Eine Ahnensuche  Eine wie keine und eine wie viele

Klasssenfoto aus dem besprochenen Buch
Klassenfoto aus dem besprochenen Buch © Foto: Henning Sußebach / Familienbesitz

Der Journalist Henning Sußebach hat ein bewegendes Buch über seine Urgroßmutter geschrieben, die – gegen einige Widerstände – ihren Weg machte. Das scheinbar unscheinbare Leben dieser Frau in der Provinz erzählt sehr anregend über die Vergangenheit.

Frühjahr 1887: In Cobbenrode, einem Ort tief im Sauerland, kommt die neue Dorfschullehrerin an. Es ist die damals zwanzigjährige Anna Kalthoff – die Urgroßmutter des ZEIT-Reporters Henning Sußebach. Sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist ihr gewidmet. Zu Beginn sinniert Sußebach über den Tod: Jeder Mensch sterbe zweimal, zunächst biologisch, dann sozial, wenn nämlich der verstorbene Mensch vergessen werde. „Normalen Menschen“ wie Anna Kalthoff werden üblicherweise keine Pyramiden, Mausoleen oder Denkmäler gebaut, keine Straßen werden nach ihnen benannt.

Anfangs wusste Sußebach kaum etwas über seine Uroma, er findet lediglich ein paar Fotos sowie wenige Dokumente und Dinge, die etwas über sie erzählen. Niemand in der Familie kann verlässlich Auskunft geben über die 1932 verstorbene Vorfahrin. Sie drohte ins Dunkel des Vergessens zu versinken. Das hat den Ehrgeiz des ZEIT-Reporters geweckt, sie ihrem endgültigen sozialen Tod zu entreißen. Also hat er Kirchenbücher gewälzt, Flurkarten betrachtet und in diversen Archiven und Museen recherchiert, um die Lebensgeschichte Anna Kalthoffs zu rekonstruieren.

Sußebach: Anna oder: Was von einem Leben bleibt (Buchcover) © C.H. Beck

„Bekomme ich dann einen Buckel?“

Geboren wird Anna 1866 in einem kleinen Örtchen namens Horn, etwa 65 Kilometer von Cobbenrode entfernt. Als sie zwölf Jahre alt ist, stirbt der Vater. Zurück bleibt die Mutter mit acht minderjährigen Kindern. In den folgenden Jahren werden Annas ältere Schwestern verheiratet, ihre Brüder ziehen weg, einer reist gar im Alter von 18 Jahren über den Atlantik, bleibt aber wohl glücklos und stirbt Jahre später in einer Sammelunterkunft für Arbeiter in Kalifornien: „Ein Bruder, der in Amerika vergeblich nach dem Glück gesucht haben wird. Sätze im Futur, im Futur II, Privileg eines Nachfahren, der wie ein Zeitreisender durch die Epochen springt, vorwärts und rückwärts.“

Anna ist noch zu jung zum Heiraten, doch ihr wird klar, dass ihre Optionen für den weiteren Lebensweg überschaubar sind. Als Magd, Dienstmädchen oder als „Tante“ im Haushalt ihrer älteren Schwestern möchte sie nicht enden. Da erscheint die Idee, Lehrerin zu werden, relativ verlockend, auch wenn sie in ihrer kindlichen Fantasie gefragt haben soll: „Bekomme ich dann einen Buckel?“ Das ist eine der wenigen Anekdoten, die man in der Familie über sie kolportiert. Diese ängstliche Frage hatte damals einen ernsten Hintergrund: „Lehrerin wurden oft jene, die auf dem Hochzeitsmarkt übrigblieben, die keinen Mann fanden, weil sie nicht normschön waren.“

Von der Dorflehrerin zur Patriarchin

Sußebach rekonstruiert Annas Leben Stück für Stück. Viel Erstaunliches tritt zu Tage: Ihre verbotene, weil nicht standesgemäße Liebe zum vier Jahre jüngeren Clemens Vogelheim, Kaufmannssohn und „Dorfprinz“. Erst zwölf Jahre später, nach dem Tod von Clemens‘ Vater, werden die beiden heiraten. Lehrerin darf sie allerdings nicht bleiben, denn der Staat verbietet es verheirateten Frauen, diesen Beruf auszuüben. Das Eheglück hält jedoch nur wenige Monate, weil Clemens tödlich verunglückt. Danach wird sie dank des Testaments ihres Mannes und gegen den Widerstand der Familie Vogelheim zur Patriarchin, Gastwirtin, Postdirektorin, Großhändlerin und alleinerziehenden Mutter eines Sohnes.

Nach sechs Jahren überrascht Anna ihre Familie und das Dorf erneut: Sie verliebt sich in den 19 Jahre jüngeren Lehrer Bernhard und heiratet ihn. Etwa ein Jahr nach der Hochzeit kommt ihre gemeinsame Tochter Maria zur Welt, die Großmutter des Autors. Gemeinsam mit dem Sohn aus erster Ehe bilden die vier „eine frühe Patchwork-Familie“, wobei damals eher „Begriffe aus Märchen“ wie Stiefvater, Stiefsohn und Stiefschwester gebraucht wurden.

Ein erzählerisches Sachbuch im besten Sinne

Die vielen Lücken, die sich aus der dünnen Quellenlage ergaben, füllt Sußebach äußerst geschickt. Er weitet den Blick, indem er Annas Lebensgeschichte in den historischen Kontext vom preußischen Königreich bis zum Ende der Weimarer Republik einbettet. Zusätzlich stellt er anregende Mutmaßungen an, wie es in manchen Situationen gewesen sein könnte, was Anna vielleicht gedacht hat. Gerade die vielen erzählerischen Elemente machen die „Figur“ Anna so lebendig.

Sußebach ist also ein erzählerisches Sachbuch im besten Sinne gelungen. Er verpackt Geschichte in Geschichten und entdeckt in seiner Uroma eine eigenwillige Frau, „die eine wie keine war und eine wie viele“.  Ihr Leben ist für ihn auch prototypisch. Anna entwickelte sich zu einer emanzipierten, selbstbestimmt lebenden Frau: „Ob Anna in der Geschichte der Frauenbewegung als frühe Auslöserin oder spätere Mitwirkende einzuordnen ist – schwer zu beantworten.“

Nicht zuletzt stellt das Buch Fragen an uns Gegenwärtige, die wir uns den Vergangenen überlegen fühlen und sie allzu gerne und leichtfertig be-, manchmal verurteilen. Begreifen wir, dass auch wir lediglich „Vorübergehende“ sind? Sind wir wirklich die „geeigneten Richter“ für Vergangenes? Sußebach endet nachdenklich: „Die Zeit gleitet wie die Lichtleiste eines Kopierers über die Generationen hinweg: Auf Dunkel folgt kurz hell, dann wird es wieder dunkel. Es geht schnell.“
Henning Sußebach: Anna oder: Was von einem Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter.
München: C.H. Beck, 2025, 205 S.
ISBN: 978-3-406-83626-8
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.