Berlinale Talents 2026   Wie die Berlinale die Filmkritik stärkt

Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Talents-Programm sprechend angeregt miteinander
Ein Ort des Austauschs und der Vernetzung – das Berlinale-Talents-Programm © David Ausserhofer, Berlinale 2023

Berlinale Talents lädt dieses Jahr wieder aufstrebende Kreative aus aller Welt ein und bietet eine wichtige Plattform für Vernetzung, Dialog und Wissenstransfer. Auch die Filmkritik rückt hier in den Mittelpunkt – mit dabei ist Vedant Srinivas aus Indien. Doch dort wie vielerorts steht diese Disziplin spürbar unter Druck.

Jedes Jahr lädt die Berlinale aufstrebende Filmschaffende aus aller Welt in ihr Programm Berlinale Talents ein. Das internationale Förderprogramm wählt eine bemerkenswerte Vielfalt an Kreativen aus unterschiedlichen Filmbereichen aus. In diesem Jahr nehmen 200 Talente teil, die sich auf Regie, Kamera, Kuration, Kostümdesign, Musikkomposition, Fotografie, Schauspiel und Filmkritik spezialisieren und am einwöchigen Programm mitwirken.

Workshops, Panels und Netzwerkarbeit 

Die jungen Fachleute kommen im Radialsystem in Berlin zusammen, einem ehemaligen Pumpwerk, das in einen Ort der Künste verwandelt wurde. Dort nehmen sie an Workshops teil und beteiligen sich an Paneldiskussionen. Das Talents-Programm bietet zudem eine Gelegenheit zum Netzwerken: Das Berlinale Talents Lab präsentiert Projekte von Alumni, während der Talent Project Market Ehemalige unterstützt, die Produktionspartner*innen suchen.

Ein wichtiger Bestandteil des Programms ist die Filmkritik. In diesem Jahr gehören sieben Kritiker*innen aus Bulgarien, Ghana, Indien, Nepal, Südafrika, dem Vereinigten Königreich und den USA zur Gruppe. Unter ihnen ist Vedant Srinivas, ein indischer Filmkritiker und Journalist, dessen interdisziplinäres Profil auch Programmierung und Kuration umfasst.

Sichtbarkeit für einen Nischenbereich

Während sich Srinivas auf seine Zeit bei der Berlinale vorbereitet, sagt er, dass er sich auf inspirierende Präsenzveranstaltungen und zahlreiche Filmvorführungen freue – ebenso wie auf die Möglichkeit, langfristige Verbindungen zu Mentor*innen und anderen Talents-Teilnehmenden aufzubauen. Da Talents-Programm zu den wichtigsten Networking-Plattformen der Berlinale gehört, hofft er, dass sich daraus zukünftige Kooperationen ergeben.

„Ich bin wirklich froh und dankbar, gesehen und anerkannt zu werden“, sagt Srinivas. „Kuration und Kritik sind Nischenfelder und erhalten meist nicht die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sie verdienen. Deshalb finde ich es sehr ermutigend, als angehender Programmgestalter und Kritiker bei Talents dabei zu sein.“
Foto von Talent-Teilnehmer Vedant Srinivas

Vedant Srinivas

Filmkritik unter Druck

Da Journalismus und Filmkritik weltweit unter Druck stehen und in Ländern wie Indien keine formale Ausbildung in diesem Bereich existiert, hält Srinivas die Lage für besorgniserregend. „Dieser Wandel betrifft die Geisteswissenschaften insgesamt und Disziplinen wie Filmwissenschaft bekommen hier die volle Wucht zu spüren. Ebenso problematisch ist jedoch ein veraltetes Denken, das auf streng disziplinärem Wissen beharrt“, fügt er hinzu.

Es sei eine traurige Realität, dass Filmkritik kaum noch als Vollzeitberuf möglich ist. Zeitungen stellen keine Kritiker*innen mehr ein, und Freischaffende finden immer seltener Plattformen, um ihre Texte unterzubringen. Viele müssten heute mehrere Disziplinen verbinden und Verknüpfungen suchen, die „allem widersprechen, was traditionelles Silodenken vorgibt“.

Dabei sind ausgebildete Kritiker*innen ein entscheidender Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft. Ohne ihre Filmkritiken und kritischen Texte riskieren Zuschauerinnen, schlecht informiert zu bleiben.

Kritische Stimmen der globalen Filmindustrie stärken

„Ich komme immer wieder auf etwas zurück, das Foucault im Kontext der Kritik gesagt hat – eine Art Kritik, die ‚nicht urteilen, sondern einem Werk, einem Buch, einem Satz, einer Idee Leben einhauchen würde; die Feuer entzünden, Gras wachsen sehen, dem Wind lauschen und den Schaum der Meeresbrandung im Wind auffangen und verstreuen würde. Sie würde nicht Urteile vermehren, sondern Zeichen des Daseins‘“, sagt Srinivas.

Für ihn ist dies ein Beleg für die reichhaltige interdisziplinäre Vision des Talents-Programms, in dem alle filmbezogenen Disziplinen – von Regie und Kamera über Montage bis Kostümdesign und Kuration – gleichwertig behandelt werden. 

An dieser Stelle lenkt Srinivas den Blick auf eine besondere Stärke von Festivals: „Es ist Festivals wie der Berlinale, Locarno oder auch dem Festival in Gent zu verdanken, dass junge Kritiker*innen, Programmgestalter*innen und Branchenvertreter*innen aus aller Welt Zeit mit etablierten Kulturschaffenden verbringen und von ihnen lernen können. Ein großes Kompliment an das Talents-Programm dafür, dass sie dies ermöglichen“.

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