Jayrôme C. Robinet: Brief an Magnus Hirschfeld
Unkraut rupfen

Eine Straße
Foto: Jayrôme C. Robinet

Berlin, den 21. Juni 2021

Lieber Magnus,

wie findest Du Giersch? Es ist lange her, dass ich einen richtigen Brief geschrieben habe, auf richtiges Papier und mit einem Füllfederhalter. Ich schwöre, ich schreibe gerade damit. Neben dem Blatt ein Kaffee, ein frisch gepresster Orangensaft und auf dem Balkon, wo ich sitze: Blumen überall, ein Zitronenbaum, der hier in Berlin ja Früchte trägt – Überraschung – und einige Geranien, die so süß duften, als wäre ich in einem Glas Marmelade meiner Großmutter gelandet. Ich habe mal einem Freund im Scherz gesagt: „Wenn Du eines Tages Geranien auf meinem Balkon siehst, bring mich um!“ Das war vor zwanzig Jahren. Geranien wären zu spießig, dachte ich damals. Siehst Du, wie die Dinge sich ändern.

Aber es ist nicht das, was ich Dir sagen wollte (Darf ich Dich duzen?). Nach langen Monaten des Lockdowns ist der Klang des Lebens heute zurückgekehrt. Unten höre ich eine Baustelle, Tik Tak Tik, das Kopfsteinpflaster wird neu verlegt. Das Tik-Tik als Tik-Tak zu empfinden – obwohl der Pflasterhammer derselbe ist, die Bewegung die gleiche, das Schlagen auch – ist unsere natürliche Tendenz zur Unterscheidung, meint Gilles Deleuze. Der Mensch will Gegensätze. Aber die elementare Wiederholung muss begrenzt werden – weitere Tendenz zur passiven Synthese –, Repetitionen müssen zur einfachsten Gruppe abgeschlossen, auf ein Minimum von zwei reduziert werden, das Tak als umgekehrtes Tik.

Lieber Magnus, ich komme in ein Alter, in dem ich mich frage, wo ich sterben werde.
Du bist an Deinem Geburtstag gestorben. Du warst 67 Jahre alt geworden. Hattest Du Deine Kerzen schon ausgeblasen? Die Flamme war früher ein Symbol, weißt Du, eine Warnung an die bösen Geister, damit sie keine Macht über das Geburtstagskind ausüben. Pff. Aus.

Dass Deine Schriften bei den Bücherverbrennungen vernichtet, Dein Institut für Sexualwissenschaft von den Nationalsozialisten geplündert und zerstört wurden, waren das die bösen Geister? Und dann wurdest Du ins Exil geschickt. Und dann bist Du gestorben. Du bist in Nizza gestorben, wo Du nicht mal ein Jahr Deines Lebens verbracht hattest. Und dann wurde Deine Leiche verbrannt.

Damals kannst Du es noch nicht wissen: Fünf Jahre nach Deinem Tod wird Nizza unter Marschall Pétain im Vichy-Regime sein, dort in dieser südlichen Hälfte, die nicht von Deutschland besetzt ist, wird Frankreich freiwillig mit dem NS-Regime kollaborieren. In Nizza werden Betonmauern die Promenade des Anglais versperren, die Gestapo wird in das Hotel L’Hermitage einziehen, die Widerstandskämpfer Ange Grassi und Séraphin Torrin werden bald an Laternen der Avenue de la Victoire aufgehängt.

Weißt Du, in Deutschland verfügt man über die besten Toiletten überhaupt. Das kannte ich früher gar nicht: die Toiletten mit dem Scheiße-Altar. Damit kann man seiner eigenen Scheiße nachgucken, man wird mit seinem eigenen Mist konfrontiert. Wollen wir hier mal einen Gegensatz? Frankreich. Dort verschwindet die Scheiße sofort ins Wasser, Plops. Und man spült, ohne sie überhaupt gesehen zu haben. Wie? Waren jetzt im Zweiten Weltkrieg nicht alle Franzosen im Widerstand?

