"Chicas Tristes" von Fernanda Tovar  Gemeinsam Gemeinschaft schaffen

Rocío Guzmán und Darana Álvarez in "Sad Girlz" ("Chicas Tristes") von Fernanda Tovar. MEX, SPA, FRA 2026, Generation.
Rocío Guzmán und Darana Álvarez in "Sad Girlz" ("Chicas Tristes") von Fernanda Tovar. MEX, SPA, FRA 2026, Generation. © Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmena

Dieser Film schmerzt, aber er gibt auch Halt. Er erschüttert, er spendet Wärme — und er hinterlässt Spuren. Chicas Tristes zeigt uns, wie Nähe und Freundschaft Gemeinschaft schaffen können, jene Art von Gemeinschaft, die echte Bande schmiedet, die uns erlaubt, den anderen wirklich wahrzunehmen und die Welt durch seine oder ihre Augen zu sehen. Arizbeth Becerril erzählt uns die Details des mit dem Gläsernen Bären ausgezeichneten Films.

Kino ist mehr als Kunst, mehr als Sprache und Unterhaltung. Kino hat das Potenzial, sich in ein mächtiges Werkzeug zu verwandeln, eins das Realitäten widerspiegelt, Dialoge anstößt und Räume für Reflexionen eröffnet. Ein Beispiel dafür sind die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin: gezeigt werden 200 Filme aus aller Welt, gewagte Projekte aus verschiedenen Kategorien, die aufeinandertreffen und Kinosäle füllen, in denen zehn Tage langeine Art Gegenentwurf zur Realität gelebt wird. 

Einander fremde Personen mit verschiedenen Hintergründen, Denkweisen, Weltanschauungen und Nationalitäten teilen sich hier ein und denselben Raum, lachen, weinen und fühlen miteinander, tauschen Blicke, Eindrücke und Interpretationen aus. Zwei Stunden in einer utopischen Welt, die selbst Zeiten standzuhalten scheint, in denen persönliche Begegnungen, behutsame Gespräche und unverstellter Austausch immer mehr in den Hintergrund geraten. In diesem Miteinander werden neue Bande geknüpft und es entstehen unvermutete Gemeinschaften, geeint durch ein gemeinsames Erlebnis.

Auch hierin zeigt sich die Kraft des Kinos — und die Bedeutung von Veranstaltungen wie der Berlinale: Räume, in denen Stimmen Gehör geschenkt wird, die sich etwas trauen, die Fragen stellen, Fenster in andere Welten öffnen und eben das sichtbar machen, was sonst unsichtbar bleibt. Und obwohl diese Momente nicht frei sind von Polemiken und Spannungen (das war schon immer so), dienen sie uns doch als Erinnerung: Kino ist wichtig, Kino ist unliebsam und provokant. Und das ist womöglich eine seiner Grundfunktionen.

Mexiko auf der Berlinale


Im kollektiven Dialog, angestoßen von den Filmfestspielen Berlin, war Mexiko dieses Jahr ganz besonders aktiv und unterstrich die Vielfältigkeit der Stimmen aus diesem Land. Ob nun die Vielschichtigkeiten menschlicher Beziehungen sowie Themen wie Identität, Freundschaft, Gewalt und Migration thematisiert oder ganz persönliche Einblicke geboten werden, die vom Lokalen ausgehen und von dort aus mit dem Universellen in Kontakt treten: Die starke Präsenz mexikanischer Projekte beweist, dass unsere Geschichten widerhallen — auch jenseits unserer Grenzen. In einem Rahmen, in dem unterschiedliche Realitäten aufeinandertreffen, werden mexikanische Filme nicht einfach projiziert: sie nehmen Raum ein, tragen zum Ideenaustausch bei und schlagen Brücken.
 
Im diesjährigen Programm waren insgesamt neun mexikanische Produktionen und Koproduktionen aufgelistet, ein klares Zeichen dafür, wie fest Mexiko im kulturellen Gefüge des Festivals verankert ist.

