Fußball im Spiegel kritischer Theorie: pure Leidenschaft oder ideologisches „Opium“? Wie Massenkultur Emotionen bündelt – und politische Aufmerksamkeit verdrängt.
„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur,
das Gemüt einer herzlosen Welt,
wie sie der Geist geistloser Zustände ist.
Sie ist das Opium des Volkes.“
In der spätkapitalistischen Gesellschaft rückt zunehmend der Sport, insbesondere der Fußball, aufgrund seiner Qualität, gerade die arbeitenden Klassen in ihren Bann zu ziehen, ins Zentrum der Kritik. Denn während auch die Funktion der Religion in der sogenannten sekulären Gesellschaft durchaus kritisch diskutiert wird, ist das beim Sport anders. Er bewegt die Gemüter – und vereint oder spaltet die Massen.
Angesichts der emotionalen Intensität des Sports, seiner medialen Allgegenwärtigkeit und ökonomischen Durchdringung ist es für den englischen Theoretiker Terry Eagleton keine Frage: „Heute ist der Sport – und nicht die Religion – das Opium des Volkes“ (in: The Meaning of Life (2008, S. 47). Das Argument ist leicht nachzuvollziehen: Man gibt den Massen etwas, für das sie sich begeistern können, und das hält sie davon ab, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, sich zum Beispiel für den politischen Wandel zu engagieren.
Fußball als Träger kollektiver Identität
Marx’ Analyse aus der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844) ist tatsächlich noch etwas differenzierter. Denn das „Opium” der Religion wirkt zugleich als Schmerz- und Betäubungsmittel; mehr als bloße Täuschung ist es eine aktive Reaktion auf reale gesellschaftliche Leiden. Die Übertragung auf den Massensport ist einfach: Solange soziale Anerkennung, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit primär im Stadion oder vor dem Bildschirm erfahren werden, bleibt die Forderung nach „realer” gesellschaftlicher Veränderung abgeschwächt. Fußball fungiert als Ersatzsphäre für Erfahrungen, die im Arbeits- und Lebensalltag systematisch verwehrt bleiben.Doch der riesige Fußballmarkt entsteht nicht originär, er wird gemacht, vermarktet, designed. Während Marx den ideologischen Charakter des Fußballphänomens in der Ersatzbefriedigung verortet, analysiert der deutsche Philosoph und Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Theodor W. Adorno daher im Jahre 1944 im Exil in den USA den Sport als Teil der kapitalistischen Kulturindustrie. In seiner gemeinsam mit Max Horkheimer verfassten Dialektik der Aufklärung (Querido Verlag, Amsterdam 1947 / Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1969) beschreibt er Massenkultur als ein System standardisierter Vergnügungen, die Konformität fördern und Kritik neutralisieren. In meist fragmentarischen und zugespitzten Anmerkungen charakterisiert er den kommerziellen Sport als Verbindung von Körperdisziplin, Leistungszwang und gesellschaftlicher Anpassung. In seinem Aufsatz Minima Moralia (1951) heißt es sinngemäß, dass der Leistungssport den Menschen auf „funktionalen Körpergebrauch“ reduziere (der „Körper wird als ein Apparat behandelt, den man mit gutem Gewissen verschleißen darf”: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp, Frankfurt 1951/2003). Sport, diese „pseudo-aktive Betätigung“ (Freizeit, 1969), erzeugt, so Adorno, das Gefühl von Aktivität, Beteiligung und Leidenschaft, ohne reale Handlungsmacht zu eröffnen. Besonders im Fußball wird dieses Moment deutlich: Millionen Zuschauer „leiden“, „kämpfen“ und „siegen“ emotional mit, bleiben jedoch objektiv passiv.
Max Horkheimer (links) und Theodor W. Adorno (rechts) im April 1964 in Heidelberg beim Max-Weber-Soziologentag.
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© Jeremy J. Shapiro, CC BY-SA 3.0
Im modernen Profifußball gewinnt Adornos Kulturindustriekritik zusätzlich an Plausibilität. Der Sport ist vollständig in Marktlogiken integriert: Spieler*innen werden zu Marken, Fans zu Zielgruppen, Emotionen zu verwertbaren Ressourcen. Der Schein von Spontaneität und Leidenschaft verdeckt strenge ökonomische Rationalität.
Hier erfüllt der Fußball exakt jene Funktion, die Adorno der Kulturindustrie zuschreibt: Er reproduziert bestehende Verhältnisse, indem er sie als natürlich, alternativlos und emotional befriedigend erscheinen lässt. Das „Opium“ wirkt nicht repressiv, sondern lustvoll.