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Rückkehr adliger Gutsbesitzer
Streit um den Schlosspark. Die Rückkehr adliger Gutsbesitzer nach Brandenburg und die Reaktionen der Dorfbewohner

Zaun am Gutshaus
Gutshaus, Park und Dorf. Einige Nachfahren der 1945 enteigneten adligen Gutsbesitzer kamen nach dem Ende der DDR in das Dorf ihrer Vorfahren zurück. Sie kauften oder pachteten die einstigen Anwesen ihrer Familien. Das konnte zu Konflikten mit den alteingesessenen, sozialistisch geprägten Dorfbewohnern führen. | Foto: Thomas Kohler, CC BY 2.0

Die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 war ein politisches Großereignis, bei dem die DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik beigetreten ist.[1] Auch in einigen früheren brandenburgischen Gutsdörfern vollzog sich eine Vereinigung auf lokaler Ebene, bei der westdeutsche Adelsfamilien und sozialistisch geprägte Dorfbewohner aufeinandertrafen. 

Von Ines Langelüddecke

Einige Nachfahren der 1945 enteigneten Gutsbesitzer kamen in das Dorf ihrer Vorfahren zurück, allerdings ohne von staatlicher Seite die früheren Güter und Ländereien zurückzuerhalten.[2] Die Enteignungen im Zuge der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone wurden 1990 nicht rückgängig gemacht, um Auseinandersetzungen zwischen den alten und neuen Besitzern zu vermeiden. Dennoch kam es mit der Rückkehr der früheren Adelsfamilien, die den Besitz ihrer Vorfahren kauften oder pachteten, zu Konflikten mit den Dorfbewohnern.
 
Ein Feld der Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten war beispielsweise der frühere Park des Gutes. Historisch betrachtet war der Park als Teil der Gutsanlage immer ein Raum der kultivierten Landschaft, der seit der Frühen Neuzeit das Schloss oder das Herrenhaus umgab.[3] In der Zeit der Gutsherrschaft waren die Parkanlagen Grenzräume zwischen Adelsfamilien und Dorfbewohnern. Diese Bereiche waren nur der Adelsfamilie zugänglich, die damit einen räumlichen Abstand von Schloss und Park zu den Häusern der Dorfbewohner herstellte. Als nun die Adelsfamilien nach 1990 in die früheren Gutsdörfer zurückkehrten, standen sie vor der Frage, ob und wie sie die in der Zeit der DDR veränderten Parkanlagen nutzen oder umgestalten wollten. In Bandenow, einem brandenburgischen Dorf mit ungefähr 500 Einwohnern, kam es über die Schließung des Parks zu einem emotionsgeladenen Konflikt zwischen einigen Dorfbewohnern und der Familie von Hohenstein.[4]
Als Leopold von Hohenstein, der 1969 geborene Enkelsohn des letzten Gutsbesitzers, im Jahr 2000 das Schloss vom Landkreis gekauft hatte, wollte er die alte Gutsanlage zumindest in Ansätzen wiederherstellen. Darüber verhandelte er mit der Gemeinde Bandenow, die ihm den Park verkaufte. Der Park mit alten Bäumen war 1945 ausgedehnter als heute, denn auf dem Parkgelände wurden nach der Enteignung Häuser gebaut sowie Straßen und Wege angelegt. Diese Wege verliefen auch direkt hinter dem Schloss entlang. Als Leopold von Hohenstein den Park gekauft und 2007 komplett eingezäunt hatte, beendete er für die Dorfbewohner diese Möglichkeit des Durchgangs. In verschiedenen Interviews sprachen die Dorfbewohner, von denen hier Hanna Bauer zitiert werden soll, und auch Leopold von Hohenstein über diesen Konflikt.
 