  • Im traditionellen Wettbewerb wurde Moscas (Flies) gezeigt, der fünfte Film des Regisseurs Fernando Eimbcke und überdies der einzige dieser Sektion, der ursprünglich auf Spanisch gedreht wurde. Er erhielt großartige Kritiken, sowohl von den Zuschauer*innen als auch vom Fachpublikum, was ihm den Preis der ökumenischen Jury einbrachte.
     
  • In der Sektion Panorama schafften es der Spielfilm El jardín que soñamos (The Garden We Dreamed[JE1] ) von Joaquín del Paso und der Dokumentarfilm Jaripeo von Efraín Mojica und Rebecca Zweig ins Programm.
     
  • Als Teil des TEDDY 40-Programms, also des 40-jährigen Jubiläums des ersten offiziellen LGBTIQ-Filmpreises, wurde Mil nubes de paz cercan el cielo, amor, jamás acabará de ser amor (A Thousand Clouds of Peace Fence the Sky; Love, Your Being Love Will Never End) von Julián Hernández gezeigt, der schon 2003 den TEDDY AWARD erhielt.
  • Einer der Kurzfilme der Berlinale Shorts war Miriam von Karla Condado und in der Sektion Berlinale Specials feierte Un hijo propio (A Child of My Own) von Maite Alberdi seine Welturaufführung. Lo demás es ruido (Everything Else Is Noise) von Nicolás Pereda wurde für das Programm von Forum ausgewählt.
     
  • Zudem schafften es zwei Beiträge ins Programm des Wettbewerbs Generation 14plus, das sich besonders an ein junges Publikum richtet: der Kurzfilm Cuando llegue a casa (When I Get Home) von Edgar Adrián und der Spielfilm Chicas Tristes (Sad Girlz) von Fernanda Tovar.


Chicas Tristes: Unterstützung ist Macht


Im Folgenden möchte ich mich etwas näher mit dem Debütfilm von Fernanda Tovar beschäftigen. Nicht nur, weil er den renommierten Gläsernen Bären für den besten Film in der Sektion Generation 14plus und den Großen Preis der Internationalen Jury in derselben Kategorie gewonnen hat, sondern auch, weil dieser Film sich durch viele andere Dinge auszeichnet, über die es sich zu reden lohnt.

Chicas Tristes (Sad Girlz) ist ein kraftvolles Werk: ehrlich, tiefsinnig und herzbewegend. Die Konstruktion dieses intelligenten und emotionalen Films ist vielschichtig und komplex, was durch die großartige Leistung von Regie, Buch und Bildgestaltung nur weiter unterstrichen wird. Es ist nicht selbstverständlich, dass für alle drei Hauptachsen Frauen zuständig sind, einmal ganz abgesehen von den Hauptfiguren des Films. Die weibliche Präsenz im kreativen Raum wird spürbar angesichts der Sensibilität, mit der Körper, Stille und Zuneigung dargestellt werden. Dazu kommt die Art, in der die Geschichte Solidarität und gegenseitige Fürsorge stiftet. Die schauspielerische Leistung ist dabei in allen Fällen vortrefflich und untermauert die kollektive Stärke, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht.
Cinema is never solitary. Even the most intimate moment on screen is lifted by many hands.
Dankesrede von Michelle Yeoh nach Erhalt des Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk auf der Berlinale 2026.


Die Kameraführung von Rosa Hadit eröffnet eine außergewöhnlich mächtige poetische Dimension. Ihre Unterwasseraufnahmen schaffen ein Universum unter der Wasseroberfläche, eine beinahe symbolträchtige Welt, einen Schwebezustand, in dem die Geräusche bloß nachhallen, in dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint und in dem es möglich ist, innezuhalten und zu heilen. Diese Unterwasserwelt korrespondiert mit der Innenwelt der Figuren und gibt uns zu verstehen, dass es unter all dem Lärm, dem Schmerz und der Verwirrung immer noch Raum für Stille und Selbstbesinnung gibt.
Zusätzlich zu seinen formellen und künstlerischen Errungenschaften, die nicht wenige sind, äußert dieser Film eine Sozialkritik bezüglich der Realität, in der die Jugend von heute aufwächst. Der Fokus liegt auf weiblichen Figuren, Selbstbeobachtungen und einem verhaltenen, aber effektvollen Betrachtungswinkel: die Gewalt wird nicht explizit gezeigt, ihre Konsequenzen dafür aber umso deutlicher. Wir beobachten ihre Auswirkungen auf das Opfer und sein Umfeld, auf die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, um eine Heilung zu erwirken und weitermachen zu können sowie auf jenes, was unweigerlich zu Bruch gehen muss.

