Künstlergespräch The Last Ride

Künstlergespräch
© Goethe-Institut Hanoi

Im Januar 2017 stellte die Künstlerin Nguyễn Phương Linh eine Installation im Goethe-Institut Hanoi aus. Wir sprachen mit ihr, der Kuratorin Trương Quế Chi sowie mit Linhs Vater Nguyễn Mạnh Đức, Mitbegründer des Nhà Sàn Studios.

Ich denke Sie repräsentieren die erste Generation zeitgenössischer Künstler in Vietnam und gleichzeitig sind Sie ein Gesicht der traditionellen Künste. Durch meine Recherchen habe ich herausgefunden, dass Sie viele Räume geschaffen haben in denen sich Künstler frei äußern können, so wie Nha San selbst ein Ort ist, an dem Künstler zusammen kommen. Heute ist die Künstlerin Ihre Tochter. Also wie fühlen Sie sich hier bei dieser Ausstellungseröffnung?

Ich bin recht gerührt, dass sie hier im Goethe-Institut stattfindet. Dies war schon immer ein guter Ort für Künstler um ihre Werke auszustellen. Allgemein gesprochen, ist die Herangehensweise der Deutschen an die lokale Kunstgemeinschaft recht anders. Man kann wohl sagen, dass die Deutschen seit langer Zeit verschiedene Programme und Aktivitäten ausrichten und organisieren, die die lokalen aufstrebenden Künstler unterstützen. Andere Institutionen und Stiftungen neigen dazu, ihre eigene Kultur mit der Kultur hier in Verbindung bringen zu wollen. Ihre Herangehensweise tendiert außerdem zur kulturellen Bildung, was manchmal eher hemmend auf die vietnamesische Denkweise und Ästhetik wirken kann. Im Gegensatz dazu koexistiert das Goethe-Institut mit vietnamesischen Künstlern, unterstützt deren Experimente, deren Wachstum, die Entwicklung ihrer eigenen künstlerischen Sprache sowie ihr unabhängiges Denken. In der Vergangenheit hatten wir Frau Veronika bei uns, eine Deutsche, die großen Einfluss auf die Kunstszene der Generation vor Phương Linh hatte. Sie hat mit einigen Künstlern gearbeitet, die die Gesichter der progressiven vietnamesischen Kunst sind. Deren Namen sind nicht nur in Vietnam, sondern auch international bekannt. Als ich gehört habe, dass Phương Linh ihre Ausstellung im Goethe-Institut zeigen wird, war ich deswegen sehr froh. Dieser Ort hat einen sehr guten Ruf, und diese Gelegenheit ist eine willkommene Herausforderung für jemanden wie Phương Linh. Ich habe die Ausstellung gesehen und denke sie ist ihr gelungen. Phương Linh und einige andere junge Künstler waren früher so unsicher hinsichtlich ihrer Mentalität und ihrer Orientierung. Was soll ich machen? Wie mache ich es? Diese Art von Fragen. Sie wurden mit dem Gewicht der traditionellen Künste konfrontiert, wovon ihre Generation nicht unbedingt begeistert war. Sie wollten den Zustand der traditionellen Kunst ändern um sich so nach der internationalen Kunstszene auszustrecken. Es war und ist ein anspruchsvoller Prozess. In der Vergangenheit haben diese Herausforderungen sie dazu verführt, den Bezug zur Realität zu verlieren und sich an der westlichen Ästhetik zu orientieren, die weit von dem täglichen Leben vietnamesischer Menschen entfernt ist. Allerdings sind sie in der letzten Zeit reifer geworden und die jüngere Generation hat damit begonnen, der vietnamesischen Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit zu schenken, mehr als die Senioren, deren Interesse ausschließlich bei ihrer Kunst liegt und nicht bei der Verbindung von Kunst und dem aktuellen Tagesgeschehen des Landes. Es ist die jüngere Generation, die letzteres tut, und das – das sagte ich gerade schon einem meiner Freunde - ist ein Segen für das Land. Nicht nur meine Tochter, sondern die gesamte jüngere Generation strebt nach einer ehrlichen und authentischen Beurteilung der Situation im Land, sowie dessen Kultur, Umwelt, Einstellung – der Gesellschaft im Allgemeinen. Ich sollte noch hinzufügen, dass ich viele Orte erschaffen habe in der Hoffnung, dass die Künstler so viel Freiheit wie möglich haben können, ohne ihre eigenen Verpflichtungen zu vernachlässigen. Das gleiche gilt für die junge Generation, sie streben nach so viel Befreiung und Freiheit wie möglich, um im zeitgenössischen Vietnam Kunst zu schaffen. 
Du hast einen Elefanten und die Geschichte des Elefanten im Allgemeinen ausgewählt. Könntest du diese Bedeutung weiter ausführen?
 
Zuerst habe ich den Elefanten gar nicht bemerkt. Als ich das erste Mal nach Jarai gereist bin, lag mein Fokus auf den Kautschukplantagen. Die französischen Kolonialherren brachten den Kautschuk von der südlichen Hemisphäre nach Vietnam. Ich bin sehr häufig nach Jarai gefahren, in das zentrale Hochland. Bei den ersten Reisen ging es nur um die Kautschukplantagen, wo ich Materialien gesammelt habe, man kann diesen Kautschuk in der Ausstellung auf dem Boden sehen. Ich habe die Landschaft des Kautschukwaldes gefilmt, die Fabrik, wie Menschen mitten in der Nacht die milchige Flüssigkeit abzapfen.
Allerdings hatte ich bei den letzten Reisen das Gefühl, viele andere Szenerien verpasst zu haben: die Landschaft Jarais. Die Farbe des roten, eisenhaltigen Bodens. Die Tiere. Nicht nur die Elefanten, sondern auch andere Tiere. Der Elefant war für mich interessant, weil die Jarai-Menschen früher ein Ritual für ihren König des Feuers pflegten. Für sie waren Elefanten heilige Tiere. Während der französischen Kolonisation wurden Elefanten genutzt, um die Gegend zu erkunden und auszubeuten. Heute werden Elefanten nur noch für den Tourismus genutzt. Sie inszenieren immer noch bestimmte Rituale für die Touristen und verdienen so etwas Geld.

