Die Kunstbiennale in Venedig gilt als die wichtigste internationale Ausstellung für Gegenwartskunst. Im Deutschen Pavillon setzen Henrike Naumann und Sung Tieu 2026 mit der Ausstellung „Ruin“ ein ästhetisches und politisches Zeichen zur deutschen Geschichte und Gegenwart.
Die Kunstbiennale in Venedig gilt seit Jahrzehnten als die maßgebliche internationale Ausstellung für Gegenwartskunst. Alle zwei Jahre versammelt sich die internationale Kunstszene in der Lagunenstadt, um den Stand der Dinge zu verhandeln. Sowohl die Hauptausstellung als auch die Ausstellungen in Länderpavillons haben den Anspruch, die Kunst zu zeigen, die im Moment Relevanz besitzt.Ruin als Leitmotiv
Kathleen Reinhardt, die Kuratorin des Deutschen Pavillons in den Giardini, hat die Ausstellung 2026 mit Werken der beiden Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu unter den mehrdeutigen Begriff „Ruin“ gestellt. Das Wort beschreibt einerseits einen Zustand völligen Zusammenbruchs, der Zerstörung oder des Untergangs. Es lässt sich auch als englisches Verb einer zerstörerischen Aktivität verstehen, to ruin oder als ein Substantiv, das die Überreste eines verfallenen, teilweise eingestürzten oder zerstörten Bauwerks beschreibt. Diese etwas ruinöse Tonalität ist von der Kuratorin bewusst gesetzt und mit dem übergeordneten Biennale-Titel In Minor Keys, auf Deutsch so viel wie „In Moll“ in Beziehung gebracht.
Henrike Naumann, Sung Tieu und Kathleen Reinhardt (von links nach rechts) | Foto: Victoria Tomaschko
Polyphone Vergangenheit
In der Kunst von Sung Tieu und Henrike Naumann sieht Reinhardt sich überlagernde formale, politische, soziale und historische Implikationen, die das Publikum anregen sollen, „Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte als polyphon und multiperspektivisch zu verstehen, Gegensätzen Raum zu geben und widerständig in ihnen zu agieren.“ Tatsächlich bezieht der deutsche Beitrag zur internationalen Weltausstellung 2026 pointiert Stellung zur deutschen Geschichte und Gegenwart, ästhetisch, politisch und poetisch.Die Fassade als Plattenbau-Ruine
Überraschend ist schon der erste Anblick des Pavillons. Sung Tieu, die deutsch-vietnamesische, 1987 in Hải Dương, Vietnam, geborene Künstlerin, hat dem Äußeren des Ausstellungsgebäudes die Anmutung einer Ruine verpasst. Mithilfe von rund drei Millionen Mosaiksteinchen wurde die Fassade und die Außenseiten des Bauwerks in monatelanger Vorarbeit für diesen Sommer temporär mit einem Bild einer modernistischen DDR-Plattenbau-Ruine „überschrieben“. Sung Tieu bringt damit ein ganz persönliches wie auch politisches Thema nach Venedig, denn als Kind wohnte sie Mitte der 1990er-Jahre in diesem Haus in Ost-Berlin, das in den 1980er-Jahren als Wohnheim für sogenannte „Vertragsarbeiter“ aus Vietnam diente.
