Vier Jahre nach ihrem Solo-Debüt I’m Good. The Crying Tape veröffentlicht die in Berlin lebende Musikerin Nalan ihr neues Album 2009 — neun Titel, die zwischen Istanbul und Berlin entstanden sind. Ausgehend von ihrem Digitalkamera-Archiv erfindet Nalan eine fiktive Version des Jahres 2009. Oszillierend zwischen Nostalgie und Finsternis, vom wehmütigen Everything Was Easy in 2009 bis zum düsteren Ok, entstehen vielschichtige Bilder, die die gegensätzlichsten Emotionen evozieren. Während sie auf prägende Orte wie den mittlerweile geschlossenen Münchner Club 59:1 Bezug nimmt und mit Musikern aus der Münchner Indie- und Punkszene der 2000er Jahre zusammenarbeitet, hat sie sich musikalisch deutlich weiterentwickelt und und erweitert den futuristischen Alt-Pop ihres Debüts um einen live-lastigen, aber dennoch elektronischen, experimentellen Sound, geprägt von scharfen Synthesizern, gezupften Gitarren, zurückhaltenden, aber kraftvollen Drums und einer tiefgehenden, atmosphärischen Produktion. Die teils autobiografischen, teils fiktionalen Texte beschäftigen sich mit Sehnsucht, Klassenkampf, Schwärmereien und kreativer Leere und stellen die Frage, wie es wohl wäre, wenn man die Uhr zurückdrehen und einfach nochmal im Jahr 2009 anfangen könnte, warum früher alles leichter war, und doch wieder nicht.
Eyries ist ein experimentelles Projekt der Münchener Künstler Jonas Dannecker und Johannes Ludwig. Ausgehend von der geteilten Faszination für Holzblasinstrumente, Synthesizer und diverse elektronische Klangerzeuger, entstanden über einen Zeitraum von immerhin fünf Jahren neun Songs, deren Ausgangspunkt immer eine Palette mal klassisch, mal waghalsig arrangierter Bläser ist, die zu einem elegant ausgetüfteltem Kammerpop verschmelzen. Zurückgenommene Gesangsmelodien und unauffällig knisternde und Elektronika veredeln die atmosphärischen Meisterwerke zu zeitlosen Träumereien irgendwo zwischen dem feinen Pop der Sechzigerjahre und dem kantigen elektronischen Experimentalsound der Zweitausenderjahre. Um diesen hohen Standard auch live halten zu können, erweitert sich das Duo live um drei Musikerinnen, welche gemeinsam mit Johannes Ludwig die überlappenden Bläserspuren auch auf der Bühne unmsetzen können.
Weiterentwicklungen prägen die neuen Songs von Die Sauna, einem Sextett aus Deutschlands Süden, deren dunkler New Wave-Sound den Raum wie ein transatlantisches Echo der New Yorker Retro-Düsterlinge Interpol durchweht und in einer beeindruckenden Perfektion von Deutschlands Starproduzenten Olaf Opal in Szene gesetzt wurde. Mehr als bei den Vorgängeralben spürt man auf dem dritten Album tut beni (Halte mich) einen Sinn für Pop, die schweren Schatten sind einer gewissen, manchmal ironisch anmutenden Leichtigkeit gewichen, eine bereichernde, identitätsstiftende neue Facette.
Deutsche Laichen aus Berlin sind sicherlich die derzeit markanteste Stimme des queer‑feministischen Punk im deutschsprachigen Raum. Mit ihrem zweiten Album liefern sie eine ebenso wütende wie selbstironische Bestandsaufnahme der Szene, in der sie sich selbst verorten – und gleichzeitig infrage stellen. Der direkte und aggressive Sound wurde von dem durch seine Arbeit mit Tocotronic, einer der wichtigsten deutschen Indiebands, aber auch mit Nick Cave und den Pixies bekannten Moses Schneider gestaltet. Musik und Politik sind für die Band untrennbar, ihre Songs sind so persönlich wie öffentlich und bewegen sich zwischen Selbstzweifeln Kampfansage, zwischen Szene‑Kritik, queeren Liebesliedern und politischen Kommentaren. Punk, und so kommt es auch zu dem bipolaren Titel Punk ist scheiße, Punk ist geil nutzen sie nicht als reines Stilmittel oder präsentieren es als Antwort auf ihre Fragen, sondern als kreatives Spannungsfeld, das ausgehalten werden muss. Daher sind die aktuellen Kommentare der Band und ihre Wut nicht nur fordernd und unbequem, sondern auch verletzlich und ambivalent.
Die britische Punkerin Vivien Goldman, Autorin (Revenge of the She-Punks, University of Texas Press, 2019), Journalistin, Musikerin und das Berliner Trio Cloud Management haben Anfang April 2026 mit Whoops Wrong Planet ein Mini‑Album veröffentlicht, das Dub, Post‑Punk und experimentelle Elektronik über Generationen hinweg miteinander verknüpft. Cloud Managements improvisationsfreudige, krautig‑dubbige Grooves treffen hier auf Goldmans markante Spoken‑Word‑ und Gesangsstimme, die tief in der Geschichte von Punk, Reggae und UK‑Dub verwurzelt ist. Die Aufnahme wirkt reduziert und hypnotisch, kreisende Rhythmen in bester Sound-System-Tradition machen sie vor allem mit den stets präsenten politischen Untertönen zu einer konzentrierten, zeitlosen Kollaboration, die Haltung, Geschichte und Gegenwart gleichermaßen hörbar macht.