Seitdem der Filmemacher und Fotograf Peter Sempel am 20. März 2026 kurz vor seinem 72. Geburtstag verstarb, ist es in der Hamburger Kunstszene spürbar stiller. Eines der eigensinnigsten Unikate fehlt nun, eines, bei dem nie ganz klar wurde, was er eigentlich war: Musikfilmer, Experimentalregisseur, Fan?
Sempel, 1954 in Hamburg geboren, als Kind aufgewachsen im australischen Outback ohne fließendes Wasser und Radio und als Zwölfjähriger mit dem Schiff wieder zurückgekommen, hat sein Leben lang Außenseiter und Grenzgänger gefilmt – weil er selbst immer einer geblieben war. „Protest gegen die normale Welt“, hat er das mal genannt. Sein Punk war kein stilistisches Accessoire, sondern existenzielle Haltung.
Kurzfilme wie Save the Children / Kriegsjugend, Fressen, Klarheit über alles (mit den Toten Hosen) oder Wozu sind die Männer da? sind rohe, fiebrige Streifen, in denen Bands wie DAF, Birthday Party, Crass, Einstürzende Neubauten und Abwärts nicht als Stars posieren, sondern als lebendiges, manchmal auch widerspenstiges Material auftauchen. Das sind keine sauberen Porträts, keine Inszenierungen, auch keine Dokumentationen, sondern Psychogramme in extremer Zeitlupe, in Überblendungen und mit wilden Assoziationen.
Dabei liebte Sempel den Punk mit derselben Hingabe wie die Oper. Das waren für ihn zwei Seiten derselben Medaille: beides Übertreibung, beides radikale Hingabe, beides ein wütender oder sehnsüchtiger Angriff gegen die langweilige Mitte. Beethoven kracht gegen UK Subs, Mozart gegen Poison Girls, Schubert gegen die Neubauten. Der Soundtrack allein war schon ein Manifest gegen jede Form von sauberer Trennung zwischen Hoch- und Subkultur. Sempel hat nie die große, lineare Erzählung gesucht. Er hat gesammelt, collagiert, assoziiert, hat Bilder und Töne übereinandergelegt: Die Wahrheit lag für ihn in der Überlagerung. Seine Filme sind wie die Punk-Szene selbst: rau, chaotisch, widersprüchlich, manchmal unerträglich nah dran, manchmal fast zärtlich.
In Dandy von 1988 lässt er Blixa Bargeld an einer Bushaltestelle warten, während Nick Cave und Nina Hagen absurde Nonsense-Dialoge führen. Campino taucht auf, Lene Lovich, Dieter Meier von Yello – alles fließt ineinander, ohne dass je klar würde, warum eigentlich. Sempel wollte nie erklären, sondern etwas für sich selbst herausfinden und mitspüren lassen. Die Kamera war für ihn wie ein Stück verlängertes Nervensystem, ein empathisches Instrument, das die Energie einfängt, bevor sie sich in Pose verwandelt. In einem Gespräch mit der deutschen Tageszeitung taz zu seinem 70. Geburtstag sagte er lakonisch: „Viele Leute glauben, ich laufe den berühmten Leuten hinterher. Aber nee, das hat sich immer so ergeben.“
Das war keine falsche Bescheidenheit. Sempel hat sich tatsächlich für die Menschen interessiert, für ihre Neurosen, ihre Ohnmacht, ihre Wut, ihre verborgene Schönheit. Viele sind deshalb seine Freunde geworden und bis heute geblieben. Und deshalb wirken Peter Sempels Filme auch heute noch so frisch und unangestrengt – weil sie die rohe, ungeschliffene Energie bewahren, die diese Leute hatten, als sie noch keine Ikonen waren, sondern junge, wütende, verzweifelte oder euphorische Gestalten in einer Welt, die ihnen zu eng war.
Punk war für Peter Sempel nie bloß Musik oder Mode oder eine Phase. Es war eine grundsätzliche Haltung: sich nicht anpassen, sich nicht verwerten lassen, die Kamera nicht als Instrument der Macht oder der Distanz zu benutzen, sondern als Mittel der Zärtlichkeit, der Solidarität und der Komplizenschaft.
Seine Kurzfilme aus den frühen 1980ern sind deshalb mehr als bloße Zeitdokumente einer vergangenen Subkultur. Sie sind Versuche, der Beschleunigung etwas Radikales entgegenzusetzen: Entschleunigung, Wiederholung, Überlagerung, das beharrliche Verweilen beim Detail. Liebe in Zeitlupe, könnte man sagen. Eine Form von radikaler Langsamkeit inmitten des Lärms und der Hektik. Peter Sempel ist dem Punk treu geblieben, ohne ihn zu musealisieren oder in eine gefällige Retro-Ästhetik zu überführen. Er hat seinen Punk bis zuletzt gelebt, jeden Tag und jede Nacht – im Hamburger Club genauso wie auf seinen selbstgebastelten, überbordend zärtlich verzierten und liebevoll betexteten Postkarten, die er in die ganze Welt verschickte; in endlosen nächtlichen Gesprächen mit ihm ebenso wie in seinen Filmen, die niemand je so richtig vermarkten konnte und die genau deshalb ihren unbezifferbaren Wert immer behalten werden.
In einem von ihnen hört man Nick Cave sagen: „I’m just visiting this planet.“ Peter Sempel war auch nur zu Besuch. Er hat uns zum Abschied einige der schönsten Bilder von diesem seltsamen Planeten dagelassen.