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Testen und Prüfen
ALTE-Konferenz 2026: ein Blick auf aktuelle Trends

Zwei Konferenzteilnehmende tragen Jutebeutel mit dem Logo der ALTE-Konferenz und der Aufschrift „May contain test items“. © Goethe-Institut | Foto: Cordula Flegel

Vom 15. bis 17. April 2026 war München Treffpunkt der internationalen Sprachtest‑Community: Die Association of Language Testers in Europe (ALTE) veranstaltete gemeinsam mit dem Goethe-Institut ihre 9. Internationale Konferenz zum Thema Responsible Language Assessment to Empower Learners.

Von Katharina Klein

Expert*innen aus der Forschung und der Praxis diskutierten zum Konferenzthema „Verantwortungsvolles Sprachtesten zur Stärkung der Lernenden“ zentrale Zukunftsfragen rund um das Testen und Prüfen von Fremdsprachen. Das besondere Augenmerk der Konferenz lag zum einen auf der Verantwortung, die mit dem Testen von Sprachen einhergeht, denn anerkannte Sprachzertifikate öffnen zum Beispiel Türen zum Arbeitsmarkt oder Studium. Die Verantwortung für faire Prüfungsverfahren und -ergebnisse liegt hier bei allen Stakeholdern, insbesondere bei den Testanbietern und (politischen) Entscheidungsträgern.

Zum anderen wurde der Zentrierung auf die Lernenden ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die Selbstwirksamkeit der Lernenden wird heute immer wichtiger: Eine Vielzahl von Tools und Apps für selbstgesteuerte Lernwege sowie Möglichkeiten der Interaktion mit Künstlicher Intelligenz (KI) beim Sprachenlernen verlangen Eigenverantwortung (Learner Agency) von den Lernenden. Diese Eigenverantwortung sollte aktiv gefördert werden, zum Beispiel im Unterricht von Deutschlehrkräften oder auch durch entsprechende Prüfungsformate.

Das übergeordnete Leitthema gliederte sich in vier thematische Bereiche:

  • Verantwortung und soziale Gerechtigkeit
  • Stärkung der Eigenverantwortung von Lernenden
  • Verantwortungsvoller Umgang mit Technologie wie Künstlicher Intelligenz (KI)
  • Unterstützung der Lernenden durch umfassende Kompetenzen zur Kommunikation

Perspektiven auf verantwortungsvolles Sprachtesten

Die drei geladenen Hauptredner*innen lieferten tiefere Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des Konferenzthemas.

Dr. Jennifer Randall gab wichtige Impulse im Themenstrang soziale Gerechtigkeit. Sie regte dazu an, die Validität von Prüfungen radikal zu überdenken. Dr. Randalls Präsentation hinterfragte, wie fair unser Verständnis von validen Prüfungen insbesondere für marginalisierte Lernendengruppen ist. Es folgten Anregungen für ein gerechteres Verständnis von Validität, zum Beispiel bei der Definition des Testkonstrukts oder der Erstellung von Prüfungsinhalten.

Dr. Diane Larsen-Freeman sprach in ihrer Präsentation über die Förderung der Lernendenautonomie. Diese wird zu einer wichtigen Kernkompetenz in einer sich durch KI rasant verändernden Zeit. Ihr Vortrag stellte Ansätze zur Integration von Eigenverantwortung von Lernenden in Sprachprüfungen vor: Mögliche Beispiele sind die Einbindung von Auswahlmöglichkeiten in Prüfungsteilen wie Schreiben und Sprechen oder das selbstgesteuerte Abspielen und Stoppen von Audios bei Aufgaben zum Hörverstehen.

Zum Thema „Verstehen Large Language Models (LLMs) Sprache“ (Do LLMs unterstand language) nahm Dr. Gino Roncaglia die Konferenzteilnehmenden mit auf eine erhellende, historische Reise durch die Entwicklung von LLMs mit Fokus auf Bias, Halluzinationen und soziale Nachhaltigkeit. Sprachmodelle können bestimmte Gruppen, Sichtweisen oder Informationen systematisch bevorzugen oder verzerren (Bias) oder Inhalte bzw. Informationen erfinden oder sachlich falsch darstellen (Halluzinationen). Wenn diese Phänomene beim Einsatz von KI beim Sprachtesten auftreten, kann dies zu unfairen Ergebnissen führen. Der Vortrag verdeutlichte die zunehmende Rolle, die LLMs im Bildungsbereich beim Lehren, Lernen und Prüfen einnehmen.

Portraits der drei Hauptredner*innen während ihres Vortrags auf dem Podium der ALTE-Konferenz.

Redner*innen auf der ALTE-Konferenz 2026: Dr. Jennifer Randall, Dr. Diane Larsen-Freeman und Dr. Gino Roncaglia (von links nach rechts). | © Goethe-Institut | Fotos: Cordula Flegel

Die Keynote-Beiträge boten einen Einstieg in die drei Schwerpunktthemen der Fachkonferenz und nannten wesentliche Punkte für ein verantwortungsbewusstes Testen und Prüfen von Sprachkompetenzen.

Themen rund um KI ganz vorn mit dabei

Ein Blick in das Konferenzprogramm mit 140 Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops verrät, welche aktuellen Trends den Fachdiskurs bestimmen. Das Interesse zur Integration von KI beim Sprachenlernen und -prüfen ist ungebrochen. Beiträge zum Schwerpunktthema „Verantwortungsvoller Umgang mit Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI)“ (Responsible AI & Tech in Language Assessment) stellten Ansätze, Studien und konkrete Anwendungsbeispiele zum Einsatz von KI bei Prüfungen vor.

