Heimatfilm  Vermessung eines Sehnsuchtsortes

Heimatfilm © plus3mm

„Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Zustand.“ Doch was für ein Zustand? Das Verhältnis zwischen deutschem Film und Heimat gestaltet sich kompliziert.

Heimat ist das, was mir weh tut

Was bedeutet Heimat? Identität und Erdung, Vertrautheit, Sehnsucht oder Enge und Stammtisch? Deutsche Filmschaffende haben auf diese Frage immer wieder unterschiedliche Antworten gefunden. Vom Schwarzwaldmädel (1950) bis zu Mascha Schilinskis Oscar-Hoffnung In die Sonne schauen (2025) spiegeln ihre Werke Sehnsüchte, Befindlichkeiten und Traumata. Herbert Achternbusch, Vertreter des Neuen Heimatfilms, sagt: „Heimat ist das, was mir weh tut“. Für die Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie (Kirschblüten – Hanami, 2014) ist es „etwas, das man mitnimmt, egal wohin man geht“, und der vielfach preisgekrönte Wim Wenders (Der Himmel über Berlin, 1987) glaubt: Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Zustand. Doch was für ein Zustand? Das Verhältnis zwischen deutschem Film und Heimat gestaltet sich kompliziert.

Das war nicht immer so: Schlichte, unterhaltsame Naturdramen über schneidige Jäger, rebellische Bauerntöchter und ruchlose Wilderer, die sich vor prächtiger (Alpen-)Kulisse einem Happy End entgegen zanken, füllen bereits während der späten Kaiserzeit um 1910 die Kinosäle, beispielsweise die Verfilmungen von Ludwig Ganghofers Heimatromanen. Mit E.A. Duponts Stummfilm-Liebesdrama Die Geierwally (1921) und dem Luis-Trenker-Remake Der Jäger von Fall (1936) erreicht der Vorläufer des Genres unter dem Begriff Bergfilm seine erste Blüte.

Was als romantisiertes Zelebrieren heimeliger Dörflichkeit beginnt, verkommt während der NS-Diktatur zu sogenannten Volks- oder Blut-und-Boden-Filmen. Schollen-Dramen wie Das Leben ruft (1944) verherrlichen völkische Ideologie und ethnische Verwurzelung, betonen deutsche Tradition, bäuerliches Landleben, Natur- und Heimatverbundenheit. Dass diese Filmgattung außerhalb des Dritten Reiches niemanden interessiert, ist kein Trost.

Fun Facts, Music Trivia & Awards

  • Schwarzwaldmädel (1950) war der erste deutsche Farbfilm nach dem Krieg. Schwarzwaldmädel, 2.: Der Titelsong wurde so populär, dass er in den 1950ern als inoffizielle Hymne des Schwarzwald-Tourismus galt.
  • Schwarzwaldmädel, 3.: Die Film-Songs wurden parallel auf Schallplatte veröffentlicht und verkauften sich hunderttausendfach – ein frühes Beispiel für Cross-Marketing zwischen Kino und Musikindustrie.
  • Grün ist die Heide (1951, Regie: Hans Deppe) - Der Titelsong Grün ist die Heide, komponiert von Walter Müller, entwickelte sich zum größten deutschen Schlagerhit der frühen 1950er-Jahre.
  • Die Fischerin vom Bodensee (1956) wurde in drei Sprachfassungen (Deutsch, Französisch, Englisch) produziert, um den internationalen Markt zu bedienen.
  • Heimat – Eine deutsche Chronik (1984, Edgar Reitz) erhielt u. a. den Goldenen Löwen der Filmkritik in Venedig. Obwohl als TV-Serie konzipiert, wurde sie auch in Kinos gezeigt und gilt als einer der wichtigsten deutschen Beiträge zur Filmgeschichte.
  • Heimat, 2. Edgar Reitz ließ eigens ein Orchester Stücke im Stil der 1930er einspielen, um die Illusion einer verlorenen Klangwelt zu schaffen.
  • Landrauschen gewann 2018 den Max Ophüls Preis.
  • Soul Kitchen erhielt 2009 den Spezialpreis der Jury in Venedig.
  • Almanya – Willkommen in Deutschland (2011, Yasemin Şamdereli) gewann den Deutschen Filmpreis für das beste Drehbuch und gilt als Migrations-Heimatfilm , der das Genre um die Perspektive der Gastarbeiterfamilien erweitert.
  • Heimat ist ein Raum aus Zeit gewann den Caligari-Filmpreis bei der Berlinale und den Preis der deutschen Filmkritik.
  • Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (2013) - Regisseur Edgar Reitz) ließ für die Dreharbeiten ein komplettes Hunsrück-Dorf detailgetreu ins 19. Jahrhundert zurückversetzen.
  • Mittagsstunde wurde in zwei Sprachfassungen (hochdeutsch - friesisch/plattdeutsch) produziert. Auch die Musik wurde in beiden Versionen leicht angepasst, um den regionalen Charakter zu betonen (friesischen Fassung = regionale Volkslieder).
  • In die Sonne schauen ist der deutscher Oscar-Beitrag 2025.

