Die musikalische Karriere von Knowsum aka Nelson Brandt begann früh: Bereits im zarten Alter von zehn Jahren faszinierte ihn die immersive Welt des Playstation™1-Spiels Music2000, die den jungen Nelson dazu inspirierte, samplebasierte Musik, insbesondere HipHop zu produzieren. Mit der Zeit erweiterte sich sein musikalisches Repertoire – und sein Equipment– und so wurde Knowsum zu einer einem sehr eigenständigen Projekt, einer liebevollen Mischung von träumerischem Psychedelic-Pop und zurückgelehntem Jazz, mit wunderschönen Gitarren, Handclaps, Vibraphon, sanften Melodien und dem nostalgischen Vibe klassischen Surf-Sounds. Und er behält zu jeder Zeit die volle Kontrolle: Die gesamte Produktion des Albums Cherry Stone Pillow ist in Eigenregie entstanden, die meisten Instrumente wurden von Nelson selbst eingespielt.
Ein interdisziplinäres und auch interkulturelles Unterfangen ist Curió Curió, das gemeinsame Projekt der brasilianisch-österreichischen Sängerin und Schauspielerin Luiza Monteiro und des deutschen Produzenten Dustin Braun. Basis ihres Sounds ist die in den 1960er-Jahren auf den traditionellen Bossa gefolgte Música Popular Brasileira, MBP. Dieses Amalgam aus Samba, Bossa, Jazz und Folklore bezeichnet bis heute die im wahrsten Sinne des Wortes populäre Musik in Brasilien, die stark mit der traditionellen Musik und dem kulturellen Selbstverständnis des brasilianischen Publikums verbunden ist. Das traditionelle Element ist auch auf dem selbstbetitelten Debüt des Duos präsent, mal vermischt mit klassischem Discosound, mal mit groovigem Pop; ein schönes Rezept verspielter Unvorhersehbarkeit. Die auf Portugiesisch vorgetragenen, gesungenen oder gesprochenen Texte behandeln Themen der Identität und der kulturellen Zugehörigkeit, im Vordergrund stehen aber Tanzbarkeit und Lebensfreude.
Rapper Apsilon aus Berlin-Moabit singt das Klagelied einer Generation, für die Einsamkeit trotz digitaler Dauerverbindung längst zur Realität geworden ist. Entfremdung, Isolation, Rassismus und Gleichgültigkeit sind Merkmale des modernen Berliner Großstadtlebens, dessen raue Romantik auf Glanz Null, dem eben erschienenen zweiten Album, nur noch eine verwaschene Erinnerung ist. Das sind die zentralen Themen der melancholischen, nachdenklichen und melodischen Tracks. Sie strotzen vor Energie, neigen bisweilen zu großer Dramatik und beruhen auf einem reichen Fundus musikalischer Erfahrung: Der heute 29-jährige hat schon im Alter von 14 Jahren angefangen zu schreiben, aber erst zehn Jahre später, 2021, seinen ersten Track veröffentlicht. Seitdem ist er aber umso aktiver, und entwickelt sich nach dem großen Erfolg des 2024 erschienen Debütalbums und einer ausverkauften Tour mit diesem etwas elektronischeren Album zurück, das außerdem mit illustren Kollaborator*innen wie Piano-Altmeister Chilly Gonzales und der unvergleichlichen Ikkimel beeindrucken kann.
Eine der profiliertesten Stimmen der deutschen Poplandschaft ist die Stuttgarter Sängerin, Komponistin und Multiinstrumentalistin Jasmin Stocker aka Mine. Ihr Hang zur kunstvollen und künstlerischen Übertreibung und zur permanenten Erneuerung prägt auch ihr jetzt erscheinendes sechstes Album, Killer. Weniger orchestral und opulent als noch beim Vorgängeralbum, wandte sich ihr Blick diesmal in Richtung der französischen Produzierendenszene. Knapp arrangiert und mit einer Vorliebe für analoge Synthesizersounds, hat sie ihre eleganten Popnummern geschmackvoll in Szene gesetzt. Die Leadsingle Ohne Dich, die von einer schmerzhafte Trennung und ihrer Überwindung handelt, kündigt ein weiteres Kapitel einer außergewöhnlichen Karriere an, die spät begann: Erst Mitte Zwanzig entschied sich die Musikerin, die damals als Musiklehrerin arbeitete, für eine Karriere als Popsängerin. Doch obwohl ihre teils voluminösen Arrangements, orchestralen Anwandlungen und tiefgründigen Texte nicht immer in ein von 5-sekündigen Social-Media-Clips beherrschtes Medienumfeld passen wollten, hat sie es geschafft und zählt heute zu den erfolgreichsten deutschen Popsängerinnen.
Gleich zu Beginn ihres neuen Albums Denkmalschutz wird klar: Die Kölnerin Vavunettha will ganz nach oben. Dabei ist sie aber nicht zu unterschätzen, denn bei allem von Produzent Christopher Gros so perfekt in Szene gesetztem Popsound, repräsentiert sie ein popkulturelles Umfeld, in dem multikulturelle Einflüsse kein Fremdkörper, sondern Teil eines neuen Ganzen sind. So mag es in den sauber eingesungenen, bisweilen dezent auto-getuneten oder gerappten Texten um persönliche Sehnsüchte, die nächste Party oder Träume von Luxus und Ruhm gehen, aber zwischen den Zeilen schwingt die Lebensrealität von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland mit. Dabei beherrscht die Musikerin mit tamilischen Wurzeln es außerordentlich gut, ihre doppelte Identität in Musik umzuwandeln. Ihre Reflexionen über Zugehörigkeit und Heimat prägen weniger ihre Texte als ihren Sound, sie geriert sich nicht als Beschwerdeführerin, sondern als Vertreterin einer Generation von Musikerinnen, die mit klugem Blick und kreativem Geist eine bessere Welt gestalten helfen.