Interview mit Jan Röhlk  „Ich warte jetzt nicht mehr, bis ich 67 bin...“

Illustration Collage Jan Röhlk & Chuck Dukowski © Jan Röhlk

Die „Gnade der späten Geburt“ eröffnet oft einen eigenen Zugang zur Geschichte: Man erlebt sie im Schatten, nimmt sie anders wahr – manchmal intensiver. Jan Röhlk, 1978 in Leverkusen geboren, entdeckte Punk Anfang der 1990er über seine ältere Schwester. Prägend: die Ramones 1992 in der Kölner Sporthalle; Lieblingsplatte bis heute: „Lifestyles of the Rich Kids on LSD: A Rock’n’Roll Nightmare (1987).

Seit 2003 ist er als teilnehmender Beobachter fürs Trust, ein Hardcore / Punk Fanzine, das es seit den 1980ern gibt, aktiv. Im Mittelpunkt steht hier jedoch der Travel-Punk-Fan, der – neben Jobs als Presseassistent in Frankfurt und Köln – weltweit Orte und Protagonist*innen der Punkgeschichte aufsucht.

Was war dein erstes Punkkonzert?
Jan Röhlk: Mein erstes Punkkonzert war 1990: Solitary Confinement im JUZ Bunker in Leverkusen, zusammen mit der Death-Metal-Band Lemming Project. Der Mix war spannend, aber wichtiger war: Ich verstand zum ersten Mal, was 100 % Punk bedeutet. Alles wurde selbst gemacht – Bühne, Theke, Kasse. Keine Profis, keine Distanz. Dieser Gedanke „Das könnte ich auch machen“ hat sofort gezündet. Kurz danach fing ich selbst an: proben, Konzerte organisieren, Fanzines, Sampler, Vinyl, Tapes. Einfach loslegen.

Was begeistert dich bis heute an Punk?
Jan Röhlk: Ich fand und finde Punk total konstruktiv. Klar wird viel gemeckert – aber genau das ist der Punkt: Mach’s besser. Dieses „Leg los!“ ist extrem ausgeprägt. Oft sind mir die Leute und Gespräche fast wichtiger als die Konzerte. Du triffst die unterschiedlichsten Musiknerds, die einfach machen: Bands, Labels, Radios, Festivals, Magazine – ohne großen Plan oder Karriereziel. Das beeindruckt mich bis heute.

Wie entstand die Idee zu deinen Reisen?
Jan Röhlk: Die Wurzel liegt in einem Familienurlaub 1990 in Los Angeles. Diese „Star Homes“-Touren, die in Los Angeles zu den Häusern der Stars angeboten werden, fand ich faszinierend, obwohl man kaum etwas sieht. Ich mochte die Idee von Orten mit Geschichten. Später suchte ich mir meine eigenen „Stars“. 1997 fuhr ich als Hosen-Fan nach Düsseldorf, in den Hofgarten – das war der Anfang. Daraus wurde nach und nach mehr, immer gezielter.
 Foto von Jan Röhlk mit Greg Norton, Minneapolis–Saint Paul, 2025 - „Auf Hüsker-Dü-Spuren sprach ich ihn bei einem Konzert an. Einen Tag später rief er mir vor einer anderen Halle zu: ‚Hey Jan!‘ – seine Frau machte das Foto.“

Minneapolis–Saint Paul, 2025 (mit Greg Norton) „Auf Hüsker-Dü-Spuren sprach ich ihn bei einem Konzert an. Einen Tag später rief er mir vor einer anderen Halle zu: ‚Hey Jan!‘ – seine Frau machte das Foto.“ | © Jan Röhlk

Wie bist du an die Planung rangegangen?
Jan Röhlk:  2008 machte ich mir eine Traumliste: Detroit, Chicago, New York, D.C., Minneapolis, Austin, New Orleans, Australien. Ich dachte, das klappt erst zur Rente – zum Glück nicht. Basis waren oft Bücher: Biografien, Labelgeschichten, Szeneberichte. Daraus kamen Adressen, später ergänzt online. Dann baute ich Tagesrouten, möglichst effizient viele Orte abklappern. Klingt trocken, ist es auch – aber genau das mag ich. Wichtig ist der Mix: alte Locations, Läden, Konzerte, und wenn möglich Treffen mit Leuten aus dem Trust-Fanzine-Kontext.