Zwischen Trümmern und Kino-Idyll

Das ändert sich nach 1945, als sich Filmschaffende mit den Nachwehen der Nazi-Diktatur auseinandersetzen. Dramen wie Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns (1946), der erste deutsche Spielfilm nach dem Zweiten Weltkrieg, blickt auf Schuld und Vergangenheitsbewältigung. Eine Hauptrolle spielt Hildegard Knef (Die Sünderin, 1951), die ab den 1950ern auch in den USA Karriere macht. Die sogenannten Trümmerfilme zeigen unverblümt die Auswirkungen des Krieges: zerstörte Städte, moralische Verrohung, Heimkehrer ohne Heim. Regisseur Wolfgang Staudte (Rosen für den Staatsanwalt, 1959) legt sich im Lauf seiner Karriere immer wieder mit politischen Autoritäten und Zensurbehörden in der Bundesrepublik und der DDR an. „Ich wollte zeigen, dass die Schuld nicht mit dem Ende des Krieges vorbei ist“, sagt er über seine Motivation.

Diese Haltung macht Staudte zum Gegenspieler des Heimatfilms, welcher in den 1950er Jahren zu einem Massenphänomen wird. Während draußen Ruinen stehen, feiert drinnen im Kino Grün ist die Heide (1951) heile Welt in malerischem Gevacolor. „Ich habe immer Filme gemacht, die das Publikum sehen wollte“, sagt Ilse Kubaschewski, eine der erfolgreichsten Produzentinnen und Verleiherinnen der westdeutschen Filmindustrie, verantwortlich für Hits wie Der Förster vom Silberwald (1954). Was ihr Publikum will? Eskapismus, unzerbombte Landschaften, eine Pause von der eigenen Geschichte. Konflikte der Nachkriegszeit werden versteckt, überhöht oder weichgezeichnet. Aufarbeitung? Fehlanzeige. Heimat ist ein Wunschraum. Wenig verwunderlich, dass dieses Kitschkino made in Germany außerhalb des deutschsprachigen Raums auf wenig Interesse stößt. Eine Ausnahme: Die Trapp-Familie (1956), ebenfalls von Kubaschewski produziert. Die universelle Generationsgeschichte inspiriert den US-Klassiker The Sound of Music (1965).

Heimat ist Erinnerung, und Erinnerung ist niemals harmlos

Mit zunehmender Politisierung der Gesellschaft bekommt das Kino-Idyll Risse. In den 1970er Jahren platzt die Wohlfühlblase endgültig. Filmschaffende wollen jetzt in die Abgründe sehen. Der Neue Heimatfilm mit Regisseuren wie Herbert Achternbusch (Das Andechser Gefühl, 1974), Werner Herzog (Herz aus Glas, 1976) oder Volker Schlöndorff (Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach, 1971) entlarvt Verlogenheit und Dorfmief, zeigt Gewalt, Einsamkeit, Verzweiflung. Regisseurinnen wie Ula Stöckl (Neun Leben hat die Katze, 1968) und Helma Sanders-Brahms (Shirins Hochzeit, 1976) öffnen den Blick für intime, oft widersprüchliche Erfahrungen. Autorenfilmer Edgar Reitz setzt in den 1980er Jahren mit seinem Heimat-Zyklus (1984 bis 2004) diese Entromantisierung fort und wird dafür auch international gefeiert. „Heimat ist Erinnerung, und Erinnerung ist niemals harmlos“, sagt er.

Ein ebenso ambivalentes Heimat-Bild zeichnen heute Filmschaffende, die den Begriff aus queerer, migrantischer oder feministisch geprägten Perspektiven auseinandernehmen – und neu zusammensetzen. So wie der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akın (Gegen die Wand, 2004) aus Hamburg-Altona, der in seinen rauen urbanen Dramen das Konfliktfeld zwischen Kulturen, Migration, Ver- sowie Entwurzelung zeigt und sagt: „Eigentlich habe ich immer Heimatfilme gedreht“. Mascha Schilinski beschreibt ihren Oscarkandidaten In die Sonne schauen (2025) als: „Mich hat interessiert, wie Heimat nicht nur Geborgenheit bedeutet, sondern auch Enge und Konflikt.

