Von „Anders als die Anderen“ bis „Futur Drei“ – queere Perspektiven waren immer Teil der deutschen Filmgeschichte. Die neue Generation queerer Filmschaffender wie Faraz Shariat oder Fabian Stumm führt Fort, was Ikonen wie Rosa von Praunheim oder Ulrike Ottinger vor ihnen aufgebaut haben.
Radikal und modern
Queeres Kino in Deutschland ist eng mit gesellschaftlichen Kämpfen um Sichtbarkeit verbunden. Ähnlich wie in den USA vor dem Hays Code (1920-1934), gab es während der Weimarer Republik auch in Deutschland für kurze Zeit (1918-20) keine Filmzensur.Regisseur Richard Oswald drehte in dieser Zeit und darüber hinaus sogenannte Sitten - und Aufklärungsfilme und begründete mit dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld ein Genre, mit dem er neben Themen wie ungewollter Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten auch queere Lebensrealitäten verhandelte. Anders als die Anderen (1919) gilt als erster Film, der den Paragraphen 175 – bis 1994 Grundlage der Kriminalisierung von Homosexualität – explizit kritisierte. Jahrzehnte später inspiriert eine Texttafel aus diesem Film Rosa von Praunheims Werk Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt (1971).
Fun Facts & Awards
- Mädchen in Uniform (1931) wurde in den USA zuerst als Exploitation Film vermarktet, entwickelte sich dort aber schnell zu einem Sleeper Hit in lesbischen und feministischen Zirkeln – lange bevor Begriffe wie “queer cinema” existierten.
- Die Berlinale war die erste große queere Filmplattform der Welt. Mit der Einführung des Teddy Awards 1987 wurde die Berlinale zum ersten A-Festival weltweit, das einen offiziellen Preis für queere Filme etablierte. Dadurch hatten queere deutsche Produktionen plötzlich eine globale Startrampe – lange bevor „LGBTQ+ Cinema“ ein Marktbegriff wurde.
- Ulrike Ottinger lieferte einen der teuersten „Low-Budget-Looks“ überhaupt. Obwohl Bildnis einer Trinkerin (1979) ein Mini-Budget hatte, wirkt der Film wie ein visuelles Luxus-Objekt. Ottinger bezog Kostüme von Berliner Underground-Künstlerinnen, lieh Requisiten aus Off-Theatern, drehte guerilla-style – Ergebnis: ein ikonisches Camp-Meisterwerk, das heute in Museen wie dem MoMA gezeigt wird.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden queere Filme verboten, viele Filmschaffende emigrierten. In den USA dauerte es bis in die 1960er-Jahre, bis queere Figuren wieder sichtbar wurden – meist kodiert, etwa im Film noir.
Kino zwischen Underground und Mainstream
Erst ab den 1970er-Jahren entstanden in der BRD neue Gegenöffentlichkeiten. Filme wurden zu Werkzeugen politischer Selbstermächtigung und ästhetischer Erneuerung. Wie das Online-Dossier Queeres Kino aus Deutschland von Wieland Speck zeigt, bewegte sich dieses Kino zwischen Underground und Mainstream und wirkte weit über den Kinosaal hinaus.Rosa von Praunheims Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971) markierte diesen Neubeginn: weniger Genrefilm als agitatorisches Manifest, aber Auslöser der modernen Schwulenbewegung. Rainer Werner Fassbinder integrierte queere Figuren radikal ins Melodram (Faustrecht der Freiheit, 1975) und ins artifizielle Genrekino (Querelle, 1982) und war damit im Ausland erfolgreicher als in Deutschland. Frank Ripplohs Taxi zum Klo (1980) war ein Skandal- und Kultfilm zugleich. In den USA, erschien im selben Jahr William Friedkins Thriller Cruising.
Parallel entwickelten Ulrike Ottinger und Werner Schroeter camp-inspirierte, opernhafte Gegenentwürfe zum Realismus. Zu den Schlüsselwerken dieser Zeit gehört Ottingers Bildnis einer Trinkerin (1979), erster Teil ihrer Berlin-Trilogie, zu der auch Freak Orlando (1981) und Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse (1984) zählen. In diesem radikalen Gegenkino durchstreift eine namenlose Frau gespielt von Underground-Ikone Magdalena Montezuma, das nächtliche West-Berlin, trinkt, performt und existiert jenseits sozialer Erwartungen. Ottinger verbindet Camp, Punk und bildende Kunst zu einer queer-feministischen Anti-Erzählung, die international gefeiert wurde.
