Saufpunks  Haste mal ’ne Mark?

Saufpunks am Bahnhof
Die urbane U-Bahn-Station ist ein ideales Umfeld für den mit Vorliebe bahnhofbevölkernden Saufpunk, denn hier lässt es sich in Frieden, wenn auch meistens ohne großen Erfolg, schnorren. © picture-alliance / ZB | Silke Reents

Ein fast rein deutsches Phänomen ist der sogenannte Saufpunk. Häufig als „Sozialschmarotzer“ abgetan, zeigt sich hinter nihilistischen Parolen ein überraschend politisches Profil. Porträt einer Subkultur.

Ein Saufpunk ist eine Person, die sich kulturell dem Punk verschrieben hat, eine demonstrativ antibürgerliche Haltung bezieht, eher ungepflegt daherkommt und sich eines derben Humors bedient. Die viel Alkohol konsumiert, mit Vorliebe Dosenbier, aber auch anderes, Hochprozentiges und mindestens einen struppigen Hund ihr Eigen nennt. Mit den Worten „Haste mal ’ne Mark“ unablässig brave Vorbeigehende anschnorrt. Sie ist meistens am Boden, gern an Bahnhöfen, sitzend oder (je nach Grad der Trunkenheit) liegend anzutreffen. Und noch eins: Diese Person ist häufig deutsch, international gibt es zum echten deutschen Saufpunk kaum eine Entsprechung.

Aber was ist jetzt so besonders an dieser Personengruppe? Ein gewisser Alkoholkonsum ist schließlich in Subkulturen der Welt nicht ungewöhnlich. Hier jedoch bedeutet er mehr: Beim reinrassigen Saufpunk gehört der Alkoholkonsum zur kulturellen Identität wie der selbstgestylte Irokesenschnitt, der verlauste Schäferhund und der CRASS-Aufnäher auf der geklauten Lederjacke. Die Figur des Saufpunks entstand nach dem Abklingen der ersten Welle der Punk, Anfang der Achtzigerjahre in Westdeutschland. In Abgrenzung zu eher politisch motivierten Strömungen, wie sie in anarchistischen, autonomen oder Hardcore-Szenen zu beobachten waren, ging es den Saufpunks um das Hier und Jetzt. Kollektive Grenzüberschreitung, Spaß im Unmittelbaren war das Motto. Wobei „Spaß“ in diesem Fall vor allen „saufen“ bedeutet.

Gesellschaftskritik und Selbstparodie

Woher kommen die Saufpunks? Ihr Ursprung liegt im Punk, der Rest eher an sozialen Umständen. Die in den Siebzigerjahren einsetzende Wirtschaftskrise führte zum Zerfall traditioneller Milieus, viele Jugendliche fanden im Punk einen Gegenentwurf zu Leistungsdenken und Anpassungsdruck. Der Alkoholkonsum erhielt dabei eine symbolische Funktion: Bier als Gegenstück zur bürgerlichen Arbeitsmoral mochte dem Establishment wie billiger Eskapismus erscheinen, funktionierte aber innerhalb der Szene gut zur Inszenierung des Außenseitertums und der Verweigerung gesellschaftlicher Erwartungen. Die dieser Haltung inhärenten Widersprüche von subkulturellem Widerstand auf der einen, politischer Beliebigkeit und Selbstzerstörungstendenzen auf der anderen Seite, sind real und kaum auflösbar. Tatsächlich entsteht ein Spannungsfeld aus durchaus ernst gemeinter Gesellschaftskritik und kalkulierter Selbstparodie, das sich in den satirisch übertriebenen Werken von szenenahen Bands wie Die Kassierer (Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist), Eisenpimmel („quasi die Tocotronic des Ruhrpott-Saufpunks“). oder Pöbel & Gesocks eindrucksvoll manifestiert.