Ein Beispiel dafür ist die KI-gesteuerte (teil-)automatisierte Erstellung von Prüfungsmaterialien und damit verbundene Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Der zweite Trend, der sich in den Beiträgen während der Konferenz abzeichnete, ist die automatisierte Bewertung von Schreibaufgaben und Sprechbeiträgen mithilfe von KI-Systemen. Moritz Dittmeyer (Goethe-Institut) stellte Möglichkeiten und Grenzen der KI-gestützten Analyse von schriftlichen Texten im Sprachunterricht mit dem intelligenten Korrekturassistenten INKA vor. Solch ein Feedback zu Texten als Teil des formativen Assessments kann den Lernprozess und die Lernendenautonomie fördern. Das formative Assessment beschreibt das Einholen von Informationen zum Lernstand der Lernenden im Lernprozess, zum Beispiel durch Übungen oder Lernjournale mit Fokus auf Feedback.

„Bei der KI-gestützten Entwicklung von Aufgaben und Prüfungsmaterialien ist das Feld bereits sehr dynamisch. Beim konkreten Assessment, also bei Bewertung, Korrektur und Entscheidungen über Sprachkompetenz, ist man dagegen zurecht vorsichtiger. Die grundlegenden KI-Technologien sind inzwischen weit genug – entscheidend ist jetzt, daraus kluge, belastbare und didaktisch sinnvolle Anwendungen zu entwickeln. Gerade im Assessment geht es um gesicherte Validität, Fairness, Transparenz und Verantwortung. Der Weg von vielversprechenden Prototypen zu produktreifen Anwendungen ist deshalb anspruchsvoll und entsprechend aufwendig!

Das große Interesse an INKA während der Konferenz hat für mich gezeigt, dass es einen Bedarf an pragmatischen Lösungen zur Integration im Lernprozess gibt: Systeme, die Lehrkräfte nicht ersetzen, sondern sie konkret entlasten, die Feedbackqualität unterstützen und die Entscheidung weiterhin beim Menschen lassen. Gerade mit begrenzten Ressourcen können solche smarten Ansätze einen echten Mehrwert schaffen.“

Dr. Moritz Dittmeyer

Technologieeinsatz bei Sprachprüfungen bietet zudem die Möglichkeit, Daten aus Live-Prüfungen zu analysieren. Insbesondere große Prüfungsanbieter beschäftigt dieses Thema, auch um Täuschungsversuche bei Prüfungen aufzudecken. Die vorgestellten Maßnahmen sind eine Reaktion auf die weltweit zunehmenden Täuschungsversuche bei high-stakes Prüfungen. 

Die Expert*innen sind sich einig, dass der Einsatz von KI bei Sprachprüfungen verantwortungsvoll und durch den Menschen kontrolliert erfolgen muss. Durch diesen „Human-in-the-Loop-Ansatz“ behält der Mensch die Kontrolle über wichtige Entscheidungen, zum Beispiel die finale Bewertung einer (schriftlichen) Leistung oder die Beurteilung der Qualität eines KI-generierten Textes mit Aufgaben.

Stärkung der Lernenden durch umfassende Kommunikationskompetenz

Dieses Schwerpunkthema öffnete den Blick für Aspekte des Spracherwerbs, die über (rein) linguistische Kompetenzen hinausgehen. Darunter fallen zum Beispiel Mediationsaktivitäten und -strategien, plurilinguale Repertoires oder metakognitive Fähigkeiten zur Steuerung des eigenen Lernens beispielsweise durch individuelle Lernstrategien. Die Beiträge in diesem Themenkomplex beleuchteten verschiedenste Fähigkeiten zur Stärkung von Lernenden und stellten Überlegungen zur Integration dieser in den Unterricht und in Prüfungen an.

Swapna Kulkarni-Ajgaonkar und Afsheen Jivani (Goethe-Institut Pune) präsentierten zum Thema Mediation eine qualitative Studie im Rahmen der Sprachkurse in Pune sowie daraus abgeleitete Chancen und Herausforderungen zur Integration von Mediationsaktivitäten.

„Künftig möchten wir noch häufiger alltagsnahe und authentische Aufgaben in unseren Unterricht integrieren. Denkbar sind beispielsweise Aktivitäten, bei denen Lernende Informationen für eine bestimmte Zielgruppe zusammenfassen, Inhalte aus unterschiedlichen Quellen bündeln oder zwischen Personen mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen vermitteln.

Auch für Kursabschlusstests sehen wir interessante Einsatzmöglichkeiten. Kurze Mediationsaufgaben könnten dazu beitragen, die kommunikative Handlungsfähigkeit der Lernenden noch authentischer zu erfassen.“

Afsheen Jivani und Swapna Kulkarni-Ajgaonkar

Impulse für die Zukunft des Sprachtestens

Die ALTE-Konferenz 2026 hat gezeigt, dass verantwortungsvolles Sprachtesten ein dynamisches Feld bleibt, in dem neue technologische Möglichkeiten, gesellschaftliche Anforderungen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse kontinuierlich neu miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Die Zukunft des Sprachtestens wird nicht allein von technischen Innovationen geprägt sein, sondern vielmehr von der Frage, wie diese Innovationen von Menschen verantwortungsvoll eingesetzt werden können, um den Lernprozess wirksam zu unterstützen.

Literatur

Felice, Mariano, Richard Spiby, Barry O’Sullivan und Adam Edmett (2025): Human-centred AI: Lessons for English learning and assessment. British Council.

Harding, Luke (2025): Utopian and dystopian visions: Steering a course for the responsible use of artificial intelligence (AI) in language testing and assessment. Language Testing, Bd. 42 (4), 561–575.

O’Grady, Stefan, Nazlinur Gokturk und Olena Rossi (2026): Artificial Intelligence in Language Assessment Research: A Scoping Review. Research Synthesis in Applied Linguistics, Bd. 2, (1), 103–139.