Film als Instrument der Selbstermächtigung
Im Osten öffnete sich der Diskurs - zumindest auf der Leinwand - 1989: Coming Out (Heiner Carow) wurde am Tag des Mauerfalls uraufgeführt und ist bis heute der erste und letzte DEFA-Spielfilm über Homosexualität. Leise und humanistisch erzählt, folgt er einem Lehrer in Ost-Berlin auf dem Weg zu sich selbst. Nordamerika war zu diesem Zeitpunkt durch AIDS-Krise und Aktivismus bereits tiefgreifend politisiert; Filme dienten dort als Instrument der Selbstermächtigung unter der konservativen Regierung von Ronald Reagan.Monika Treut, eine weitere Filmemacherin der Neuen Queeren Avantgarde, setzte mit Verführung: Die grausame Frau (1985) oder Die Jungfrauenmaschine (1988) neue Maßstäbe für das queer-feministische Kino und später mit Gendernauts (1999) für Transidentität im Film. Filmschaffende, die weibliches und queeres Begehren thematisierten, hatten es auch damals nicht leicht: „Filme wie der von Monika Treut vernichten das Kino“, schrieb Helmut Schödel nach der Hofer Premiere von Jungfrauenmaschine in der Zeit.
Mitte der 1990er-Jahre sorgte ausgerechnet eine Mainstream-Komödie für einen Durchbruch: Der bewegte Mann (1994) von Sönke Wortmann wurde mit 6,5 Millionen Kinobesuchen zum Kassenschlager und markierte einen Wendepunkt für queere Sichtbarkeit im deutschen Unterhaltungskino. Mit Aimée & Jaguar (1999) folgte ein internationaler Prestige-Erfolg über eine lesbische Liebesgeschichte im nationalsozialistischen Berlin. Im selben Jahr machte Kutluğ Atamans Lola und Bilidikid (Lola and Billy The Kid) erstmals postmigrantische, queere Lebensrealitäten sichtbar; Yavuz Yüksels Kleine Freiheit (2003) knüpfte daran an.
Die 2010er-Jahre bringen eine neue Ära queeren Filmschaffens - vor allem aus Berlin - auf die Leinwand: Anne Zohra Berrached, Axel Ranisch, Uisenma Borchu oder Fabian Stumm erzählen von Identität, Familie, Körper und Verletzlichkeit aus queerer Perspektive. Kurzfilmer wie Jan Soldat untersuchen periphere und unbequeme Formen queeren Begehrens und prägen besonders den Festivalraum.
Vielfältiger denn je
2020 bringt Faraz Shariat mit seinem Debüt Futur Drei/No Hard Feelings einen nuancierten Perspektivwechsel ins queere Filmgeschehen. Shariat erzählt von drei jungen Menschen zwischen Iranischer Herkunft, deutscher Mehrheitsgesellschaft und queerer Selbstfindung. Locker, politisch, kompromisslos – und bewusst gegen Integrationsklischees. Der Film brachte queere BIPoC-Erfahrungen endgültig ins Zentrum des deutschen Kinos.Heute ist queeres deutsches Genrekino vielfältiger denn je – transkulturell, körperlich, intim und stilistisch offen. Es bleibt ein Labor für neue Erzählformen und ein Seismograf gesellschaftlicher Veränderungen - von Indiefilm bis Mainstream.
Kassenschlager
- Mädchen in Uniform (1931, Leontine Sagan) internationaler Kassenerfolg in den 1930er Jahren.
- Querelle (1982, Reiner Werner Fassbinder) Kinohit in Frankreich und später auch Kulthit in Deutschland und weltweit.
- Der bewegte Mann - Mainstream Komödie (1994, Sönke Wortmann) 6.4 Mio Kinobesuche in Deutschland.
- Aimée & Jaguar (1999, Max Färberböck) 400.000 Kinobesuche in Deutschland.
- Ich fühl mich Disco (2013, Axel Ranisch) 130.000 Kinobesuche in Deutschland.
- Futur Drei / No Hard Feelings (2020, Faraz Shariat) pandemiebedingt begrenzte Kinoauswertung, aber Festivalhit.
Streaming (Nordamerika, Stand 2025)
- Mädchen in Uniform – Criterion Channel, Kanopy
- Nicht der Homosexuelle ist pervers… – DVD/VOD, Goethe-on-Demand
- Bildnis einer Trinkerin - DAFilms, Metrograph
- Coming Out – DEFA Film Library, Kanopy
- Faustrecht der Freiheit, Querelle – Criterion Channel, VOD
- Taxi zum Klo – Kanopy, VOD/DVD
- Lola und Bilidikid – Festival-VOD, Kanopy
- Gendernauts – DAFilms, DVD/VOD
- Zwei Mütter - VOD
- Schau mich nicht so an - VOD
- Futur Drei – Kanopy, US/CA Festivals, VOD
- Namen und Knochen, Sad Jokes – VOD
März 2026