Hanna Bauer, Jahrgang 1937, ist mit der Familie von Hohenstein verwandt. Ihr Ehemann Hartmut Bauer ist der uneheliche Sohn des letzten Gutsbesitzers. Nach der Enteignung und Vertreibung der Adelsfamilie ist er in Bandenow aufgewachsen. Mit der Familie von Hohenstein haben Hanna und Hartmut Bauer erst wieder seit 1990 eine engere Verbindung. Hanna Bauer beschreibt den Streit um den Schlosspark so: „Er (Leopold von Hohenstein) hat es (das Tor, Anm. IL) zugemacht und die Leute, die durchgehen wollten, die haben einfach das Tor wieder aufgeschnitten und sind einfach wieder durchgegangen. Aber irgendwie muss man das doch respektieren, wenn das mein Eigentum ist, dann ist das mein Eigentum. Aber das ist eben dieses Gewohnheitsrecht. Wir sind immer hier durchgegangen zu DDR-Zeiten. Wir sind hier immer durchgegangen. Warum jetzt nicht? Nun haben sie vier kleine Kinder, die müssen sich ja ein bisschen abzäunen, die können ja nicht da irgendwo rumschwirren, ne.“[5]
 
Hanna Bauer spricht im Interview über zwei unvereinbare Positionen. Auf der einen Seite steht dabei Leopold von Hohenstein, dem der Park gehört und der über sein Eigentum verfügen kann. Auf der anderen Seite stehen die Dorfbewohner, die nicht verstehen, dass er den Zugang zum Park geschlossen hat. Sie berufen sich auf ihr Gewohnheitsrecht und die Wege, die sich während der Zeit der DDR, als der Park hinter dem Schloss offen war, herausgebildet haben und auch nach dem Ende der DDR bis zur Schließung des Parks 2007 Bestand hatten. Seit 1950 gab es im früheren Schloss eine landwirtschaftliche Berufsschule mit einem Lehrlingswohnheim. In Bandenow war die Nutzung des volkseigenen Parks über die Zeit der DDR als eine nicht schriftlich fixierte Praxis entstanden. Anscheinend gingen die Bandenower davon aus, dass diese Art der Nutzung auch nach 2007 und der Umwandlung des Geländes in Privateigentum Bestand haben würde. Das sah Leopold von Hohenstein anders. Im Interview beschreibt er rückblickend ein für ihn bedeutsames Ereignis: „Ich hatte dann auch so ein Schlüsselerlebnis. Da gabs einen Feueralarm und dann ist da einer von den Feuerwehrleuten mit seinem Auto bei uns durch den Park gerast, weil man da noch mit dem Auto durchfahren konnte. Und da hatten wir gerade Besuch. Und dann war das vielleicht 30 Zentimeter neben dem spielenden Kind. Also, das war ganz knapp im Endeffekt. Und da war dann irgendwo auch der Punkt, wo wir sagten, so geht das nicht weiter im Endeffekt. Wir wollen auch mal unsere Ruhe haben und wir müssen uns da auch mal irgendwo hinsetzen können, ohne dass immer einer da fünf Meter neben uns bei uns durch den Garten läuft irgendwie und da haben wir es dann zugemacht.“[6]
 
Der junge Vater entwirft in seiner Schilderung ein Bild der Bedrohung seiner Familie durch Feuerwehrleute aus dem Dorf, die anscheinend auf dem Weg zu einem Einsatz seine Kinder und die Kinder von Freunden in Gefahr gebracht hätten. Die Sorge um die Kinder vermischt sich in seiner Erzählung mit dem Bedürfnis nach Privatsphäre und dem Garten als Rückzugsort, während er anfangs vom Park spricht, durch den eine befahrbare Straße führt. Dieser Wechsel in der Wortwahl vom Park zum Garten hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass der Wunsch nach einem eigenen Garten normaler erscheinen kann als die Forderung nach einem eigenen Park. Auffällig ist, dass Leopold von Hohenstein in diesem Konflikt nicht einfach auf seinem Eigentum beharrt, sondern eine emotionale Erzählung entwirft, mit der er die Schließung rechtfertigt. Auch heute ist der frühere Schlosspark noch von einem Zaun umgeben.
 
