Mediation
Sprachmittlung – Kommunizieren über Sprachgrenzen
Mediation beginnt dort, wo bloßes Sprachwissen nicht mehr ausreicht: Lernende wählen Informationen aus, erklären Zusammenhänge und berücksichtigen kulturelle Unterschiede. Leicht umsetzbare Unterrichtsbeispiele zeigen, wie sich diese Kompetenz im DaF-Unterricht gezielt fördern lässt.
Von Christian Fiedler
Mehr als Wörter weitergeben
Eine Lernende erklärt einem neuen Mitschüler die Schulordnung in dessen Erstsprache. Ein Enkel hilft seinen Großeltern beim Einchecken in einem deutschen Hotel. In beiden Situationen findet Mediation statt: Man bekommt Informationen in Sprache A und gibt die relevanten Informationen sinngemäß in Sprache B an eine andere Person weiter.
Mediation, häufig auch als Sprachmittlung bezeichnet, bedeutet, Inhalte so auszuwählen, aufzubereiten und weiterzugeben, dass andere sie verstehen und nutzen können – hier konkret zwischen zwei Sprachen: Deutsch und der jeweiligen Erstsprache der Lernenden. In der Praxis passiert das in beide Sprachrichtungen und in unterschiedlichen Formen: schriftlich oder mündlich, als Zusammenfassung, als Paraphrase oder als informelles Dolmetschen in einer bestimmten Situation.
Entscheidend ist dabei nicht die vollständige Übertragung Wort für Wort, sondern das kommunikative Ziel. Was muss mein Gegenüber wissen? Welche Erklärung hilft in dieser Situation? Gibt es Begriffe, die ich nicht einfach übersetzen kann?
Das verändert den Blick auf Unterrichtsaufgaben: Lernende üben zunehmend, Informationen zu ordnen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen und ihre Sprache an die jeweilige Situation anzupassen. Diese Fähigkeiten helfen ihnen, im Alltag, im Studium und im Beruf zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Sprachkenntnissen zu vermitteln.
Praxisbeispiel – eine Schulordnung vermitteln (A2/B1)
Sprachmittlungsaktivität und Sprachrichtung: Zusammenfassung eines schriftlichen deutschen Ausgangstextes in einem mündlichen Zieltext in der Erstsprache, verbunden mit Paraphrasieren und Vereinfachen.
Dieses Beispiel ist niedrigschwellig und alltagsnah: Ausgangspunkt ist eine kurze Schulordnung oder ein Regelplakat, zum Beispiel zu Pünktlichkeit oder Handynutzung.
Die Situation: Ein neuer Mitschüler spricht noch nicht gut Deutsch und soll trotzdem wissen, welche Regeln im Schulalltag wichtig sind. Die Lernenden arbeiten in Partnerarbeit. Person A ist „Schulguide“ und liest die Schulordnung auf Deutsch. Person B spielt den neuen Mitschüler. Aufgabe von A ist es, die Regeln in der Erstsprache von B zu erklären und zwar so, dass B sie im Alltag anwenden kann.
Person B hakt nach und fasst in der Erstsprache zusammen, was sie verstanden hat. Optional kann A danach eine kurze Rückmeldung auf Deutsch geben, etwa einen Satz pro Regel. So wird sichtbar, ob die Information korrekt angekommen ist.
Zusätzlich können hier Fertigkeiten eingeübt werden, die über die Arbeit mit dem Text hinausgehen: Person A könnte etwa erklären, warum die Pünktlichkeit wichtig ist (und hierbei sensibel mit dem Vorurteil der deutschen Pünktlichkeit umgehen).
Praxisbeispiel – mit den Großeltern im Hotel (A2/B1)
Sprachmittlungsaktivität und Sprachrichtung: Informelles Dolmetschen im Gespräch, wechselseitige mündliche Sprachmittlung zwischen Deutsch und der Erstsprache.
Das zweite Beispiel unterscheidet sich von der vorherigen Mediationssituation: Die Lernenden vermitteln mündlich zwischen zwei Gesprächspartnern.
Die Situation: Eine lernende Person reist mit ihren Großeltern, die kein Deutsch sprechen, nach Deutschland. An der Hotelrezeption möchten sie einchecken. Die Mitarbeiterin begrüßt die Familie, fragt nach dem Namen und den Ausweisen und erklärt, wann es Frühstück gibt und wo sich das Zimmer befindet. Die Großeltern möchten wissen, ob es einen Aufzug gibt und ob sie am Abreisetag ihr Gepäck noch im Hotel lassen können. Die lernende Person vermittelt zwischen beiden Seiten.
Drei Lernende übernehmen die Rollen der Hotelmitarbeiterin, eines Großelternteils und der vermittelnden Person. Die Mitarbeiterin spricht Deutsch, der Großelternteil die gemeinsame Erstsprache. Die vermittelnde Person gibt die wesentlichen Informationen jeweils in der anderen Sprache weiter. Sie muss nicht jeden Satz wortgetreu übersetzen, sondern dafür sorgen, dass beide Seiten die für sie wichtigen Informationen erhalten.
