Natalya Beloedova: Ohne Schreiben kann ich nicht leben.

Natalya Beloedova
Natalya Beloedova | Goethe-Institut Usbekistan

1. Kann man Ihre Person mit folgendem Satz bezeichnen?

„Guten Tag, ich heiße Natalja Belojedowa und ich bin Dichterin.“
 
Nein, kann man nicht! J Ich stelle mich nie so vor. Es kommt vor, dass jemand mich so vorstellt, aber ich nie.

2. Geben Sie bitte eine Definition für das Wort „Dichter“.
 
Dichter ist ein Mensch, der die Welt anders als alle übrige Menschen wahrnimmt. Und es ist ein Mensch, der anderen Menschen über seine Wahrnehmung erzählen kann. Man könnte auch sagen, er kann die verborgene Welt zeigen und zu einer Reise einladen, die ganz besonders und abenteuerlich sein kann, sowohl gefährlich als auch faszinierend und reizvoll.

3. Ist Poesie heutzutage aktuell?
 
Poesie war und wird immer aktuell sein. Das ist die Sprache der Freiheit, des Gefühls und des Rhythmus. Je nach Zeit ändert sich nur die Anzahl ihrer Liebhaber. In den 60er Jahren kamen Tausende Menschen in Sportstadien, um Dichtern zuzuhören. Heute kommen weniger Leute in kleinere Räume. Aber der literarische Prozess läuft, er lief immer. Gedichte sind wie Luft. Und die Einatmung dieser Luft macht süchtig. Vielleicht wiederholt sich bald die Geschichte und die Besucherzahl bei poetischen Veranstaltungen nimmt wieder zu.
 
4. Erzählen Sie bitte über Ihre Erfahrungen im Poetry Slam des Goethe-Instituts. Was gefällt Ihnen? Was könnte man verbessern?
 
Ich habe am allerersten Poetry Slam im Goethe-Institut teilgenommen, der vor zwei Jahren stattfand. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Bei diesem Poetry Slam war auch Nora Gomringer, bekannte deutsche Dichterin, anwesend und sie trat auf der Bühne auf. Nach ihrem Auftritt waren wir, die Taschkenter Dichter, dran. Es waren viele Leute von unserem literarischen Seminar beim usbekischen Schriftstellerverband dabei, es gab auch Anfänger. Das Format des Wettbewerbs war etwas Neues für die Literaturszene Taschkent. Es war wie ein frischer Schluck, anregende Atmosphäre und Adrenalin. Ich habe mich verliebt und bin mit ganzem Herzen im Poetry Slam geblieben. Aber beim letzten Poetry Slam habe ich den ersten Platz belegt. Deswegen befürchte ich, dass ich meine Teilnahme an diesem Wettbewerb zeitweilig aussetzen muss. Es ist aber sehr schade. Ich mag sowohl die Bühne als auch das Format. Ich denke, dass sich alles im Rahmen dieser Veranstaltung ganz logisch und interessant entwickelt.

5. Erzählen Sie bitte über den Dichterkreis in Taschkent (im Land).
 
Über den Dichterkreis? Das ist eine gute Frage. In Taschkent haben wir tatsächlich einen Dichterkreis. Vor zwei Jahren entstand unser Projekt „Litera“, das die Taschkenter Dichter und Schriftsteller vereint, u.a. Wika Osadtschenko, Farchad Junusow, Olesja Zaj, Kirill Grischin, Nikolaj Iljin, Bach Achmedow, Marat Baysakow und mich, Natalja Belojedowa. Im Projekt „Litera“ gibt es einige Musiker. Außerdem haben wir eine tolle DJ-Lady im Team – Julia Ochwat (DjYula).

Wir treten im Rahmen des Projekts auf diversen Veranstaltungen in Taschkent auf, besuchen Bildungseinrichtungen und gehen manchmal auf Tournee im Land. Ende letzten Jahres konnten wir im Rahmen des GoViral-Festivals Almaty besuchen.
 
Darüber hinaus sind momentan auch andere Vertreter der Literaturszene aktiv tätig. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist Dichter und Musiker Aschot Danijeljan.

6. Welche Literaturepoche lieben Sie am meisten? Ihr Lieblingsautor? Ihr Lieblingsbuch? Mögen Sie die asiatische Literatur?
 
Ich mag am liebsten die moderne Poesie und Prosa. Nur sie können die uns momentan bewegenden Fragen widerspiegeln und sozusagen als Sprachrohr der Zeitepoche fungieren.
Ich mag viele Autoren. Wenn es um Dichter geht, dann sind das Boris Rischij, Andrej Grischajew und meine Landsleute Sandschar Janischew und Suchbat Aflatuni (Ewgenij Abdullajew).
Wenn es um Schriftsteller geht, ist für mich Jerome Salinger ein Autor für alle Zeiten.
Von östlichen Autoren liegt mir der japanische Dichter Matsuo Basho am Herzen.

7. Kann der Dichter außerhalb seines Raums existieren (Emigration)?


Ich denke, ja. Wichtig ist, was man im Inneren hat, die innere Verbindung. Man kann sich an einem Ort aufhalten, aber sich mit ganz anderem Ort verbunden fühlen.

8. Warum schreiben Sie?
 
Das ist eine komische Frage. Ich gebe eine banale Antwort: Ohne Schreiben kann ich nicht leben. Ich brauche das. Auf diese Weise entwickle ich mich, lerne meine Innenwelt und die umgebende Welt kennen.

9. Was könnten Sie jungen Autoren empfehlen?
 
Lesen, möglichst viel lesen. Mit einem Bleistift lesen. Unterstreichen, markieren, sich merken und zum Gelesenen zurückkehren. Hinterfragen. Sich die Frage stellen, warum der eine oder andere Autor erfolgreich ist und ob man selbst genauso gut schreiben kann. Es ist wichtig, sich ständig weiter zu entwickeln.

10. Haben Sie Ratschläge und Wünsche für künftige Teilnehmer des Poetry Slams im Goethe-Institut?
 
Man muss sich gut auf die Veranstaltung vorbereiten. An erster Stelle steht die Arbeit am Textinhalt. Dann ist die Textpräsentation auf der Bühne wichtig. Und das Wichtigste – nur keine Angst! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.