„Rosenstöcke sind wie Familien. Beide muss man stutzen.” Ist persönliche Freiheit gemäß diesem Filmzitat erst gegeben, wenn man Familienmitglieder abschneidet? Ein Film über Familienbande, Trauma und Heilung.
In einer spanischen Luxus-Villa leben die vier US-amerikanischen Geschwister Jack, Ed, Anna und Robert gemeinsam mit ihrem blinden Vater. Sie sind isoliert von der Außenwelt und müssen aufgrund ihres Reichtums nicht arbeiten. Die Geschwister scheinen stark abhängig voneinander zu sein. Und sie scheinen sich gegenseitig ständig in Sachen Äußerlichkeiten bestätigen zu müssen: Sehe ich schön aus? Gefällt dir meine neue Sonnenbrille?Blick in Abgründe
Totschlag. Manipulation. Intrigen. Lügen. Inzest. Psychoterror. Patriarchat. Rosebush Pruning (2026), eine Koproduktion mit italienischer, deutscher, spanischer und britischer Beteiligung, ist kein Film für schwache Nerven. Trotz oder gerade wegen (?) der teilweise sehr extremen Szenen bringt der Film existenzielle Themen auf den Tisch: Wer bin ich ohne meine Familie? Was sind meine Werte?Erst durch die Präsenz einer Person außerhalb des Familienkerns treten die Dysfunktionalitäten der vier Geschwister ans Licht.
In jeder Familie gibt es Verhaltensregeln und einen unausgesprochenen Kodex. Bei jeder Familie stehen bestimmte Dinge im Vordergrund. Von großer Bedeutung sind bei den Geschwistern Jack, Ed, Anna und Robert auffallend weiße Zähne und teure Modemarken wie etwa Bottega, Chanel, Miu Miu, Balenciaga oder Cartier. Aber auch, die wahre Liebe zu finden. Das scheint dem ältesten Bruder Jack (Jamie Bell) zu glücken, als er die junge Studentin Martha kennenlernt, eine angehende Konzert-Gitarristin, gespielt von Elle Fanning.
Seine Beziehung zur eigenen Familie kommt für Jack auf den Prüfstand, als Martha seine Familie kennenlernen möchte. Als er seine Verlobte zum Essen mitbringt, versucht er das Gleichgewicht zwischen dem Familienkodex und seiner Loyalität und Liebe gegenüber Martha zu wahren. Aber Jack wird schnell klar, dass er sich entscheiden muss.
Blutige Tragödie
Familie sucht man sich nicht aus. „Blut ist dicker als Wasser”, heißt es. Reichen diese Erkenntnisse, um sich Trauma und Destruktivität auszusetzen? Ein Rosenstock muss gestutzt werden, um vital und gesund zu bleiben und zu wachsen, aber auch, um blühen zu können.Die Blut-Symbolik ist in Rosebush Pruning zentral. Blut als Zeichen des Todes. Menstruationsblut als Zeichen von Jugend, Sexualität und Fertilität. Blut als Zeichen von Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Trauer. Der Aufbau der Handlung erinnert an eine griechische Tragödie.
Regie führte der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz. Das Skript ist vom griechischen Drehbuchautor Efthimis Filippou und basiert auf Marco Bellocchios Roman Mit der Faust in der Tasche (I pugni in tasca,1965). Filippou ist unter anderem für seine Arbeit mit Yorgos Lanthimos bekannt. Die Parallelen zu Dogtooth (2009) sind in Rosebush Pruning nicht zu übersehen: eine von der Außenwelt isolierte Familie, die von einem dominanten Vater gelenkt wird.
Aïnouz zeichnet in Rosebush Pruning das überdeutliche Bild einer dysfunktionalen reichen Familie und übt in überspitzter Satire scharfe Kritik an der traditionellen patriarchalen Ordnung. Der Wechsel zwischen Close-Ups und Vogelperspektive und der Wechsel von schnellen Schnitt-Szenen und langen Sequenzen unterstreichen das Chaos und das unterdrückte Trauma.
Schmerzhafte Schnitte
In den letzten Minuten des Films ertönt der melancholische Klang der Bouzouki. Man sieht die Figuren aus der Vogelperspektive. Ein bekanntes griechisches Lied aus den 70er-Jahren. Lefteris Papadopoulos singt in Epefte vathia siopi (Es fiel tiefes Schweigen) über gefallene gelbe Blätter und eine rote Wunde, die nicht heilt:Eine rote Wunde irgendwo,
die sich nicht schließen will.
Die kleine Kapelle
neben der Quelle.
Und ein gelbes Schweigen
in unserem alten Wald –
wie soll ich dich vergessen,
dich, den die Erde nahm.
Abschneiden tut weh. Stell aber manchmal eine Überlebensstrategie dar. Wann haben Sie zuletzt Rosen geschnitten?
Februar 2026