Ich habe mich dazu entschlossen, mich einem Elefanten zu nähern, einem Elefanten für Touristen. Sie war halb blind. Aus all dem Filmmaterial, das ich in Jarai gesammelt habe, schnitt ich einen Film und nannte ihn „Erinnerungen eines blinden Elefanten“. Er ist genauso fragmentarisch wie die Geschichte und zeigt wie doppeldeutig Erinnerungen sind. Der Elefant war blind, also wie kann man die Geschichte klar sehen. Es ist irgendwie unsicher und unmöglich.
 
Du hast die Geschichte des Kautschuk und des blinden Elefanten in einem dunklen Raum inszeniert. Aber bevor wir in diesen dunklen Raum kommen ist da dieser helle, sehr weiße Raum, in dem wir bestimmte Objekte sehen können. Was sind das für Objekte und warum sind sie so wichtig?
 
Wenn man den Raum betritt kommt man zuerst in eine Art Lobby. Es ist wie ein Wartezimmer in einem Kino. Man sieht eine rote Wand, die schon dort ist, seit das Goethe-Institut die Halle gebaut hat. Wir waren sehr interessiert an dieser Farbe, also haben wir uns dazu entschieden, einen sehr ruhigen Eingang zu kreieren. Wenn man in den Raum kommt sieht man zuerst ein Gemälde, das mit der roten Erde aus der Gegend gemalt worden ist, es zeigt einen Elefantenschädel. Wenn man hereinkommt ist dort eine Lanze (ein Elefantenstock), die die Menschen genutzt haben, um den Elefanten zu trainieren. Wir haben sie auf der Rückseite der Decke angebracht, also kann man sie nicht in Gänze sehen sondern nur ihren Schatten, fast wie eine Illusion. Dann sieht man viele Metallstrukturen. Wir haben uns dazu entschieden, mit Aluminium Teile des Geschirrs zu rekonstruieren, das die Elefanten tragen um Touristen zu transportieren. Wir haben uns dazu entschieden, das Geschirr in kleinere Teile zu dekonstruieren. Ich wollte einen architektonischen Anschein erwecken, wie eine neo-archäologische Stätte aus der Zukunft, oder eine Struktur, die aus Elefantenknochen besteht. Der Raum ist rund und weiß: ein Kreis hat weder einen Anfang noch ein Ende. Wir haben alle futuristischen Materialien unter einem sehr starken Licht angeordnet, das Publikum kommt aus der Zukunft und läuft zurück in eine schwarze Erinnerungsbox.
Können Sie etwas über das gesamte Konzept der Ausstellungsreihe und die letzten beiden Ausstellungen sagen?

Skylines With Flying People 3 ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt, das von Nha San Collective initiiert worden ist. Es beginnt mit dem Konzept einer Reise und einer Grenze; in diesem Projekt wenden sich Künstler an verschiedene Territorien, verschiedene Regionen Vietnams, wo sie Feldrecherche betreiben und ästhetische Experimente durchführen. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine Kartographie eines vietnamesischen Geo-Körpers, der aus Fiktion und der Vorstellungskraft und Sensibilität der Künstler_innen besteht.

In dieser Ausstellung geht es um Natur. Die Künstlerin bringt gewisse Gefühle und Beobachtungen gegenüber der Natur zum Ausdruck. Wie würden Sie beschreiben was wir sehen wenn wir das Visuelle in den Text einer Sprache transferieren?

Bei den letzten beiden Ausstellungen von Skylines With Flying People 3 sammelten die Künstler die Materialien der Orte, die sie besuchten, während sie reisten – in anderen Worten: sie wurden von ihnen in Bann gezogen. Außerdem waren sie beeindruckt von den verheerenden Veränderungen der Landschaften, von der entsetzlichen Realität dessen, was an ihrem Forschungsort geschah. Diese anfängliche Faszination regte sie dazu an, die örtlichen Materialien zu erkunden, zu beobachten, zu prüfen, sowohl hinsichtlich Form als auch Charakteristik, um so eine neue Landschaft zu kreieren, in der zeitgenössische Themen adressiert werden können.

Was ist die Rolle der Kunst und des Künstlers hinsichtlich der öffentlichen Diskussionen über Natur heutzutage?

Mit Skylines With Flying People 3 verfolgen die Kuratoren unter anderem das Ziel, die Hierarchie der Themen in der Kunst zu dekonstruieren. In diesem Fall bedeutet das, dass die Künstlerin zur Peripherie statt ins Zentrum oder ins Urbane reist und somit auch die Themen der marginalen Sektoren behandelt, recherchiert, repräsentiert und durch die Praxis der Künstlerin erlebt werden. Dank dieser ästhetischen Experimente bekommen lokale Themen eine Stimme und die Möglichkeit eines radikalen, alternativen Geo-Narrativs, das neben dem Mainstream-Narrativ existiert, wird geschaffen.