Kritische Theorie  „Opium für die Massen“

Ein Fußballstadion mit einer überdimensional großen Hand, die zwischen Zeigefinger und Daumen einen Ball hineingibt © Goethe-Institut, Ricardo Roa

Fußball im Spiegel kritischer Theorie: pure Leidenschaft oder ideologisches „Opium“? Wie Massenkultur Emotionen bündelt – und politische Aufmerksamkeit verdrängt.

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur,
das Gemüt einer herzlosen Welt,
wie sie der Geist geistloser Zustände ist.
Sie ist das Opium des Volkes.“
Karl Marx, „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, geschrieben 1843, veröffentlicht 1844 in den Deutsch‑Französischen Jahrbüchern.
Der Satz vom „Opium für die Massen“ gehört zu den wirkmächtigsten Metaphern der modernen Gesellschaftskritik. Ursprünglich von Karl Marx im Zusammenhang mit der Religionskritik geprägt, wurde er im 20. Jahrhundert – insbesondere durch Vertreter der Frankfurter Schule wie Theodor W. Adorno – auf andere Phänomene der Massenkultur ausgeweitet.

In der spätkapitalistischen Gesellschaft rückt zunehmend der Sport, insbesondere der Fußball, aufgrund seiner Qualität, gerade die arbeitenden Klassen in ihren Bann zu ziehen, ins Zentrum der Kritik. Denn während auch die Funktion der Religion in der sogenannten sekulären Gesellschaft durchaus kritisch diskutiert wird, ist das beim Sport anders. Er bewegt die Gemüter – und vereint oder spaltet die Massen. 

Angesichts der emotionalen Intensität des Sports, seiner medialen Allgegenwärtigkeit und ökonomischen Durchdringung ist es für den englischen Theoretiker Terry Eagleton keine Frage: „Heute ist der Sport – und nicht die Religion – das Opium des Volkes“ (in: The Meaning of Life (2008, S. 47). Das Argument ist leicht nachzuvollziehen: Man gibt den Massen etwas, für das sie sich begeistern können, und das hält sie davon ab, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, sich zum Beispiel für den politischen Wandel zu engagieren.

Fußball als Träger kollektiver Identität

Marx’ Analyse aus der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844) ist tatsächlich noch etwas differenzierter. Denn das „Opium” der Religion wirkt zugleich als Schmerz- und Betäubungsmittel; mehr als bloße Täuschung ist es eine aktive Reaktion auf reale gesellschaftliche Leiden. Die Übertragung auf den Massensport ist einfach: Solange soziale Anerkennung, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit primär im Stadion oder vor dem Bildschirm erfahren werden, bleibt die Forderung nach „realer” gesellschaftlicher Veränderung abgeschwächt. Fußball fungiert als Ersatzsphäre für Erfahrungen, die im Arbeits- und Lebensalltag systematisch verwehrt bleiben.

Doch der riesige Fußballmarkt entsteht nicht originär, er wird gemacht, vermarktet, designed. Während Marx den ideologischen Charakter des Fußballphänomens in der Ersatzbefriedigung verortet, analysiert der deutsche Philosoph und Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Theodor W. Adorno daher im Jahre 1944 im Exil in den USA den Sport als Teil der kapitalistischen Kulturindustrie. In seiner gemeinsam mit Max Horkheimer verfassten Dialektik der Aufklärung (Querido Verlag, Amsterdam 1947 / Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1969) beschreibt er Massenkultur als ein System standardisierter Vergnügungen, die Konformität fördern und Kritik neutralisieren. In meist fragmentarischen und zugespitzten Anmerkungen charakterisiert er den kommerziellen Sport als Verbindung von Körperdisziplin, Leistungszwang und gesellschaftlicher Anpassung. In seinem Aufsatz Minima Moralia (1951) heißt es sinngemäß, dass der Leistungssport den Menschen auf „funktionalen Körpergebrauch“ reduziere (der „Körper wird als ein Apparat behandelt, den man mit gutem Gewissen verschleißen darf”: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp, Frankfurt 1951/2003). Sport, diese „pseudo-aktive Betätigung“ (Freizeit, 1969), erzeugt, so Adorno, das Gefühl von Aktivität, Beteiligung und Leidenschaft, ohne reale Handlungsmacht zu eröffnen. Besonders im Fußball wird dieses Moment deutlich: Millionen Zuschauer „leiden“, „kämpfen“ und „sie­gen“ emotional mit, bleiben jedoch objektiv passiv.
Max Horkheimer (links) und Theodor W. Adorno (rechts) im April 1964 in Heidelberg beim Max-Weber-Soziologentag.

