Aktuelle Musik aus Deutschland   Popcast #6/2026

Cosey Mueller © Johannes Bünemann

 

Mit Musik von: 

Cosey Mueller | Bretford Records
Shkoon | MDL Beast Record
Molly Mogul | Hey boy music
le Millipede | Radical Hope Records
Kreidler | bureau-b
Autorin und Sprecherin (Deutsch): Angie Portmann

 
Too much, too much to react to
No way, no way out!
Cosey Mueller „Contraddict“
 
Cosey Mueller

Cosey Mueller | © Johannes Bünemann

Zimperlich ist die Berlinerin Cosey Mueller nicht. Doch die rohen, bis auf ein karges Gerüst reduzierten Strukturen aus Synthesizersequenzen, technoiden Beats, krachiger Gitarre und leicht verzerrten Vocals auf Embodiment of Denial haben dennoch etwas Organisches, Persönliches. So kühl und distanziert ihre maschinengetriebenen Momentaufnahmen des urbanen Nachtlebens allerdings auch zunächst erscheinen mögen, immer wieder öffnet sie sich und lässt eine tiefliegende Melancholie zu, die ihrem Sound etwas einzigartiges verleiht und ihr Publikum in ein verborgenes analoges Universum einlädt, in dem Einsamkeit, Identität und Selbstreflexion die vorherrschenden Themen darstellen und subversiv die kühle Oberfläche untergraben.
Shkoon

Shkoon | © Kord.Agency

Im Jahr 2015 wurde Deutschland zum Gastland von fast einer Million Menschen, beinahe die Hälfte von ihnen kam aus vom Bürgerkrieg geplagten Syrien. Einer von ihnen war Ameen Khayer, der in Hamburg in der Wohngemeinschaft von Thorben Diekmann landete, sich mit ihm anfreundete und das gemeinsame Musikprojekt Shkoon ins Leben rief. Arabische Harmonien und Gesang treffen in einer Verneigung vor der Kraft kultureller Diversität aufeinander, verschmelzen westlichen Underground mit orientalischem Downbeat. Und das Ergebnis ist mehr als die Summe seiner Teile. So harmonisch die Fusion der verschiedenen Tonsysteme, Interpretationen von Rhythmik und Sprache auch funktioniert, bleibt das wichtigste Element von Shkoon dennoch die alles überschattende Symbolik der transkulturellen, gleichberechtigten künstlerischen Kollaboration quer über den zerrissenen europäischen Kontinent, das Ankommen, das miteinander Auskommen und die Möglichkeit des friedlichen und kreativen Austausches.
Molly Mogul

Molly Mogul | © Jordi Santos

Getragen von weichen Klängen und einem leichten Beat, dringt Molly Moguls Stimme zu uns wie aus einem Traum. Aber das Album A Bouquet of Hopes and Dreams hat mehr zu bieten. Auf ihrer Single Run zum Beispiel schlägt sie eine andere Richtung ein: Hypnotischer Dark Electro mit minimalistischem Beat und rauen Vocals, die Unabhängigkeit, aber auch Verletzlichkeit vermitteln. Molly Mogul,  Multi-Performance Künstlerin, Sängerin und Songwriterin ist vielseitig und verwischt in ihrer Arbeit die Grenzen zwischen Musik, Theater und Tanz. In Deutschland geboren, lebt und arbeitet die 25-Jährige zwischen Bristol, München, Barcelona und Paris. Begegnungen, Reisen und interkulturelle Streifzüge finden sich in ihrer Musik wieder, und sie wagt sich sogar an Cover wie There’s a Light.. von The Smiths.
Le Millipede

Le Millipede | © Florian Freund

Der Begriff der Nachhaltigkeit tauchte zum ersten Mal im Buch Sylvicultura oeconomica (1713) des sächsischen Minenverwalters Hans Carl von Carlowitz auf, einem Pionier des ökologischen Denkens. Im Jahr 1973 veröffentlichte der deutsch-britische Ökonom Ernst Friedrich Schumacher sein Werk Small Is Beautiful: A Study of Economics As If People Mattered, in dem er eine dezentrale Wirtschaft, die das Ziel der Steigerung des menschlichen Wohlbefindens zum Inhalt hat fordert Warum ist das hier relevant? Weil Radical Hope, das neue Album des Münchner Künstlers Mathias Götz aka Le Millipede, ein Konzeptalbum über eine bessere, nachhaltige Zukunft ist, dessen technoide 'Naturschutzmusik' aus Elektronik, Jazz und allem dazwischen speist, analoges Blechblasinstrumentarium allem voran. In den Songtiteln sind Denker*innen und das Jahr eines ihrer Werke verewigt, sie handeln davon, wie sich positive Konzepte durch die Jahrhunderte vererbt und weiterentwickelt haben und dass die Hoffnung sprichwörtlich zuletzt sterben wird. Ob Carlowitz, Lovelock, Spinoza oder Joanna Macy, die kurzen musikalischen Statements sind Erinnerungen an Menschen und ihre Gedanken und Beiträge zu einer besseren Zukunft.
Kreidler

Kreidler | © Roberta Stein

Bereits das neunte Album für das Hamburger Label Bureau B liefern Kreidler ab und richten den Fokus auf atmosphärische Klangräume, allerdings ohne ihre typischen Grooves aufzugeben – auf Schemes wirkt alles jedoch luftiger und weniger drängend als noch zuvor. Zahlreiche Natur- und Außenaufnahmen prägen den Sound, der sich in ambienten Gefilden verortet, und eine feine Balance zwischen spontanen und spielerisch wirkenden Elementen und bis ins Detail durchdachten Arrangements hält. Schemes versteht sich weniger als festes Konzept denn als Ausgangspunkt: Strukturen bleiben skizzenhaft, lassen Zufall zu und wirken dabei leicht und subtil humorvoll. Aufgenommen an den verschiedensten Studios und Orten, nutzte das Trio Feldaufnahmen,  und ungewöhnliche Objekte wie einen riesigen Stahltank. Diese spontane Arbeitsweise spiegelt sich im offenen, beweglichen Klangbild wider – präzise, aber entspannt, neugierig und fein ausbalanciert.



 

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