 
Dieses Jahr jährt sich die #MeToo-Debatte, die die Welt mit Berichten über sexuelle Belästigung und Übergriffen auf Frauen in beinahe allen Berufskategorien erschütterte. #MeToo flammte zuerst in der Unterhaltungsindustrie auf, nahe der Kunstwelt, in der die Frauen von SPRING tätig sind.

Meine Sicht auf die deutsche Kunstwelt hat sich seit #MeToo nicht sonderlich verändert. Schon vorher habe ich in der deutschen Kunst- und Comicszene sowohl Übergriffe als auch männliche Netzwerke gesehen. Die Kunstszene war die letzten Jahrhunderte völlig von Männern dominiert. Es braucht Zeit, Grenzen und Strukturen, sowohl physische als auch mentale, abzubauen, sagt Carolin Löbbert.

Auch wenn die deutsche Kunstwelt nicht von einem fürchterlichen Skandal erschüttert wurde, so glaube ich doch, dass Berichte über Missbrauch und über Männer, die ihre Machtpositionen ausnutzten, für viele Frauen eine Anregung waren, Strukturen zu hinterfragen. Wir haben angefangen, uns Fragen zu stellen: z.B. „warum ist es im Kulturleben so, dass hauptsächlich Männer bestimmen, ob Frauen Ausstellungen machen dürfen oder gewisse Rollen und Aufträge bekommen?“, sagt Stephanie Wunderlich. 
 
In den letzten 15 Jahren florierte die alternative Comicscene in Schweden. Gerade erst letztes Jahr forderte die größte Tageszeitung des Landes, dass auch Comic-Romane für den prestigeträchtigen Romanpreis Augustpriset nominiert werden dürfen. Die Frauen von SPRING kennen das „schwedische Comicwunder“ gut:
Im Allgemeinen ist schwedische Kultur in Deutschland einflussreich. Es gibt sogar ein Wort für die Idealisierung Schwedens und schwedischer Kultur: das Bullerbü-Syndrom. Schwedische Kinderbuchautoren sind in deutschen Kinderzimmern stark vertreten, so zum Beispiel Astrid Lindgren oder Selma Lagerlöf. Ich habe als Teenager zusammen mit einem Freund mein erstes Comicalbum gezeichnet, nachdem ich einen Max Andersson Comic gelesen hatte. 
Die nächste Nummer von SPRING wird von weiblichen Erfahrungen von und Perspektiven auf Sex handeln, so Stephanie Wunderlich. Frauen nehmen zwar immer mehr Raum in der Comic-Kunst ein, aber die Kunstwelt im Großen ist immer noch von Männern dominiert.

Die SPRING Gruppe ist ein ausgezeichnetes Bespiel für Frauen, die in einem Umfeld, das von weiblicher Freundschaft geprägt ist, zusammenarbeiten, sich gegenseitig unterstützen und Erfahrungen austauschen. In der Kunstwelt steht doch oft immer noch eher das einzelne, große Ego und weniger die Gruppe im Zentrum; vielleicht wegen der immerwährenden Vorstellung von einem einsamen (männlichen) Genie. Aber die Dinge verändern sich, sagt Moki. 
 
 

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