Warum vor allem USA und Los Angeles?
Jan Röhlk:  Musiktourismus geht auch hier super, aber US-Hardcore, besonders SST aus L.A., hat mich immer stärker fasziniert. Das fing früh an – auch durch US-Serien. 1990 hörte ich Black Flag, The First Four Years. Das war wie ein Monolith: plötzlich da, voller Wucht, völlig eigenständig. Diese Mischung aus Wut und Energie hat mich lange beschäftigt. Später erklärte mir Joe Carducci diesen Mix aus Boheme, Working-Class-Attitüde und Surfkultur in der South Bay – das ergab total Sinn.
Foto von Jan Röhlk und Chuck Dukowski Los Angeles, 2023, „2008 interviewte ich ihn für ein SST-Special per Mail. 15 Jahre später trafen wir uns in seinem Lieblingscafé in Venice.“

Los Angeles, 2023 (mit Chuck Dukowski) „2008 interviewte ich ihn für ein SST-Special per Mail. 15 Jahre später trafen wir uns in seinem Lieblingscafé in Venice.“ | © Jan Röhlk

Wie reagieren Leute vor Ort auf dich?
Jan Röhlk: Meist passiert wenig – viel ist stille Archäologie. Du stehst vor Orten, die es oft gar nicht mehr gibt. Aber manchmal gibt es Volltreffer: Beim ZK-Cover Eddie’s Salon war der Originalort weg, aber der echte Friseur arbeitete noch – Ende 70. Ich gehe rein, und er steht da. Für solche Momente lohnt sich alles.

Und die Musiker*innen selbst?
Jan Röhlk: Die meisten reagieren entspannt oder interessiert. Ian MacKaye fand es super, dass ich die alten Orte besucht habe, und gab Tipps. Wenn man sich ernsthaft interessiert und nicht nur als Fanboy auftaucht, entstehen ganz normale Gespräche.
Foto von Jan Röhlk mit  Ian MacKaye, Washington, 2024. „Eine Woche Musiktourismus: Clubs, Läden, Studios. DC-Hardcore hat mich immer begeistert. 2010 machten wir im Trust ein Dischord-Special – so entstand der Kontakt.“

Washington, 2024 (mit Ian MacKaye) „Eine Woche Musiktourismus: Clubs, Läden, Studios. DC-Hardcore hat mich immer begeistert. 2010 machten wir im Trust ein Dischord-Special – so entstand der Kontakt.“ | © Jan Röhlk

Wie finanzierst du das alles?
Jan Röhlk: Es kostet natürlich Geld und Zeit. Von 2010 bis 2018 bin ich kaum gereist, jobbedingt. 2019 kam das Fernweh zurück. Und 2023 dachte ich: Schluss mit Aufschieben. Ich warte jetzt nicht mehr, bis ich 67 bin – ich mache jetzt alles, was geht, von meiner Traumliste.

Was war deine intensivste Reise?
Jan Röhlk: Als SST-Fan war die South Bay in L.A. immer ein Highlight: Hermosa, Redondo, Manhattan Beach. Du kennst die Geschichte – und gleichzeitig ist es einfach ein schöner Ort. Surreal.
Australien 2019 war auch besonders, vor allem die AC/DC-Spuren.
Foto des Lawndale Postamts, 2024 SST P.O. Box1 - „Hier lag von 1978 bis 2007 das legendäre SST-Postfach (P.O. Box 1) – bis heute auf den Releases vermerkt.“

Lawndale, 2024 (SST-Postfach) „Hier lag von 1978 bis 2007 das legendäre SST-Postfach (P.O. Box 1) – bis heute auf den Releases vermerkt.“ | © Jan Röhlk

Was steht als Nächstes an?
Jan Röhlk: Als Nächstes geht es nach Brasilien, vor allem Rio – auf den Spuren von Ronnie Biggs, den Sex Pistols und den Toten Hosen. Danach Richtung Osterinsel und Tahiti. Hauptgrund: die Bucht aus Meuterei auf der Bounty mit Marlon Brando. Manchmal reicht so was ja völlig als Motivation. Aloha!

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