Der Konflikt um den Park in Bandenow zeigt, dass der Eigentumsbegriff eine rechtliche, aber auch eine soziale Komponente hat. Für Leopold von Hohenstein als Besitzer gehen mit der Verfügungsmacht über sein Eigentum unterschiedliche Handlungsoptionen einher: Er kann den Park öffnen, aber auch schließen. Für die Forderung der Dorfbewohner nach Durchgangs- und Gewohnheitsrechten gibt es dagegen keine Rechtsform, auf die sie sich berufen könnten. Stattdessen stellen die Dorfbewohner in ihren Deutungen Bezüge zur Geschichte der DDR her, die sie als Argumente in den Konflikt einbringen. Dabei wird deutlich, dass bis heute in Bandenow zwei getrennte Erzählgemeinschaften existieren, die sich – offen oder weniger offen – auf unterschiedliche historisch geprägte Deutungsmuster berufen. Beide Seiten verwenden emotionale Argumente, wenn sie in den Interviews die Sicherheit von Kindern gegen die Notwendigkeit, einen Weg zu benutzen, um ans andere Ende des Dorfes zu gelangen, auflisten. In Bandenow markiert der Park nach seiner Schließung heute wieder die räumliche Trennung zwischen innen und außen, zwischen dem privaten Bereich des Schlosses und dem öffentlichen Bereich der Dorfstraße, zwischen der zurückgekehrten Adelsfamilie und den Dorfbewohnern. Zwischen beiden Gruppen gibt es eine räumliche und auch soziale Distanz, die zwar keineswegs so ausgeprägt ist wie die Trennung zwischen adligen Gutsbesitzern und Dorfbewohnern während der traditionellen Gutsherrschaft. Bis zum Ende des Kaiserreichs und der Abschaffung der Monarchie 1918 waren die adligen Gutsbesitzer die dominierende Kraft auf den Dörfern. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und der Enteignung 1945 existierte die Gutsherrschaft mit ihrem Herrschaftsgefüge auf informelle Weise weiter. Mit ihrer Rückkehr nach 1989/90 können die Adelsfamilien an diese alte Ordnung anknüpfen, jedoch unter völlig anderen gesellschaftlichen Verhältnissen. In der Transformationszeit, einer Phase der gesellschaftlichen Neuordnung und Unsicherheit, konnte die Geschichte der Gutsherrschaft nun eine Ressource von Stabilität und Zugehörigkeit für die Adelsfamilie genauso wie für die Dorfbewohner sein. Räumliche Symbole dieser lokalen Geschichte sind die markanten Orte im früheren Gutsdorf, wie das Schloss oder die Kirche, der Park oder der Adelsfriedhof. Zugleich ist mit diesen Räumen die Frage verbunden, wie diese als öffentliche oder private Orte nach dem doppelten Umbruch von 1945 und 1989/90 genutzt werden können, ohne dass die frühere soziale Trennung zwischen Adelsfamilien und Dorfbewohnern in der Gegenwart wieder auflebt. Wie offen oder geschlossen sind diese Orte? Wie ist der Zugang geregelt? Der Konflikt um diese Fragen ist typisch für die früheren Gutsdörfer, in denen heute wieder Adelsfamilien leben. Nur wenn sich beide Seiten in ihren Interessen und Bedürfnissen entgegen kommen, können die zurückgekehrten Adligen und die Dorfbewohner zusammen in einem Dorf leben, in dem die Geschichte bis in die Gegenwart weiter wirksam ist.
  

[1] Dieser Beitrag beruht auf der Dissertation der Autorin mit dem Titel: „Alter Adel – neues Land? Die Erben der Gutsbesitzer und ihre umstrittene Rückkehr ins postsozialistische Brandenburg“, die im Frühjahr 2020 im Wallstein-Verlag Göttingen erscheinen wird.
[2] Ungefähr 420 Gutsbetriebe in adligem Besitz waren 1945 enteignet worden. Etwa 30 bis 40 Adelsfamilien sind zwischen 1990 und 2010 nach Brandenburg zurückgekehrt. Vgl. Schwerin, Detlef Graf von, Rede zur Ausstellungseröffnung „Heimat verpflichtet“ in der Landeszentrale für Politische Bildung Potsdam, 30. Oktober 2012, http://www.politische-bildung-brandenburg.de/ausstellungen/heimat-verpflichtet/ausstellungseröffnung, letzter Zugriff: 23.09.2019, Siehe auch: Büchner, Gerold, Adel – Rückkehrer und Pioniere, in: Berliner Zeitung, 2.11.2012.
[3] Beck, Jens, „Lasst dem armen, ausgedienten Adel seine Poesie“. Landgüter und ihre Bedeutung für die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser, in: Düselder, Heike/Weckenbrock, Olga/Westphal, Siegrid (Hg.), Adel und Umwelt. Horizonte adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit, Köln u.a., S. 79-103, hier S. 83.
[4] Alle Orts- und Personennamen wurden anonymisiert.
[5] Interview mit Hanna Bauer, 6. Oktober 2010, 01:29:07–01:29:37.
[6] Interview mit Leopold von Hohenstein, 25. Mai 2010, 00:45:10–00:45:50.

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