Die deutsche Punkszene der späten 1970er war ein widersprüchliches Gemisch: Künstler*innen gründeten Bands, Schriftsteller*innen schrieben Songtexte, Filmemacher*innen experimentierten mit Musik, Fans machten Zeitschriften und wurden selbst zu Musiker*innen. Was sie vereinte, war die Abgrenzung zu einer als bieder und konservativ empfundenen Gesellschaft in Westdeutschland. Diese Ordnung galt es durch Provokation und eine neue Ästhetik der Härte und Hässlichkeit zu durchbrechen.
Die Idee des „Do-It-Yourself“ und das Fanzine „The Ostrich“
Fanzines sind von Fans selbstgemachte Hefte, die für die Entstehung der Punkszene Ende der 1970er-Jahre prägend waren. Sie waren nicht nur Medien, in denen über Punk geschrieben und gestritten wurde, sondern stellten eigene Öffentlichkeiten jenseits der etablierten Musikpresse her. Fanzines waren Plattformen für die Vergemeinschaftung von Gleichgesinnten und prägten den Geschmack und Stil der Punkszene.Während in Großbritannien und den USA Popfans bereits zu Popkritiker*innen geworden waren, mangelte es in Deutschland an solchen Instanzen. Abgesehen von der Musikzeitschrift Sounds gab es kaum Medien, in den Punk Thema war. Das mediale Bild von Punk in herkömmlichen Zeitungen und Zeitschriften war eher skandalös ausgerichtet. Wo Räume und Medien fehlen, schafft man sie selbst. Der Mangel an Infrastrukturen oder ganz pragmatischen Dingen wie Geld führte fast zwangsläufig zum Prinzip des „Do-It-Yourself“ (DIY) in der Punkszene der 1970er-Jahre, ohne dass der Begriff in Deutschland schon gängig war.
Damals nannte man es Independent, eine kleine Insel im Kapitalismus. In der Idee des DIY konnte sich jede Person künstlerisch ausdrücken. Nicht die Perfektion stand im Fokus, sondern der Drang nach Teilhabe und Vermittlung. Etablierte Grenzen zwischen Produzent*innen und Konsument*innen, zwischen Stars und Fans, wurden brüchig: Bands brachten ihre Platten selbst heraus und gründeten eigene Labels. Sie organisierten ihre Konzerte selbst, druckten Flyer und Plakate, oder stellten eigene Fanzines her. Im Prinzip konnte jeder Fan zum Autor werden und popkulturelle Bedeutung erzeugen. So entstanden neue Ökonomien und Infrastrukturen unter selbst gewählten Bedingungen, die größtmögliche Unabhängigkeit vom etablierten Kulturbetrieb und der Musikindustrie garantierten.
Fanzines wurden von Szene-Mitgliedern für Szene-Mitglieder gemacht. Wer ein Fanzine machte, berichtete nicht nur über die Szene – er war Teil von ihr und formte sie mit. Sie dokumentierten Konzerte, diskutierten Platten und veröffentlichten Interviews. Über den Tausch von Heften entstand ein Netzwerk, das Szenen aus Düsseldorf, Hamburg und Berlin verband. Fanzines verwenden szenespezifisches Wissen, das für Personen außerhalb der Szene irrelevant oder gar unverständlich war, und erschienen in unterschiedlichsten Formaten: als kopiertes oder gedrucktes Heft, auf Video- und Audio-Kassette. Sie wurden in leeren Bierbüchsen oder Filmdosen, in selbstgenähten Stofftaschen oder eigens gebastelten Umschlägen vertrieben. Fanzines wurden in Eigeninitiative und aus Leidenschaft gemacht, nicht vorrangig aus kommerziellen Gründen.
The Ostrich #1 (1977) | © Franz Bielmeier / ArchivB.de
Fanzines als „Fenster zu einer anderen Welt“
Die selbstverlegten Punk-Fanzines gediehen rasant in den popkulturellen Nischen. Anfang der 1980er-Jahre gab es alleine in der Bundesrepublik Schätzungen zufolge mehr als dreihundert Punk-Fanzines. Die Fotokopiertechnologie half bei dieser Entwicklung. Damit ließ sich die gesamte Auflage eines Fanzines schnell und mit geringen Kosten an Fotokopieren in Büros oder Copyshops selbst herstellen. Seit dem Aufkommen des Internets wird die Bedeutung von Fanzines zunehmend durch digitale Publikationsformen ergänzt. Während sich in den 1990er-Jahren „E-Zines“ und „Webzines“ sowie später Weblogs etablierten, bilden heute soziale Medien den Raum für die Verständigung von Szenen. Ob Instagram, TikTok oder Facebook: Jede Band hat ein eigenes Profil, Erlebnisse von Konzerten werden gepostet und Veranstaltungen angekündigt. Digitale Plattformen ermöglichen heute eine schnelle und kostengünstige Vernetzung weltweit. Zugleich unterliegt jeder Post der ökonomischen Verwertungslogik der Plattformbetreiber. Die Macher*innen von Fanzines wie The Ostrich waren in der Idee des „Do-It-Yourself“ unabhängiger: Sie schufen eigene Öffentlichkeiten mit eigenen Infrastrukturen. Damit eröffneten sie „ein Fenster zu einer anderen Welt“ und machten die Punkbewegung nicht nur sichtbar, sondern wirkten aktiv an der Szenenbildung mit.Literatur
- Bornowksi, Ralf/ Husslein, Uwe (Hg.): Fanzines... they are like wild exotic mushrooms. Reader und Index zu deutschsprachigen Fanzines. Mainz 1996.
- Büsser, Martin: The Ostrich — Ein Fanzine aus Düsseldorf. Intro 97, 2002, S. 30.
- Diederichsen, Diedrich: Sexbeat. Köln 2002.
- Hinz, Ralf: Cultural Studies und Pop. Zur Kritik der Urteilskraft wissenschaftlicher und journalistischer Rede über populäre Musik. Wiesbaden 1998.
- Luis, Ramon: Ostrich, Archiv B 2020, online: https://archivb.de/vorwort/ostrich/
- Neumann, Jens (Hg.): Fanzines. Wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema. Mainz 1997.
- Schmidt, Christian: Punk-Fanzines in der BRD 1977-80. Zur Entstehung eines Szene-Mediums und seinen kulturellen Bedeutungen. Unveröffentlichte Magisterarbeit 2006.
- Ott, Paul/Skai, Hollow: Wir waren Helden für einen Tag aus deutschsprachigen Punk Fanzines 1977-1981. Hamburg 1983.
- Teipel, Jürgen: Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. Frankfurt am Main 2001.