Eine der größten Stärken dieses Films ist die Darstellung des Zusammenhalts zwischen Freundinnen, die Veranschaulichung von Unterstützung, Fürsorge und Freundschaft als sicheren Rückzugsort. Sie ist das Netz, das uns auffängt, wenn alles ins Wanken gerät. In vielerlei Hinsicht handelt es sich also um ein Plädoyer für weibliche Solidarität als Raum des Widerstands und Wiederaufbaus. Gemeinschaft ist kein abstraktes Konzept, sondern konkrete Praxis: zuhören, Glauben schenken, unterstützen, da sein.

Gleichzeitig übt der Film strukturell Kritik am herrschenden System und beleuchtet die Grauzonen rund um das Thema Einwilligung. In manchen Fällen ist selbst dem Opfer nicht klar, was genau vorgefallen ist, und auch dem Täter ist das Ausmaß seiner Handlung nicht vollständig bewusst. Diese Ambivalenz, die hier mit großem Feingefühl behandelt wird, wirft unbequeme, aber notwendige Fragen auf und zwingt uns dazu, den Blick über das Offensichtliche hinaus zu richten und die kulturellen Dynamiken zu hinterfragen, die bestimmte Formen von Gewalt in der Gesellschaft normalisieren.
Die Reaktionen des Festivalpublikums nach der Aufführung im Zoo Palast waren entsprechend ergreifend. Eine Frau bekräftigte, wie gern sie mit sechzehn einen solchen Film gesehen hätte. Sie hätte so einiges besser verstehen und einordnen können. Ein Vater erzählte, er sei mit seiner Tochter gekommen und unendlich dankbar für die Gelegenheit, diesen Film gemeinsam anschauen zu dürfen. Auch bedankte er sich für das Miteinander, jenen Raum, den die Geschichte auf der Leinwand mit sich bringt.

Der generationsübergreifende Dialog dokumentiert erneut die Macht des Kinos: es funkt nicht nur dazwischen, es begleitet. Wenn Filme in Gemeinschaft erlebt werden, verwandeln sie sich in sicheres Terrain, auf dem wir uns im fremden Erleben wiederfinden und begreifen, dass unsere Sorgen und Suchen in Wahrheit Teil einer größeren, geteilten Erfahrung sind.

Dieser Film schmerzt, aber er gibt auch Halt. Er erschüttert, er spendet Wärme — und er hinterlässt Spuren. Chicas Tristes zeigt uns, wie Nähe und Freundschaft Gemeinschaft schaffen können, jene Art von Gemeinschaft, die echte Bande schmiedet, die uns erlaubt, den anderen wirklich wahrzunehmen und die Welt durch seine oder ihre Augen zu sehen. Kollektivität als gelebtes Prinzip — und auch Filme entstehen immer aus der Gemeinschaft heraus. Nach den Worten Michelle Yeohs liegt genau darin ihre Kraft: in der Tatsache, dass kein Bild für sich alleine existiert, dass selbst der intimste Moment auf der Leinwand von vielen Händen gehalten wird, und sobald er mit anderen geteilt wird, auch von vielen Blicken.

Ein Filmfestival wirft Fragen auf, es lädt uns ein, mit den Augen anderer zu sehen, unsere eigene Welt zu verlassen und in eine andere einzutreten, in der wir mit anderen Realitäten konfrontiert werden. Diese Verbundenheit schafft Empathie, bringt uns ins Grübeln und inmitten eines dunklen Kinosaals kommen wir schließlich zu dem Schluss, dass wir uns trotz allem immer noch zuhören können.