Weißt Du, wenn meine Oma beim Abendbrot den letzten Baguettekanten runterwürgte, obwohl sie schon satt war, sagte sie: Encore une chose que les Boches n’auront pas! – Hauptsache, die Deutschen kriegen ihn nicht! Als ich nach Berlin gezogen bin, in die Reichshaupstadt, zu den Pickelhauben, sagte sie: „Hauptsache, du bringst uns nicht einen deutschen Mann mit nach Hause!“ Vor ihrem Tod hätte ich meiner Oma so gern gesagt: „Mamé, der deutsche Mann bin ich selbst geworden.“ 

Im Ausland zu leben, ohne Familie, bedeutet, kein Grab zu haben, an dem man trauern kann. Mir wurde mal gesagt: Du bist Transgender? Oh, das ist wie in einem anderen Land zu leben, oder? Nein. Im Ausland zu leben, darüber hinaus in einem anderen Geschlecht, heißt zum Pflasterstein hin gebeugt, die Zwischenräume zu spüren. Ich bin ein durchscheinendes Puzzle. Deleuze schreibt, jedes Entgegengesetzte muss sein Anderes aus sich heraustreiben, sich also aus sich selbst heraustreiben und zum Anderen werden, das es heraustreibt.

Transnationales Leben bedeutet, eine andere Musik zu schlürfen – ich meine jetzt nicht Schlager, sondern Sprache. Statt Tik Tak Flip Flop Flap Flüp. Weißt Du, sogar das Wort „Familie“ hat auf Französisch eine leicht andere Bedeutung. Im Französischen fehlen aber auch so viele Begriffe, angefangen mit dem Wort „Dankbarkeit“.

Nun gibt es Theorien, die besagen: „Geschlechtsangleichung ist wie Migration.“ Oder „Trans Menschen sind sans papiers.“ Oder „Adoptierte Koreaner*innen in weißen Familien können in Verbindung zu ethnischen ‚Drags‘ und ‚Cross-dressers‘ gebracht werden, zu Transvestiten und sogar Transsexuellen und ‚Transgenders‘, die scheinbar fixe rassische, ethnische und nationale Identitäten und Zugehörigkeiten stören und diesen spotten“ (Hübinette). Nein, keine dieser Analogien funktioniert richtig.

Dein Grab liegt, lieber Magnus, auf dem Cimetière de Caucade in Nizza. Wärest Du nicht besser hier im Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin – oder besser gesagt: Hätte ich Dich nicht lieber hier, hinter dem steinernen Jugendstil-Portal, neben der Widerstandskämpferin Hilde Radusch, dem Sänger Rio Reiser und dem Denkmal „Denk mal Posithiv“, das den Menschen gewidmet ist, die an den Folgen von HIV gestorben sind – HIV, das hast Du ja nicht mehr erlebt. Es gibt alljährliche Führungen über den Friedhof, Menschen würden sich an Deinem Grab meditativ sammeln, hier würdest Du das ganze Jahr über blühen, jemand würde eine Patenschaft für Dich übernehmen, das Grabmal pflegen, das Unkraut rupfen. Auch wenn Unkraut Ansichtssache ist. Giersch sollte meiner Meinung nach überall wachsen dürfen. Wie findest Du Giersch?

Lieber Magnus, eine dünne, zum Teil durchsichtige Schicht über der Gesellschaft hast Du beleuchtet, angeschliffen. Freust Du Dich über 60 Geschlechterkategorien auf Facebook? Ich freue mich, dass unsere Welt sich seit Jahrzehnten verändert hat. Sosehr einige bedauern, Du könntest als Vordenker der Eugenik betrachtet werden, schüttelst Du den Kopf. Du, der auch gegen Rassismus gekämpft hast, wie hättest Du Dich heute gegen den Homonationalismus positioniert? Gern würde ich Dir Kaffee und Orangensaft einschenken und einen Stuhl zu Dir heranziehen, damit Du an den roten und pinken Geranien riechst. Lieber Magnus, ich bin Dir dankbar. Das wollte ich Dir sagen.
 
Dein Jayrôme

 
Literatur:
Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. Wilhelm Fink Verlag, München 1992.  Aus dem Französischen von Joseph Vogl.
Tobias Hübinette: Nicht eingebundene, frei flotierende Körper. Fehl am Platz und ausser Kontrolle. Quelle: http://www.tobiashubinette.se/asian_bodies_2.pdf


Jayrôme C. Robinet © Ali Ghandtschi
Jayrôme C. Robinet, geboren 1977 in Frankreich, ist freier Autor, Übersetzer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin, wo er über queere Performance Poetry promoviert. Zwei Erzählbände sind in Frankreich erschienen. 2015 erschien sein deutschsprachiges Debüt, das als Einpersonenstück am Maxim Gorki Theater Premiere feierte. 2019 erschienen seine autofiktionalen Memoiren »Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund« (Hanser Berlin). Für seine Texte erhielt er u.a. das Stipendium der Villa Decius in Krakau und das Autorenstipendium des Berliner Senats. www.jayrome-c-robinet.com
 

 

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