Benedict Wells Wahrheit, Lügen und andere Geschichten

Als 2008 sein erster Roman bei Diogenes erschien, war Benedict Wells mit 23 Jahren der jüngste Autor des renommierten Verlags. Dieser Roman ist mittlerweile verfilmt worden, und auch die nächsten drei Bücher waren erfolgreich. Nun legt Wells einen fast schon klassisch zu nennenden Erzählband vor.

Die Wahrheit über das Lügen © Diogenes Die Wahrheit über das Lügen heißt der Band und enthält zehn Geschichten aus zehn Jahren. Es geht um einen karriereorientierten Ehemann und Vater unsicheren Alters, der nicht mehr so genau zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden kann. Eine andere Erzählung besteht aus Erinnerungen an die Internatszeit des Erzählers. Auch um Schriftsteller und Schriftstellerinnen geht es: In einer sehr parabelhaften Geschichte begegnet eine Schriftstellerin mit Schreibblockade ihrer männlichen Muse, die sich allerdings zusehends vermenschlicht und am Ende zu einer Allegorie wird.

Wer hat “Star Wars” erfunden?

An das Genre der Phantastischen Literatur erinnert die Titelstory Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen. Via Zeitreise wird der erfolglose Drehbuchschreiber Adrian ins Jahr 1974 katapultiert – und hat vier Jahre Zeit, dem Regisseur George Lucas die Idee zu Star Wars zu klauen. Dies gelingt ihm, und er erntet Welterfolg und Reichtum. Lucas und sein Freund Francis Ford Coppola, dessen Film Apocalypse now total flopt, bleiben dagegen erfolglos. Die Freundschaft von Lucas und Steven Spielberg bleibt ebenfalls auf der Strecke, da Spielberg im Streit um Urheberrechte für Star Wars zu Adrian hält. Die Indiana Jones-Filme werden in Wells' Erzählung daher nie gedreht. Wells gelingt mit dieser Erzählung eine gleichermaßen originelle wie amüsante „Was wäre wenn“-Geschichte.

Einfache, aber sehr präzise Sprache

In einer weiteren Geschichte ist der Todeskampf einer Fliege das Symbol einer gescheiterten Ehe, in einer anderen wird ein Kilometerstand zum Sinnbild einer Vater-Sohn-Beziehung. Dann wieder sind zwei Männer aus ihnen unbekannten Gründen in einer Zelle eingesperrt und steigern sich in einen absurden Tischtenniswahn hinein.

Als Motto hat Wells ein Zitat des japanischen Filmregisseurs Akira Kurosawa gewählt: „Der Mensch ist ein Genie, wenn er träumt.“ Und genau an der Schnittstelle zwischen Wachen und Träumen, Wahrheit und Illusion bzw. Lüge sind Wells Geschichten angesiedelt. Manche fallen sogar sehr märchenhaft aus, wie etwa Die Nacht der Bücher.

Wells versteht es, mit einer einfachen, aber sehr präzisen Sprache Bilder und Figuren zum Leben zu erwecken. Ihm gelingt mit seinen vielseitigen Erzählungen, was nur wenige Autoren und Autorinnen können: Sie berühren, entwickeln einen Sog und versetzen einen in diesen weltentrückten Zustand, der entsteht, wenn man in eine Geschichte eintaucht und auch nach dem Ende noch darin verweilt.
 
Rosinenpicker Wells, Benedict: Die Wahrheit über das Lügen. Zehn Geschichten
Zürich: Diogenes, 2018. 256 S.
ISBN: 978-3-257-07030-9