Eine besondere Rolle spielt dabei der Pogo, eine Art Tanz, bei dem sich die Beteiligten scheinbar chaotisch gegenseitig anspringen und schubsen. Der begleitende musikalische Lärm ist dabei nur Kulisse – rhythmische Details werden außer Acht gelassen, hier geht es (buchstäblich) ums Grobe. Für viele Punks symbolisiert der Pogo eine spontane, hierarchiefreie Form des Zusammenseins. Überhaupt, Anarchie: Die ‚dritten Räume‘ des Punk, die Konzertsäle und Kneipen, wurden zum Modell einer Gesellschaft ohne starre Regeln. Nicht Diskussionen und Programme standen im Mittelpunkt, sondern unmittelbare Erfahrung, Chaos und Selbstorganisation. Dieses (Selbst-) Verständnis bereitete den Boden für die Entstehung einer ungewöhnlichen politischen Formation: der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschland (APPD).
Poster of the APPD

„Arbeit ist scheiße“, das Motto der „Partei des Pöbels und der Sozialschmarotzer“, der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands APPD. Aus dem Wahlprogramm: „Unser Ziel ist es, das Leben wieder lebenswert zu machen – frei von Leistungsterror, Zwang und der ständigen Unterwerfung unter ein System, das nur für die Reichen funktioniert.“ | © APPD

Arbeit ist scheiße!

Gegründet aus dem Umfeld der Hannoveraner Bahnhofs-Punkszene im Jahre 1981, trug die „Partei des Pöbels und der Sozialschmarotzer“ APPD der Tatsache Rechnung, dass sich in der politischen Landschaft Deutschlands kein Platz für den Nihilismus der jungen Verweigerer fand, dessen konsequente Umsetzung als Lebensentwurf auch eine politische Dimension besaß. Neben klassisch-anarchistischen Allgemeinplätzen wie die Forderung nach „möglichst wenig staatlicher Bevormundung, mehr individueller Freiheit und Selbstorganisation“ oder direkter Demokratie fordert die Partei auch ganz allgemein „Frieden, Freiheit, Abenteuer“ und ganz individuell „Recht auf Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich“, Legalisierung aller Drogen und die Abschaffung der Schulpflicht. Wem all das schon zu kompliziert ist, dem*der fasst der bekannte Wahlslogan „Arbeit ist scheiße“ die der Plattform zugrundeliegende Haltung perfekt zusammen.

Satirisch griff die Partei die Sprache konservativer Debatten auf, um sich verächtlich gegen die politische Mitte zu wenden. So bedient sich die APPD nicht überraschenderweise der gleichen Mechanismen wie die Saufpunks: Die unklare Grenzziehung zwischen Provokation und ernsthafter Kritik, der genüsslichen Auslotung satirischer Zuspitzung und durchaus ernstzunehmender klassenkämpferischer Parolen macht herrschende Werte sichtbar und entblößt sie als elitäres Klassensystem. Sie lehnt, wie auch der individuelle Saufpunk, die sonst übliche Ernsthaftigkeit im politischen Diskurs ab und setzt stattdessen auf zynischen Humor und Übertreibung.

Saufen, saufen, saufen!

Tatsächlich ist die APPD bei zwei Bundestagswahlen (1998 und 2005) und einigen Landtagswahlen (die regionalen Wahlen in den Bundesländern) angetreten und konnte sich jeweils immerhin zur Siegerin der Herzen erklären, auch wenn das Ergebnis in Zahlen nicht gerade beeindrucken konnte.

Genau wie die Kultur des Saufpunks zur Manifestierung einer subkulturellen Gegenwelt, eines stagnierenden alternativ-alkoholischen Lebensentwurfs dient, sind die politischen Anstrengungen aus ihrem Umfeld Parodien ihrer eigenen Parolen. Aber wenn man den bürgerlichen Unmut über die unverschämten Schmarotzer einmal überwunden hat, klingt es doch eigentlich gar nicht mal so schlecht, über eine Alternative zum neoliberalen Leistungsdenken nachzudenken. Und wenn man dann konfrontiert ist mit der Ungerechtigkeit einer Welt, in der superreiche Tech-Oligarchen mit einer verarmenden Weltbevölkerung eine Version Monopoly spielen, in der sie bereits alle Straßen besitzen, gibt einer der schönsten Slogans der wilden Pogo-Anarchisten eine irgendwie vielleicht etwas zynische, aber wirksame Strategie in die Hand, nämlich: Saufen, saufen, saufen!

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