Dialog: Bildung und Zukunft Modelle der Berufsausbildung in Deutschland und Schweden im Vergleich

Auszubildende
Foto: GettyImages, Robert Kneschke

Auch in Schweden, das derzeit vor allem auf die schulische Ausbildung setzt, diskutieren politische Entscheidungsträger eingehend über Fragen zu Schule und Berufsausbildung. In der aktuellen Diskussion um den Abbau der Jugendarbeitslosigkeit könnte Deutschland mit seinem anderen Ansatz hier einen Beitrag leisten.

 

Es diskutieren von schwedischer Seite Lotta Naglitsch, Leiterin des Lärlingscentrums, Pär Lundström, EIO – Elteknikbranschen und Thomas Hagnefur, Enheten för ekonomisk politik och arbetsmarknad.

Von deutscher Seite beteiligen sich Christiane Eberhardt, Bundesinstitut für Berufsbildung, Matthias Anbuhl, Bildungsexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund und Hans-Theodor Kutsch, Vizepräsident der Deutsch-Schwedischen Handelskammer. Es moderiert Liv Heidbüchel von Sveriges Radio.

Die Podiumsdiskussion organisierten Deutsch-Schwedische Handelskammer, Deutsche Botschaft und Goethe-Institut Schweden.

Christiane Eberhardt

Christiane Eberhardt ist seit 1993 im Bundesinstitut für Berufsbildung beschäftigt – zunächst in der Umsetzung von bilateralen Berufsbildungsprojekten mit Staaten Mittel- und Osteuropas, danach im Projektmanagement des europäischen Berufsbildungsprogramms Leonardo da Vinci und des Programms JOBSTARTER. Seit 2008 beschäftigt sie sich mit der europäischen Berufsbildungspolitik in ihren vielen Facetten.

Im Jahr 2013 befanden sich laut Berufsbildungsstatistik insgesamt 1.391.900 Jugendliche in einer dualen Berufsbildung. Im Vergleich zu den Vorjahren geht die  Zahl der Jugendlichen, als auch das Ausbildungsplatzangebot leicht zurück. Immer mehr Menschen streben einen Hochschulabschluss an. Wesentliche „Stellschrauben“ müssen neu zu justiert werden, um die Berufsbildung attraktiv und konkurrenzfähig zu gestalten:  durch verbesserte Übergänge zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung, die Gewinnung neuer Zielgruppen für die Berufsausbildung, zum Beispiel Jugendliche mit Migrationshintergrund, Studienabbrecher oder Zuwanderer.

Lotta Naglitsch

Die Aufgabe von Lotta Naglitsch ist, die duale Berufsausbildung zu verbessern. Insbesondere soll das Interesse der Schülerinnen und Schüler geweckt werden. Lotta Naglitsch ist Leiterin des Lärlingscentrums.

Duale Berufsausbildungen am Gymnasium ist eine relativ neue Ausbildungsform in Schweden. Umso wichtiger ist es, dass mehr Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit bekommen, einen Beruf auch draußen, in den Unternehmen zu lernen. Für viele bedeutet dies einen schnelleren Weg zu einer Anstellung.

Matthias Anbuhl

Seit dem 1. Januar 2009 leitet Matthias Anbuhl die Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB Bundes-vorstand. Zuvor war er Leiter des Parlamentarischen Verbindungsbüros der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Berlin. Matthias Anbuhl studierte Erziehungs-wissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Das duale System in Deutschland hat sich bewährt. Es schafft eine enge Kopplung zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt. Es bietet den Jugendlichen eine breit angelegte hochwertige berufliche Qualifikation. Fakt ist: gute Facharbeit ist und bleibt das Rückgrat der Innovationskraft unserer Betriebe. Der Erfolg des dualen Systems ist aber mit besonderen Voraussetzungen verknüpft. Das duale System In Deutschland ist kein rein staatliches Bildungssystem, sondern lebt vom Engagement der Gewerkschaften, der Arbeitgeber und den Regierungen in Bund und Ländern.

Thomas Hagnefur
Gewerkschaft LO, Abteilung Wirtschaft und Arbeitsmarktpolitik

Der Dachverband der Arbeitergewerkschaften LO (Landsorganisation i Sverige) ist gegenüber der Lehrlingsausbildung durchaus positiv eingestellt. Die grundsätzliche Haltung ist jedoch, dass die verschiedenen Branchen und deren Partner einen entscheidenden Einfluss darauf haben müssen, wie das Lernen am jeweiligen Arbeitsplatz gestaltet ist. Was Schweden von Deutschland und den Nachbarländern lernen kann, ist die Notwendigkeit einer strukturierten Zusammenarbeit zwischen Schule, Betrieben und Politik.

Hans-Theodor Kutsch

Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Politik an der Universität Hamburg war Hans-Theodor Kutsch in leitenden Positionen in der Kunststoffindustrie tätig, von 1995 bis 2011 als Vorsitzender der Geschäftsführung der Albis Plastic GmbH. Er war Mitglied des Plenums der Handelskammer Hamburg und war lange Zeit Mitglied des Mittelstandsausschusses der DIHK Berlin. Seit vielen Jahren ist Hans-Theodor Kutsch Vizepräsident der Deutsch-Schwedischen Handelskammer.

Das duale System der beruflichen Bildung ist in Deutschland nach wie vor die wesentliche Säule für die Deckung des künftigen Fachkräftebedarfs. Für mehr als 500.000 junge Menschen ist es der Einstieg in eine qualifizierte berufliche Tätigkeit, was sich auch in der im EU-Vergleich geringen Jugendarbeitslosigkeit von 7,4 Prozent widerspiegelt. Eine hochwertige Ausbildung von Fachkräften ist der Schlüssel für die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen. Die Qualität der beruflichen Ausbildung sicherzustellen und weiterzuentwickeln ist und bleibt daher ein wichtiges Anliegen sowohl der Wirtschaft als auch des Staates. Die Grundlage dafür bilden die gesetzlichen Rahmenbedingungen, klare Strukturen und landesweite Standards ebenso wie das unverzichtbare Engagement der Wirtschaft.

Pär Lundström

Nach dem staatswissenschaftlichen Studium an der Universität Uppsala war Pär Lundström fast 20 Jahre mit Bildungsfragen im Bereich Technikausbildung betraut. Er hat nicht nur für die die Stadt Stockholm, sondern auch bei Skolverket, Myndigheten för skolutveckling und Kommunförbundet Stockholms län gearbeitet. Seit 2004 ist er für die duale Berufsausbildung bei EIO – Elteknikbranschen zuständig.

Die Kombination von Lernen in der Schule und im Betrieb ist eine Voraussetzung dafür, dass die duale Berufsausbildung zu Schlüsselkompetenzen führt, die im heutigen Arbeitsleben nachgefragt werden. Eine Pädagogik, die eine Gesamtperspektive ermöglicht, ist der Ausgangspunkt für das qualitativ gesicherte ETG-Konzept (ETG=Elteknikbranschens gymnasium), das die Elektroinstallationsbranche wünscht. Die individuellen Ergebnisse der dualen Berufsausbildung sichert eine Abschlussarbeit, die für einen ETG-Schüler aus vorbereitender Dokumentation, praktisch durchgeführter Installationen am Ende des dritten Schuljahrs sowie einer Inspektion von Lehrern und Repräsentanten der Unternehmen besteht. Hinzu kommen 600 Stunden praktische Arbeit im Betrieb.  So kann das ETG-Modell die traditionelle Berufsausbildung der gymnasialen Oberstufe ersetzen.