Während sich Mexiko darauf vorbereitet, als Co-Gastgeber der Weltmeisterschaft 2026 international zu glänzen, bleibt eine anhaltende Realität außerhalb des Rampenlichts: Mehr als zwei Jahrzehnte der Gewalt haben Hunderttausende Tote und Verschwundene hinterlassen. Hinter der offiziellen Erzählung von Fortschritt und Feierlichkeiten erheben Opferkollektive ihre Stimme — selbst mit einem Ball am Fuß —, um daran zu erinnern, dass der Krieg noch nicht vorbei ist. Denn während „der Ball nach Hause zurückkehrt“, tun es Tausende von Menschen noch immer nicht.
Denen, die von weit herkommen und nicht wissen, was hier vor sich geht, denen, die unser Land aus der Distanz betrachten und dabei ausschließlich idyllische Landschaften, rauschende Feste und kulinarische Delikatessen erkennen, all denen, die es aus irgendeinem Grund noch nicht wissen, muss dringend klargemacht werden, dass Mexiko, Mitausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2026, seit zwanzig Jahren in einen bewaffneten Konflikt verwickelt ist: einen Krieg im Inland.Im Gegensatz zu den Landschaften, der Küche und der Lebensfreude ist dieser Konflikt jedoch nicht in der Natur und Kultur des mexikanischen Volkes verankert. Es handelt sich um eine Gewalt der Macht, die einzig und allein im Geld zu Hause ist. Die letzten zwanzig Jahre sind der beste Beweis dafür.
Wunden, die von der Gewalt gerissen wurden
Zwei Jahrzehnte schon ist die mexikanische Gesellschaft in einer Spirale der Gewalt gefangen, in dessen Wirren bereits 400.000 Menschen ihr Leben gelassen haben und 130.000 Personen verschwunden sind. Und das sind nur zwei der vielen Gewaltverbrechen, die in großen Teilen des Landes an der Tagesordnung sind.Ein illustratives Beispiel: nach den Renovierungsarbeiten im Fußballstadion von Mexiko-Stadt, in dem das Eröffnungsspiel der WM stattgefunden hat, passen bis zu 87.000 Zuschauer auf die Tribünen. Mit den Mordopfern der letzten zwanzig Jahre könnte man also fünf Stadien füllen, während die gewaltsam Verschwundenen (die offiziell anerkannten — die wahren Zahlen liegen deutlich darüber) anderthalbmal hineinpassen würden.
Eine Mutter, die nach ihrem verschwundenen Kind sucht, protestiert am Engel der Unabhängigkeit nach dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. | © Haarón ´Álvarez @elhaaronalvarez.jpg | Goethe-Institut Mexiko
Leider stellte sich mit der Zeit heraus, dass diese drei politischen Kräfte Mexiko zwar regiert haben, dies aber stets gemeinsam mit eben jenen Verantwortlichen des organisierten Verbrechens taten, die sie doch angeblich bekämpften. Dies wird zum Beispiel im Falle des ehemaligen Sekretärs für Innere Sicherheit deutlich, Genaro García Luna, der militärische Strategien zur Bekämpfung der Kartelle entworfen hatte und später in den USA wegen Verschwörung zum Kokain-Handel und Mitgliedschaft im Cártel de Sinaloa zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Sechs Gouverneure der PRI standen bereits wegen möglichen Verbindungen zum organisierten Verbrechen vor Gericht, und die USA fordern derzeit die Auslieferung eines Gouverneurs der Morena, dem eine Zusammenarbeit mit dem oben genannten Kartell nachgesagt wird.
Diese und viele weitere Beispiele verdeutlichen die enge Symbiose von Politik und Verbrechen und verleiten uns zu der Aussage, dass der Krieg in Mexiko nicht wie behauptet zwischen Kartellen und der Obrigkeit ausgefochten wird, sondern vielmehr zwischen verfeindeten Gruppen des organisierten Verbrechens, die sich nicht nur ihre Territorien, Handlanger und Ressourcen streitig machen wollen, sondern auch die Macht über die politischen Entscheidungen.
Das ist die Realität hinter dem öffentlichen Diskurs aller politischer Machthaber, in dem von Fortschritt, wirtschaftlicher Stabilität und Aussöhnung die Rede ist und der bewaffnete Konflikt vehement bestritten wird, obwohl in ganz Mexiko Massaker stattfinden und geheime Massengräber zu finden sind.
Inmitten dieses gewaltsamen Umfelds haben die Behörden angesichts der internationalen Aufmerksamkeit rund um die WM und der dazugehörigen Werbekampagnen entschieden, eine Reihe kosmetischer Änderungen vorzunehmen — sowohl was die Infrastruktur betrifft als auch die Statistiken zur organisierten Gewalt. Plötzlich heißt es, die Mordrate im Land sei um 40 Prozent zurückgegangen und 70 Prozent der Verschwundenen seien nun endlich aufgespürt worden. Und das alles seit 2025, ein Jahr vor dem großen Fußballevent.