Max Horkheimer (links) und Theodor W. Adorno (rechts) im April 1964 in Heidelberg beim Max-Weber-Soziologentag. | © Jeremy J. Shapiro, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Die Identifikation mit Verein oder Nation ersetze politische Partizipation, und Adornos Kritik verschärft sich, wo Fußball als Träger kollektiver Identität fungiert. Internationale Turniere verdichten nationale Affekte, während soziale Antagonismen überdeckt werden. Der einzelne erfährt sich als Teil eines größeren Ganzen, ohne dessen Struktur zu hinterfragen. Adorno warnt allgemein vor solcher kollektiver Affektbindung, da sie kritisches Bewusstsein suspendiere. Und hier schließt sich der Kreis zur Marx’schen Kritik: Das Stiften von Sinn, Gemeinschaft und Hoffnung in einer als kalt und entfremdet erfahrenen Gesellschaft, das Erzeugen einer kurzfristigen Glückserfahrung nach einem Sieg erscheint als kompensatorisches „illusorisches Glück“.

Im modernen Profifußball gewinnt Adornos Kulturindustriekritik zusätzlich an Plausibilität. Der Sport ist vollständig in Marktlogiken integriert: Spieler*innen werden zu Marken, Fans zu Zielgruppen, Emotionen zu verwertbaren Ressourcen. Der Schein von Spontaneität und Leidenschaft verdeckt strenge ökonomische Rationalität.

Hier erfüllt der Fußball exakt jene Funktion, die Adorno der Kulturindustrie zuschreibt: Er reproduziert bestehende Verhältnisse, indem er sie als natürlich, alternativlos und emotional befriedigend erscheinen lässt. Das „Opium“ wirkt nicht repressiv, sondern lustvoll.

Auflehnung gegen die Hast und Hetze

Bei all dem darf man außerdem nicht vergessen, dass der einigenden Kraft des Fußballs auch eine positive sozialistische Dimension zugesprochen wird, nämlich wenn man die gesellschaftliche Perspektive Adornos mal außer acht lässt und nur die Wirkung nach innen betrachtet. Der deutsche sozialdemokratische Politiker und Naturfreund Carl Schreck zum Beispiel konstatierte in seinem Aufsatz Arbeitersport und Sozialdemokratie (Leipzig 1929): „Der Sport bedeutet, ganz allgemein gesehen, eine Auflehnung gegenüber der kapitalistischen Ausbeutung, gegenüber dem Bandsystem, eine Auflehnung gegen die Hast und Hetze, die wie eine Peitsche auf uns wirken, eine Auflehnung gegenüber der gesamten kapitalistischen und sonstigen sozialen Bedrückung.“ Und in einer Veröffentlichung der British Socialist Party aus dem Jahre 2010 heißt es „Es stimmt wohl, dass es immer noch Kapitalisten gibt, die sich über die Funktion des Fußballs als Opium der Massen freuen. Doch es ist extrem bevormundend, Millionen von fußballbegeisterten Arbeiter*innen zu erklären, dass ihre Begeisterung für den Fußball nur auf List und Betrug beruhe und ihre Liebe für ihn nichts anderes als das Resultat einer Gehirnwäsche sei. (...) Während manche das als Tribalismus abtun mögen, ist die Solidarität, die zwischen Fußballfans besteht, von großer Bedeutung. Diese ernst zu nehmen, kann wesentlich dazu beitragen, das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu stärken.“

Revolutionäre Energien der Vergangenheit

Die Ambivalenz der Identifikation mit den Vereinen und der starken emotionalen Aktivierung im Fußball, ihre Ausnutzung durch kapitalistische Herrschende und ihrer ausgeklügelten Systeme werden weder von Marx noch von Adorno als aktive konspirative Mechanik angenommen. Aber es ist schwer zu übersehen, wie sich die politische und kapitalistische Praxis gänzlich unbehelligt zu Ungunsten der arbeitenden Klasse verschiebt und die Fragen danach, wo denn der scharfe Blick auf die Auswüchse des Kapitalismus und die revolutionären Energien der Vergangenheit geblieben sind, sind durchaus legitim. Zumindest wäre ein flächendeckender Opiumrausch eine gute Erklärung dafür, dass Fans heuer klaglos ihre Häuser beleihen, um die „dynamischen Preise“ der FIFA für die Weltmeisterschaft 2026 zu bezahlen, schulterzuckend den Tech-Oligarchen ihre Daten überlassen und hinnehmen, dass die Realeinkommen der arbeitenden Bevölkerung seit Jahrzehnten mit wachsender Beschleunigung sinken, während das oberste Prozent, die Superreichen, explosive Einkommenszuwächse verzeichnen können.

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