Sung Tieu, Human Dignity Shall Be Inviolable, 2026 | Courtesy the Artist. Foto: Andrea Rossetti
Vertragsarbeit und Familiengeschichte
Mit diesen Arbeitskräften aus dem sozialistischen „Bruderland“ Vietnam versuchte die DDR-Regierung den damaligen Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Sie wurden in Wohnheimen untergebracht, in denen sie streng reglementiert und von der übrigen Bevölkerung auch isoliert lebten. Ihre Geschichte ist auch fast 40 Jahre nach dem Ende der DDR noch zu wenig bekannt. Der Vater der Künstlerin kam 1987 als 27-jähriger Mann aus Vietnam in die DDR, um in einer Edelstahlfabrik in Freital bei Dresden zu arbeiten. Sung Tieu und ihre Mutter zogen 1992, kurz nach der Deutschen Einheit von Vietnam nach Deutschland. Dem Zusammenhang von Familienbiografie, Arbeit, Politik und Geschichte zwischen Deutschland und Vietnam spürt Sung Tieu auch im Inneren des Pavillons nach, wo in den beiden seitlichen Ausstellungsräumen mit mehreren Skulpturen und Installationen die Biografie ihrer Mutter adressiert wird. Es geht um den zumeist unbeachteten Heroismus im alltäglichen Schuften, um die Hoffnung auf Glück und Erfolg und um den Durchhaltewillen und das Überleben in einer kräftezehrenden Wirklichkeit einer neuen, kalten Heimat.Henrike Naumanns Vermächtnis
Familienbiografie, Arbeit, Politik und Geschichte spielen auch eine Rolle im mittleren Ausstellungsraum, in dem Werke von Henrike Naumann gezeigt werden. Die Berliner Künstlerin starb während der Vorbereitungen im Februar 2026 nach kurzer schwerer Krankheit im jungen Alter von 41 Jahren in Berlin. Auch aus diesem Grund lässt sich ihr Beitrag als eine Art Vermächtnis interpretieren. Bekannt wurde Naumann, geboren 1984 im sächsischen Zwickau, durch radikale Installationen aus Möbeln, Designobjekten, Teppichen und Videoarbeiten.Gemütlichkeit als Kampfansage
Für ihren Beitrag entschied sich die Künstlerin, den Deutschen Pavillon auszupolstern, gemütlich zu machen. Sie arbeitet der faschistischen Architektur mit bunten Vorhängen und Polster-Bildern entgegen. Denn Gemütlichkeit, so wird die Künstlerin im Katalog zitiert, sei die „schlimmste Vernichtung“ für diesen umkämpften Ausstellungsraum, dessen Architektur aus den 1930-Jahren Faschismus atmet: „Den ganzen Dreck nicht immer wieder wundernd und kopfschüttelnd auszugraben und erschüttert zu sein, sondern zu sagen: Das ist die Normalität, mit der wir aufgewachsen sind, und die Realität, die dieses Land geprägt hat und weiter prägen wird. Wir machen es uns im Deutschen Pavillon gemütlich, und spüren an allen Ecken und Kanten, dass es gemütlich hier nicht gibt“.DDR-Kunstgeschichte im Verborgenen
Eines der beiden großformatigen Tableaus bezieht sich auf ein historisches Wandbild des 1997 gestorbenen Großvaters Karl Heinz Jakob, der als Künstler in der DDR arbeitete. Jakob schuf das Monumentalbild Die Mechanisierung der Landwirtschaft Anfang der 1960er-Jahre ursprünglich für den Plenarsaal des Rates des Bezirks in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Das Werk ist heute hinter einer Wand verborgen. Damit verweist die Künstlerin auf die Kunstgeschichte der DDR, die nach 1990 vielerorts aus dem öffentlichen Raum verschwand. Die Zeichen sind zu rätselhaften Hieroglyphen erstarrt, die nur noch mühsam entziffert werden können. Und dennoch spielt diese Vergangenheit auch heute noch eine Rolle, wenn es um die langfristigen Auswirkungen der deutsch-deutschen Geschichte und die verschiedenen kulturellen Prägungen in Ost und West geht, die hintergründig den Alltag im gegenwärtigen Deutschland bestimmen.Vertikal tanzende Trümmerfrauen
An ausgewählten Terminen begleitet die venezianische Tanzgruppe Il Posto die Ausstellung mit der Performance Trümmerfrau. Zwei Tänzerinnen seilen sich an der Stirnwand der Ausstellungshalle ab und machen den Raum zur Bühne für ihre zuckenden und fließenden Bewegungen. Der viertelstündige Auftritt wird musikalisch von Techno, Punk und einer Brecht-Interpretation der italienischen Sängerin Milva getragen. 1932, kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, veröffentlichte Brecht seinen Gedichtzyklus Vier Wiegenlieder einer proletarischen Mutter. Darin geht es um die Angst der Mutter um die Zukunft ihres Kindes in einer zunehmend feindlichen Welt. Der Kampf für Menschlichkeit ist auch heute aktuell. Auf poetische Weise plädiert die Kunst in Venedig dafür, diesen Kampf ernst zu nehmen und niemals aufzugeben.Mai 2026