Für die Vorbereitung genügen zwei Rollenkarten. Auf der Karte der Hotelmitarbeiterin stehen beispielsweise die Fragen nach Name und Ausweisen sowie die Informationen „Frühstück von 7 bis 10 Uhr“, „Zimmer 204, zweiter Stock“ und „Abreise bis 11 Uhr“. Die Karte der Großeltern enthält zwei Anliegen (in der Erstsprache): „Gibt es einen Aufzug?“ und „Können wir das Gepäck am Abreisetag noch hier lassen?“ Die vermittelnde Person hört zu, fragt bei Bedarf nach und überträgt das Wesentliche.
Auf A2 helfen Satzstarter: „Meine Großeltern möchten wissen, ob …“, „Können Sie das bitte wiederholen?“ und „Habe ich richtig verstanden, dass …?“ Nach dem ersten Durchgang können die Rollen gewechselt oder einzelne Informationen verändert werden.
Auch hier können zusätzliche Fertigkeiten eingeübt werden, wie die Bedeutung höflicher Formulierungen oder von unterstützender Körpersprache.
Kompensationsstrategien
Das in Mediationssituationen die Kommunikation nicht immer sofort gelingt, ist normal und soll im Unterricht kein Hindernis werden. Deshalb sollten Lernende früh Kompensationsstrategien als normalen Teil des Sprachunterrichts einüben, um bei sprachlichen Lücken und kulturellen Unterschieden handlungsfähig zu bleiben:
- Umschreiben und Paraphrasieren: einen unbekannten Begriff mit bekannten Wörtern erklären
- Vereinfachen: komplizierte Inhalte in kürzere und einfachere Aussagen übertragen
- Verallgemeinern: statt eines unbekannten Einzelbegriffs einen passenden Oberbegriff verwenden
- Beispiele geben: die Bedeutung durch eine konkrete Situation verdeutlichen
- Vergleichen: auf einen ähnlichen Begriff oder eine bekannte Situation in der Erstsprache verweisen
- Erklären oder Kontext geben: zusätzliche Informationen liefern, damit die Bedeutung verständlich wird
- Nachfragen und Verständnis sichern: um Wiederholung bitten oder prüfen, ob die Information angekommen ist
- Nonverbale Mittel einsetzen: Gestik, Mimik, Bilder oder Gegenstände zur Unterstützung verwenden
- Lücken benennen und gemeinsam überbrücken: etwa mit Formulierungen wie „Ich kenne das Wort nicht genau, aber es bedeutet …“
Wenn ein spanischer Lernender seiner deutschen Freundin den Begriff sobremesa erklären möchte, reicht eine wörtliche Übersetzung wie „Nachtisch“ nicht aus. Um Missverständnisse zu vermeiden, kann er den Begriff mit Beispielen erklären: „Sobremesa bedeutet, dass man nach dem Essen noch lange zusammensitzt, redet und vielleicht Kaffee trinkt.“
Rollenspiel: la rentrée (Französisch als Erstsprache)
Schüler 1: Du bist eine französische Austauschschülerin. Du erzählst von der rentrée in Frankreich. Erkläre, was der Begriff bedeutet und nenne konkrete Beispiele aus dem französischen Alltag.
Schüler 2: Du bist ein deutscher Mitschüler. Du hörst zu und fragst nach, wenn du etwas nicht verstehst.
Weitere Beispiele für den DaF-Unterricht mit anderen Erstsprachen:
Polnisch: Erkläre einer deutschen Person den Begriff Wigilia.
Portugiesisch: Erkläre einer deutschen Person den Begriff Festa Junina.
Klare Aufgaben statt Perfektionsdruck
Gerade weil Mediation mehrere Teilkompetenzen verbindet, brauchen Lernende eine klare Aufgabenstellung. Häufig möchten sie zu viele Informationen weitergeben oder orientieren sich sprachlich zu stark am Ausgangstext. Hier helfen zwei Leitfragen: Für wen vermittle ich? Was soll diese Person anschließend wissen oder tun können?
Auch die Bewertung einer Mediationsaufgabe sollte sich daran orientieren. Neben sprachlicher Angemessenheit sind vor allem die Auswahl relevanter Inhalte, der Adressatenbezug und die Erfüllung des kommunikativen Ziels wichtig. Die am Ende dieses Artikels verlinkten Bewertungsraster können hierfür Anhaltspunkte liefern.
Wer Mediation in den Unterricht aufnehmen möchte, benötigt keine neue Materialsammlung. Oft genügt es, eine bekannte Lese-, Hör- oder Sprechaufgabe um eine konkrete Person und einen Informationsbedarf zu ergänzen. Dieser Perspektivwechsel führt vom Üben einer Sprache zum Handeln mit Sprachen und macht Mediation zu einem selbstverständlichen und alltagsnahen Teil des DaF-Unterrichts.
Literatur
Daum, Susanne (2021): 44 Mediationsspiele für Partner- und Gruppenarbeit. Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Stuttgart: Klett Sprachen.
Marečková, Pavla (2025): Sag’s weiter: Cvičebnice mediačních úloh pro výuku němčiny (A1–B1). Prag: Fraus Klett.
Nied Curcio, Martina; Katelhön, Peggy (2020): Sprachmittlung und Mediation für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ). Berlin: Frank & Timme.
Europarat (2020): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Begleitband. Stuttgart: Klett Sprachen.