Das Leipziger Quartett Frau Lehmann, angeführt von der namensgebenden Sängerin Fiona Lehmann, haben den Power-Chanson erfunden. Ihre immer optimistischen, bissigen wie lyrischen Beobachtungen, eingebettet in großspurigen Gitarrenwolken prägen die 12 Songs auf ihrem neuen, sehr treffend betitelten Album Trost& Trotz. Wie eng diese beiden Begriffe zusammenhängen ist die Erkenntnis dieses Albums, dessen bittersüße Geschichten angenehm und relevant, aber nie harmlos wirken. Es ist ein melancholisches, angriffslustiges Debüt, dessen Texte persönliche Erfahrungen wie Ängste, Überforderung und Fragen der mentalen Gesundheit mit sozialen Kommentaren über Prekariat, Kulturkapitalismus und gesellschaftliche Erwartungen verbinden. Erschienen ist es auf dem Hamburger Label La Pochette Surprise, dessen feines eklektisches Roster eine nähere Inspektion wert ist.
Verwischt und geisterhaft, intim und unnahbar, so beginnen Lucy Kruger and the Lost Boys ihr neues Album Pale Bloom, ein Art-Pop-Meisterwerk mit fern wirkenden Gitarren wie aus einem Science Fiction Western, melancholischen Streichern, und einem über allem schwebenden ruhigen Vortrag. Diese eigenwillige Mischung aus düsterem Gothic-Pop und manchmal fast traditionellem Americana ist eine düstere, klaustrophobische Angelegenheit, eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Musiklandschaft. Nur schwerlich könnte man sich der Intensität der von der gebürtigen Südafrikanerin Lucy Kruger und ihrer Band erschaffenen Atmosphäre entziehen, so eindringlich ist ihr Vortrag. Analog und warm im Sound, mit nah aufgenommenem, stets ruhigem Gesang, greift das Album Themen von Verletzlichkeit und diffusen Ängsten, innerer Verletzlichkeit und der Last der Vergangenheit auf.
Kabeaushé ist das Alter Ego des 29-jährigen Künstlers und Produzenten Kabochi Gitau. Die aggressiv gestylte Kunstfigur Kabeaushé fordert die Hörenden mit einer exzentrischen Mischung aus Pop und Rock, barocker Klassik, ein wenig Hip-Hop und viel Electronica heraus. Der aus Kenia nach Berlin umgesiedelte Musiker zeigt auf Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa (das ist tatsächlich der Titel des Albums) aber nicht nur seine profunde Kenntnis verschiedenster Musikstile, sondern auch seine Fähigkeiten als Produzent und Komponist. Die Stücke wirken bei aller Unberechenbarkeit gut durchdacht und geschmackvoll kompiliert, und vor allem halten sie ihr Publikum gekonnt in einer Spannung. Man weiß nicht, wohin die Reise geht, aber langweilig wird sie nie und macht gleichzeitig Sinn, wenn die Vielzahl von Einflüssen aus Musik, Film und Malerei zu einem extravaganten popkulturellen Gesamtkunstwerk einschmelzen.
Für KMRU, als Joseph Kamaru in Nairobi geborener und in Berlin lebender Klangkünstler, ist Klang ein sinnliches Medium, eine Manifestation von durch soziale, materielle und konzeptuelle Interpretationen geformten Hörerfahrungen. Die pulsierenden Drones und Feedbacks auf seinem neuen Album Kin, Nachfolger des Durchbruchalbums Peel aus dem Jahre 2020 sind Verwebungen endlos bearbeiteter Field Recordings und diverser Synthesizer, wieder und wieder manipuliert, zerstückelt und neu zusammengefügt, bis eine neue Musik daraus entstand. Die rauen, übersteuerten Klänge und die langsamen Crescendos, die eine Auflösung andeuten, aber selten in einem Höhepunkt enden und stattdessen in einen neuen offenen Zustand übergehen, lassen in ihren dunklen Andeutungen eine verborgene Welt hinter den Klangschichten erahnen. Diese Atmosphäre prägt ein Album, das KMRUs festen Platz in der internationalen Ambient-Szene bestätigt.
Auf ihren selbstbewusst betitelten Classics Vol.1 remixt das Berliner Duo Modeselektor sich selbst. Angeführt von der Single zum Album, This Track Kills Fascism, handelt sich bei den 8 Tracks auf der Sammlung um teilweise bis zur Unkenntlichkeit auseinandergenommene und neu zusammengesetzte Stücke von den beiden ersten Alben Hello Mom und Happy Birthday. Durch die Verwendung der alten Spuren haben sie ihren rauen und ungezüglten Sound der frühen Jahre in die Gegenwart retten können, und bieten daher weit mehr als nur „Klassiker“ — bis auf zwei relativ unverändert übernommene Stücke (Edgar und Kill Bill Vol. 4) sind es komplett neue Kompositionen geworden, eine Standleitung in die eigene glorreiche Vergangenheit und ein prima Ausgangspunkt für den europäischen Technosommer. Denn auch wenn der Gedanke an fröhliche Tanzfestivals nicht mehr ungetrübt möglich ist: Auf dem Vulkan tanzt es sich bekanntermaßen immer noch am Besten.