Umwelt #noplastic: Utopie oder Dystopie?

Am Morgen ein Coffee to go, in der Mittagspause ein Fertig-Salat und für den Einkauf am Abend schnell eine Plastiktüte gegriffen: Jährlich produzieren wir so mehrere Millionen Tonnen Müll. Um ihn zu reduzieren, müssten wir ganz auf den Kunststoff verzichten, so scheint es. Aber kein Plastik ist auch keine Lösung, sagt Wissenschaftlerin Carolin Völker.

Von Lisa Winter

Etwa ein Müllwagen voller Plastik wird pro Minute in unsere Ozeane geschüttet. Das entspricht jährlich bis zu 12,7 Millionen Tonnen. Das wohl prominentes Symbol dieser Entwicklung ist die Plastiktüte: Beim Einkaufen benutzen wir sie im Durchschnitt etwa 15 Minuten lang. Dann landet sie im Meer. Mehrere hundert Jahre dauert es, bis sie zersetzt wird. In Kleinstteile, Mikroplastik, zerfallen, wird sie von Vögeln und Meerestieren gefressen, und findet sich so schließlich auch in der menschlichen Nahrungskette wieder. Was passieren wird, wenn sich daran nichts ändert, ist nur schwer vorstellbar.
Yellow Bags© Mo Riza / Flickr
Schon heute leben Menschen und Tiere auf Müllbergen, doch „irgendwann haben wir ein kritisches Level erreicht. Und immer mehr Menschen und Tiere werden ihrer Lebensgrundlage beraubt“, sagt Carolin Völker von der Forschungsgruppe PlastX am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt. Seit 2016 leitet sie dort mit ihrer Kollegin Johanna Kramm die Forschungsgruppe und untersucht gemeinsam mit einer Ökotoxikologin, einer Humangeographien, einem Chemiker und einem Soziologen Plastik in der Umwelt als systemisches Risiko.

Einige Länder haben Plastiktüten bereits verboten. In Deutschland sind sie seit ein paar Jahren kostenpflichtig. Ein wichtiger Schritt, aber bei weitem nicht genug. „Wenn wir den Plastikmüll in den Meeren reduzieren wollen, müssen alle Länder mit einem funktionsfähigen Abfallsystem versorgt werden“, sagt Völker, „wir können kein Plastik in Länder verkaufen, die diesen danach nicht richtig entsorgen können“. Finanzieren sollten diese Abfallsysteme dann die, die das Einwegplastik herstellen und verkaufen. Gleichzeitig müsse die Politik Mehrwegplastik finanziell fördern und für Industrie und Verbraucher*innen attraktiver machen.
Mann kniet in Plastikberg: Collectors' Work © Ikhlasul Amal / Flickr
 

Plastikfreies Leben

„Unser Plastik-Fußabdruck ist bereits jetzt auf der ganzen Welt sichtbar“, so die Forscherin. Neun Milliarden Tonnen Plastik wurden weltweit bereits hergestellt. Selbst an den entlegensten Orten, fernab jeder Zivilisation, kann man Plastik finden. Meerestiere, die noch nie Kontakt zu Menschen hatten, tragen Plastikteile in ihren Mägen. Bis 2025 soll sich Hochrechnungen zufolge der Plastikmüll in den Meeren noch verdoppeln. Können wir diese Entwicklung überhaupt noch aufhalten? „Klar“, sagt Völker, „wenn wir Plastik jetzt sofort verbieten würden“. Doch das sei natürlich eine Utopie, Plastik ist schon seit vielen Jahren ein existenzieller Bestandteil unseres Lebens. Geht es gar nicht ohne? Der Frankfurter Andreas Arnold lebt nach eigenen Angaben zu 90% plastikfrei. Vor sechs Jahren hat er mit dem Verzicht begonnen. Auslöser war der Film „Plastic Planet“ von Werner Boote. „Mein erster Impuls war in die Küche zu rennen und sämtliches Plastik dort zu entfernen“, erzählt er. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass er es kleinschrittiger angehen muss, wenn er langfristig plastikfrei leben möchte. Eine Veränderung pro Monat, so lautete sein Schlachtplan. Den Weg dahin dokumentiert er in seinem Blog „Plastic Diary“. Als erstes widmete sich Arnold dem Bad und ersetzte Shampoo-Flaschen und Co. durch Blockseife. Die Zähne putzt er sich mit Holzzahnbürsten, Zahnpasta stellt er selbst her. Vom „klassischen Ottonormalverbraucher“, wie er sich selbst bezeichnet, entwickelte er sich Monat für Monat hin zu einem bewussteren Lebensstil, geht auf dem Wochenmarkt oder im Unverpacktladen in seinem Viertel einkaufen. Einen Kühlschrank hat er auch nicht mehr. „Ich überlege mir nicht mehr vor dem Einkauf was ich kochen möchte, sondern schaue vor Ort, was es plastikfrei gibt“, erzählt er. Etwa ein halber Sack Plastikreste – so lautet Andreas Arnolds jährliche Müllbilanz.
 
Zero Waste Market© Christopher Porter / Flickr
 

Plastikmüll oder Erderwärmung?

Doch Plastik generell zu verteufeln, sei nicht die richtige Lösung, sagt Völker. „Dann haben wir zwar keinen Verpackungsmüll mehr, aber dafür Energiemüll“. Eine Papiertüte müsse etwa achtmal wiederverwendet werden, bis sie sich gegenüber einer Plastiktüte in Bezug auf ihre Öko-Bilanz rentiert, erklärt Völker. Denn die Herstellung der Papiertüte benötigt mehr Rohstoffe, verbraucht mehr Wasser, Chemikalien, ist besonders energieintensiv und somit schlecht für das Klima: Plastikmüll versus Erderwärmung. Daher sei es auch nicht richtig zu versuchen, Plastik vollkommen aus unserem Leben zu verbannen. Kunststoffe haben auch Vorteile: sie sind preiswert, dicht, hygienisch und stabil.

Auf einem Podium würden Völker und Arnold wahrscheinlich als Kontrahent*innen auftreten. Doch Arnold teilt Völkers Ansatz, Plastik nur dort einzusetzen, wo es sinnvoll und hilfreich ist. Beide sehen das Problem in unserer globalen Wegwerfkultur. Denn mit einer Tupperdose auf dem Markt einkaufen gehen ist okay, für jeden Einkauf eine neue Plastiktüte zu benutzen, nicht. Auch in Arnolds Haushalt findet sich noch Mehrwegplastik, wie beispielsweise sein Mixer. Sein persönlicher Weg wird dennoch weiterhin Richtung #noplastic, #zerowaste, #vegan und #minimalism gehen. In Zukunft möchte er nur noch Biomüll produzieren. Denn wie er sagt: „Alles, was wir für ein glückliches Leben brauchen ist ein Dach über dem Kopf, ein warmes Heim, Essen, Wasser und Frieden“. Von Plastik keine Spur.