Und bisweilen bedeutet sie Heimkehren, beispielsweise in der Schlussszene von Fatih Akıns aktuellem Werk Amrum (2025). Da steht der kürzlich verstorbene Filmemacher Hark Bohm, auf dessen Kindheit das Drama basiert, am Strand von Süddorf und lächelt ein stilles, friedliches Zuhause-Lächeln. So einfach ist das manchmal und doch so kompliziert.

Historische Entwicklung


Frühe Heimat-Erzählungen:
Bereits in der Stummfilmzeit waren ländliche Idylle, Berge und Tradition Filmstoff. Die Geierwally (1921, E.A. Dupont) und Luis Trenkers Der Jäger von Fall (1936) begründeten die Bildsprache des sogenannten Bergfilms.

NS-Zeit (1933-45):
Heimatfilme dienten der Blut-und-Boden-Ideologie. Die goldene Stadt (1942, Veit Harlan) und Wunschkonzert (1940, Eduard von Borsody) nutzten Landschaft und Musik als Propagandainstrument – heute kritisch zu kontextualisieren.

Nachkriegszeit (BRD/DDR):
  • BRD: Heimatfilme wie Schwarzwaldmädel (1950, Hans Deppe) und Grün ist die Heide (1951) waren Kassenschlager des Wiederaufbaus – Eskapismus und Idylle nach Krieg und Zerstörung.
  • DDR: Die DEFA nutzte Heimat und Musik für sozialistische Erzählungen, etwa Meine Frau macht Musik (1958). Auch Märchenfilme wie Das singende, klingende Bäumchen (1957) bedienten das Bedürfnis nach Heimatbildern.
1970er-1990er – Dekonstruktion:
  • Edgar Reitz’ monumentales TV-Epos Heimat (ab 1984) brach mit Kitsch und zeigte deutsche Geschichte als Familiensaga.
  • Joseph Vilsmaier verknüpfte Heimat mit Tragik (Herbstmilch, 1989; Schlafes Bruder, 1995).
  • Hark Bohms Jugenddrama Nordsee ist Mordsee (1976) sorgte für Schlagzeilen und FSK-Diskussionen, weil er die Wirklichkeit zeige (Süddeutsche Zeitung) .
  • Der Neue Heimatfilm u.a. Herbert Achternbusch (Das Andechser Gefühl, 1974), Werner Herzog (Herz aus Glas, 1976) und Volker Schlöndorff (Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach, 1971) zeigt Heimat als bedrohlich.
  • Regisseurinnen wie Ula Stöckl (Neun Leben hat die Katze, 1968) und Helma Sanders-Brahms (Shirins Hochzeit, 1976) zeigen eine widersprüchliche Heimat.
2000er bis heute – Neo-Heimatfilm:
Heimat wird divers, urban und kritisch verhandelt:
  • Hierankl (2003, Hans Steinbichler) – Neubefragung des Heimatbegriffs.
  • Wer früher stirbt ist länger tot (2006, Marcus H. Rosenmüller) – Dialektkomödie mit Heimatbezug.
  • Soul Kitchen (2009, Fatih Akın) – urbane Heimat im migrantischen Hamburg.
  • Almanya – Willkommen in Deutschland (2011, Yasemin Şamdereli) – Zugehörigkeit und transkulturelle Heimat.
  • Die andere Heimat (2013, Edgar Reitz) – Blick ins 19. Jahrhundert und Migration nach Südamerika.
  • Sommerhäuser (2017, Sonja Kröner) – Generationenporträt im Sommeridyll.
  • Landrauschen (2018, Lisa Miller) – queerer Heimatfilm, ausgezeichnet in Saarbrücken.
  • Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019, Thomas Heise) – essayistische Dokumentation, Heimat als Familien- und Geschichtsnarrativ.
  • Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (2019, Caroline Link) - Literaturverfilmung, Heimatverlust im Exil; zeigt Heimat als etwas, das man verlieren und neu suchen kann. Mittagsstunde (2022, Lars Jessen) - nach dem gleichnamigen Roman von Dörte Hansen, Neo-Heimatfilm, erfolgreiches Beispiel für die Renaissance des Genres.
  • Amrum (2025, Fatih Akın) - Neo-Heimatfilm, verbindet die Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit und die Frage nach Zugehörigkeit und Heimat.
  • In die Sonne schauen (2025, Mascha Schilinski) – Deutscher Oscar-Beitrag 2025; verbindet die Schicksale von vier Frauen unterschiedlicher Generationen.

