Die Nationalfahne war in Deutschland lange im Alltag kaum sichtbar. Zur Männerfußball-WM 2006 aber tauchte das Land überraschend und euphorisch in einen Rausch aus Schwarz-Rot-Gold – der zur Europameisterschaft 2024 schon wieder vorbei sein sollte. Was ist geschehen?
Wenn die Deutschen sich an die Männerfußball-WM 2006 erinnern, denken viele auch an die großen Debatten rund um die Nationalfahne. Denn bei der Heim-WM 2006 wurden zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg für einige Wochen deutsche Nationalfahnen allgegenwärtig gezeigt. Viele Menschen trugen eine kleine deutsche Fahne angesteckt an ihrem Auto, sie hingen überall von Balkonen und wurden nach Siegen auf der Straße und im Stadion geschwenkt. Und viele Medien fragten damals: Darf man das? Ist das ein neuer, unverkrampfter Party-Patriotismus – oder der Vorbote eines gefährlichen neuen Nationalismus?
Vor 2006 wäre das noch undenkbar gewesen: Deutschlandfahnen schmücken die Balkone während der Europameisterschaft 2012. | © Onnola/FlickR/CC BY 2.0
Nationalstolz ohne Nationalflagge
Für Menschen in anderen Ländern ist diese Diskussion nicht ganz leicht zu verstehen. Denn etwa in den USA ist es völlig normal, die Flagge am Haus hängen zu haben oder die Fahne auf dem T-Shirt zu tragen. In Deutschland war das lange Zeit nicht so. Das hat viel mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu tun, obwohl die heutige deutsche Flagge von den Nazis gar nicht verwendet wurde. Doch allzu offensichtlicher Nationalstolz galt nach dieser historischen Erfahrung als Tabu.Das bedeutet nicht, dass die Deutschen die Gefahr von Nationalstolz besser verstanden hätten als andere. Nationalismus und rassistische Gewalt waren auch in der Geschichte von BRD und DDR sehr präsent. Und in den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 erlebten Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland eine Welle von Anschlägen und rassistischen Übergriffen. Seit der Ankunft vieler Geflüchteter 2015 gibt es eine neue Welle immer schlimmerer rechter und rassistischer Gewalt.
Um diesen scheinbaren Widerspruch zu verstehen – dass Nationalstolz tabuisiert war, dies der rassistischen Gewalt aber keinen Einhalt geboten hat – muss man wissen, dass die Deutschen aus ihrer Rolle als Erinnerungsweltmeister eine nationale Identität entwickelten. Sie sind stolz darauf, so oft an den Holocaust zu erinnern, und beziehen sich dabei besonders auf Jüdinnen und Juden. Die seltsame Mischung aus lustvoller Selbstgeißelung als Tätervolk einerseits und Überlegenheitsgefühlen andererseits führt zu einem Nationalstolz auch ohne Nationalflagge.
Fußballturniere fördern Überlegenheitsgefühle
Das änderte sich mit der Fußball-WM 2006. Seitdem ist es selbstverständlicher, Flagge zu zeigen. Viele Medien betrachteten das anfangs positiv. Das deutsche Nationalteam der Männer wurde 2010 als „Internationalmannschaft“ bezeichnet, weil viele Spieler einen Migrationshintergrund hatten. Sie galten als Aushängeschild eines liberalen Deutschlands mit neuem, harmlosem Nationalismus. Doch Nationalismus ist niemals harmlos. Und bald ging es nicht mehr um Party.Viele Studien haben nachgewiesen, dass nationalistische Einstellungen und Gewalt gegen anders Aussehende – nicht nur in Deutschland – nach Erfolgen bei Fußballturnieren zunehmen. Dabei spielt es keine Rolle, dass in vielen Nationalteams mittlerweile zahlreiche Spieler*innen mit Migrationshintergrund kicken. Turniere fördern Überlegenheitsgefühle. Auch in Deutschland kippte die Debatte schnell. Von den Spieler*innen mit Migrationshintergrund wurde immer deutlicher gefordert, dass sie die Nationalhymne mitsingen. „In den Augen von [DFB-Präsident] Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen – und Immigrant, wenn wir verlieren“, ließ Nationalspieler Mesut Özil 2018 in einer Stellungnahme zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft verlauten.
Auch die Verwendung der deutschen Nationalflagge kippte zunehmend nach rechts. Ab 2014 wurde sie auf den rechten Pegida-Demonstrationen geschwenkt und war bald ein öffentliches Symbol der Rechtsextremen, auch bei der rechten Partei Alternative für Deutschland.
Die rechte Partei „Alternative für Deutschland“ greift gerne auf die Nationalfarben zurück. Auf ihren Veranstaltungen sind viele Deutschlandfahnen zu sehen sowie AfD-Merchandise mit Nationalflagge. | © Marco Verch/CC-BY 2.0
Die Flagge zieht sich aus dem Fußball zurück
In dieser Hinsicht hat die Bedeutung der Nationalflagge einen Wandel durchgemacht. Als sie im 19. Jahrhundert aufkam, war sie eigentlich ein Symbol der bürgerlichen Liberalen. Heute dagegen kann man Menschen, die außerhalb von Fußballturnieren eine Deutschlandflagge etwa am Balkon hängen haben, oft als politisch rechts verordnen. Diese Spaltung ließ sich auch bei der Heim-EM 2024 beobachten. Die deutsche Flagge wurde da längst nicht mehr von allen so unbefangen geschwenkt wie noch 2006. Die Rechten hatten die Deutungshoheit über die Flagge erobert.Braucht es da eine neue Symbolik? Vielleicht ist das die falsche Diskussion. Denn solange es Nationalteams gibt, sind Nationalstolz, Überlegenheitsgefühle und Abwertung eingepreist – daran ändert auch die Diversität der Spieler*innen nichts (im Gegenteil wird von migrantischen Spieler*innen ein besonders starkes Bekenntnis zu den vermeintlich „deutschen“ Werten erwartet). Denn die internationalen Turniere spielen immer wieder einen ewigen Kampf der Nationen durch, an dessen Ende eine Sieger- und viele Verlierer-Nationen stehen. Bei der offiziellen Feier der WM 2014, in der die deutsche Nationalmannschaft im Finale gegen Argentinien gewann, ahmten deutsche Spieler in einer Art verunglückter Tanzeinlage auf einer Bühne erniedrigte Argentinier und stolze Deutsche nach, was international für Kritik sorgte. Wer Kampf der Nationen spielt, schürt nationalistische Erzählungen. Ob mit Nationalflagge oder ohne.