Von dieser öffentlichen Leugnung des Krieges hängen nicht nur ausländische Investitionen und der Zinssatz für die Kredite ab, die der mexikanische Staat bei internationalen Organisationen aufgenommen hat, sondern auch der Tourismus und die gesamte Weltmeisterschaft.
Ein Jugendlicher bei einer Abendveranstaltung vor dem Stadion von Mexiko-Stadt, in der Nacht vor der Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft. | © Haarón Álvarez @elhaaronalvarez.jpg | Goethe-Institut Mexiko
„Der Ball kehrt nach Hause zurück — Aber was ist mit ihnen?“
Mexiko hat sich als Austrageort beworben und 53 Millionen Pesos (etwa 2,65 Millionen Euro) investiert, um sich in Schale zu schmeißen und dieser Veranstaltung — gemeinsam mit den USA und Kanada — den roten Teppich auszurollen. Die zuständigen Behörden haben sich ins Zeug gelegt und im Akkord Stadtzentren, Stadien und jene Touristen-Hotspots verschönert, an denen die meisten Touristen zu erwarten sind. Dabei sind sie so weit gegangen, wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier in einigen U-Bahn-Stationen eine Auswahl an (etwas lächerlich wirkenden) viktorianischen Kerzenleuchtern anzubringen.Mittels dieser Kosmetikbehandlungen (und in der Hoffnung, dass niemand außer den Opfern den Krieg erwähnen wird) feiert die Regierung nach 1970 und 1986 die dritte Weltmeisterschaft auf mexikanischem Boden. Daher auch der Slogan, der auf dem Asphalt verschiedener Verkehrsadern prangt: „Der Ball kehrt nach Hause zurück“.
Dieser Ausspruch ist allerdings erst in der Öffentlichkeit angekommen, als ihn Familienangehörige der Gewaltopfer mit einem kleinen Zusatz auf dem Paseo de la Reforma platzierten, einer der Hauptverkehrsadern des touristischsten Bezirks der Hauptstadt: „Der Ball kehrt nach Hause zurück — Aber was ist mit ihnen?“ Damit meinen sie natürlich ihre Liebsten, die aufgrund der vorherrschenden Gewalt nicht mehr bei ihnen sind.
Malerei über den Paseo de la Reforma mit den Worten „Mexiko Meister im Verschwinden“ und „Der Ball kommt nach Hause, wann sie?" | © Haarón Álvarez @elhaaronalvarez.jpg | Goethe-Institut Mexiko
Fußballspielen gegen das Vergessen
Aus diesem Grund könnte es passieren, dass Tourist*innen in diesen Tagen auf ihren Streifzügen durch Mexiko zu einer „cascarita“ eingeladen werden, also einem schnellen Fußballmatch auf der Straße, das von den Angehörigen der Opfer organisiert wurde. „Mete un gol por los desaparecidos” ist das Motto dieser Protestveranstaltung: Schieß ein Tor für die Verschwundenen. So lernen die Besucher*innen womöglich, dass man auch mit einem Ball vor den Füßen demonstrieren kann.
Kollektive und solidarische Personen versammelten sich auf dem Paseo de la Reforma, um die „Cascaritas gegen das Vergessen“ zu spielen – eine fußballerische Form, die Krise des Verschwindens in Mexiko sichtbar zu machen. | © Haarón Álvarez @elhaaronalvarez.jpg | Goethe-Institut Mexiko
Mit diesen zivilen Protestaktionen, so betont Jorge, soll die Weltmeisterschaft nicht boykottiert und die Tourist*innen keineswegs belästigt werden. „Wir wollen lediglich nach außen tragen, was in Mexiko geschieht. Wir bitten die Besucher*innen darum, die Suchplakate unserer Familienmitglieder zu verbreiten, denn sie spiegeln die Realität unseres Landes wider. Darüber hinaus sollen unsere Proteste eine vorbeugende und aufklärende Wirkung haben: Wir teilen den Menschen mit, dass sie Mexiko besuchen und die WM genießen können, dabei aber immer auf der Hut sein sollten. Dieses Land ist von Unsicherheit geprägt, den hier kann jeder jeden umbringen oder verschwinden lassen, ohne dass sein Handeln irgendwelche Konsequenzen nach sich zieht. Wir wollen verhindern, dass ihre Angehörigen sich später unseren Kollektiven anschließen.“
Willkommen in Mexiko
Denen, die von weit herkommen, die unser Land aus der Distanz betrachten und nicht wissen, was hier vor sich geht, soll Folgendes gesagt sein: auch das ist Mexiko, und zwar mehr als die Sombreros der Charros, Tequilashots oder Paraden zum Tag der Toten. Hier zieht der Tod jeden Tag durch die Straßen, das ganze Jahr über, und das schon seit Langem.Herzlich willkommen.