Internationale Parallelen

  • Österreich: Alpen- und Bergfilme (Sissi-Trilogie) popularisierten Heimatkino global.
  • Frankreich: Das Cinéma du terroir (Jean de Florette) spiegelt ähnliche Themen.
  • USA: Western und Small Town Movies erzählen von Ursprünglichkeit und Gemeinschaft.
  • Kanada: Regionalfilme inszenieren Heimat/Natur in vergleichbarer Weise.
  • Mexiko: Rural Melodramas der 1940er/50er sind als mexikanische Heimatfilme lesbar.

Gender, Queerness & Diversität

  • Traditionell: Frauen als Hüterinnen der Heimat, oft stereotyp.
  • Heute: Landrauschen (Lisa Miller) stellt lesbische Identität in den Mittelpunkt.
  • Schwarze Milch (Uisenma Borchu) hinterfragt Heimat durch weibliche, migrantische Perspektive.
  • Almanya zeigt transkulturelle Zugehörigkeit.
  • Regisseurinnen wie Sonja Kröner, Lisa Miller, Uisenma Borchu öffnen das Genre für feministische und queere Sichtweisen.

Bedeutende Filme (Auswahl)

  • Die Geierwally (1921, E.A. Dupont)
  • Der Jäger von Fall (1936, Luis Trenker)
  • Die goldene Stadt (1942, Veit Harlan – kritisch)
  • Schwarzwaldmädel (1950, Hans Deppe)
  • Grün ist die Heide (1951, Hans Deppe)
  • Heimat – Eine deutsche Chronik (1984–2004, Edgar Reitz)
  • Herbstmilch (1989, Joseph Vilsmaier)
  • Hierankl (2003, Hans Steinbichler)
  • Wer früher stirbt ist länger tot (2006, Marcus H. Rosenmüller)
  • Soul Kitchen (2009, Fatih Akın)
  • Almanya – Willkommen in Deutschland (2011, Yasemin Şamdereli)
  • Die andere Heimat (2013, Edgar Reitz)
  • Sommerhäuser (2017, Sonja Kröner)
  • Landrauschen (2018, Lisa Miller)
  • Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019, Thomas Heise)
  • Mittagsstunde (2022, Lars Jessen)
  • In einem Land, das es nicht mehr gibt (2024, Sylke Enders)
  • Sterben (2024, Matthias Glasner)
  • Amrum (2025, Fatih Akın)
  • In die Sonne schauen (2025, Mascha Schilinski)

Die drei ultimativen Kinohits des Heimatfilms

  • Schwarzwaldmädel (1950, Regie: Hans Deppe) Einspielergebnis:  etwa 60 Millionen DM, entspricht heute mehr als 120 Millionen Euro.
  • Grün ist die Heide (1951, Regie: Hans Deppe) Einspielergebnis:  etwa 55 Millionen DM, entspricht heute über 110 Millionen Euro.
  • Der Förster vom Silberwald (1954, Regie: Alfons Stummer) Einspielergebnis: etwa 35 Millionen DM, entspricht heute über 70 Millionen Euro.

Streaming (Nordamerika, Stand 2025)

  • Die Geierwally (1921) – Archive.org, Goethe-on-Demand.
  • Schwarzwaldmädel (1950) – Goethe-on-Demand.
  • Grün ist die Heide (1951) – Goethe-on-Demand.
  • Heimat – Eine deutsche Chronik – Criterion Channel, Kanopy.
  • Herbstmilch (1989) – Amazon/Apple VOD.
  • Hierankl (2003) – Amazon VOD.
  • Wer früher stirbt ist länger tot (2006) – Amazon Prime.
  • Soul Kitchen (2009) – Criterion Channel, Amazon/Apple VOD.
  • Almanya (2011) – Amazon Prime.
  • Die andere Heimat (2013) – Criterion Channel, Amazon VOD.
  • Landrauschen (2018) – Amazon/Apple VOD, Goethe-on-Demand.
  • Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019) – MUBI, Kanopy.
  • Schwarze Milch (2020) – Festival-On-Demand, arthouse-Streams (Goethe-on-Demand perspektivisch).

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