Am 25. Juni 2026 jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag der in Klagenfurt geborenen Schriftstellerin und Lyrikerin Ingeborg Bachmann. Und am 28. Juni 2026 wird zum 50. Mal der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Wie blickt die ehemalige Jurysprecherin Insa Wilke auf den Wettbewerb und auf die Bedeutung Ingeborg Bachmanns für die heutige Literatur?
Liebe Insa Wilke, 2018 sind Sie Jurorin bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt geworden, von 2021 bis 2023 wirkten Sie zudem als Jurysprecherin. Nachdem Sie sechs Jahre lang im Frühsommer vor Ort gewesen sind: Welche Bedeutung hat die Stadt Klagenfurt heute noch als Austragungsort des Literaturwettbewerbs im Kontext von Ingeborg Bachmanns Leben und Werk?
Es ist ein kleines Wunder, dass die Stadt es geschafft hat, ein halbes Jahrhundert lang Gastgeber für den „Bewerb“, wie man dort sagt, zu sein. Auch, wenn es nach der Pandemie und den Lockdowns eine spürbare Delle gegeben hat, weil weniger Kolleg*innen angereist und die ökonomischen Rahmenbedingungen für alle schwieriger geworden sind, bin ich sicher: Die Kontinuität wird sich auszahlen.
Wir brauchen Orte wie diese und ritualisierte Wiederholungen, auf die sich alle verlassen können. Wir brauchen auch die Begegnung mit dem Klagenfurter Publikum und den Angereisten, das macht ja gerade den Charme aus. Paradoxerweise sind nur so Veränderungen möglich. In Klagenfurt haben sich immer wieder recht früh Öffnungen gezeigt, die erst später richtig wahrgenommen wurden. Tomer Gardi hat dort beispielsweise gelesen. Er wurde damals mit seinem ästhetischen Programm nicht verstanden, aber es wurde mit ihm sichtbar, und das hat einen Unterschied gemacht.
Aber Sie zielten mit Ihrer Frage mehr auf den Zusammenhang mit Ingeborg Bachmann, nicht wahr? Ein heimlicher Auftrag ist vielleicht, es anders zu machen als die Literaturszene, in die Ingeborg Bachmann als sehr junge Frau in Wien geriet. Die verhalf ihr zwar auch zur Sichtbarkeit, aber verlangte sozusagen Gegenleistung in Form von Unterordnung.
Man könnte den Spieß jetzt umdrehen: Klagenfurt schmückt sich mit seiner später berühmt gewordenen Autorin und sorgt im Gegenzug dafür, dass den heutigen Autor*innen und ihrer Arbeit auf Augenhöhe begegnet wird. Das wäre die Vision. Augenhöhe heißt dabei nicht, dass man nicht kritisieren darf. Aber es muss klar sein, wer die Hauptpersonen sind: Es sind diejenigen, die das Zentrum der „Tage der deutschen Literatur“ produzieren und dieses Zentrum ist der Text. Und sein Publikum, die Leser*innen.
Die Aura des Ortes macht dabei genau das Paradoxe aus: der blaue See und die braune Vergangenheit, das enthusiastische Publikum und die politische Gegenwart, die Tradition und der Versuch, mit ihr zu brechen.
Es geht nicht nur um Ästhetik, es geht um Wettbewerb, es geht um Öffentlichkeit, es geht um Politik. Das gilt für die Auseinandersetzung mit dem Leben und Arbeiten von Ingeborg Bachmann, und es gilt für das Klagenfurter Wettlesen.
Selten. Helga Schubert war eine der wenigen, die explizit auf Ingeborg Bachmann angespielt hat. Und sie war da schon 80 Jahre alt. Es wäre auch seltsam, wenn der Bewerb so historistisch ablaufen würde. Das tut er glücklicherweise nicht. Literatur ist lebendig und muss ihre eigenen Fragen stellen, ihre eigenen Formen finden, wenn sie es ernst meint. Aber der Name ist trotzdem wichtig, allein, weil er dieses zwiespältige Gefühl erzeugt, das den Bewerb und seine Bedingungen spiegelt: Es geht nicht nur um Ästhetik, es geht um Wettbewerb, es geht um Öffentlichkeit, es geht um Politik. Das gilt für die Auseinandersetzung mit dem Leben und Arbeiten von Ingeborg Bachmann, und es gilt für das Klagenfurter Wettlesen.
Als Literaturveranstalterin und Literaturkritikerin kennen Sie viele junge Autor*innen. Setzen diese sich heute noch mit Ingeborg Bachmann auseinander? Ist sie ein Fixpunkt für zeitgenössische Literatur?
Ich habe neulich in Berlin einen Abend im Haus für Poesie zur Lyrikerin Ingeborg Bachmann moderiert. Es war rappelvoll, und es waren sehr viele junge Leute im Publikum. Insofern scheinen Werk und Figur für die jüngere Generation eine Rolle zu spielen. In der Literatur ist das nicht auffällig in meinen Augen.
Man kann das gut an den Motti sehen, die aktuellen Büchern vorangestellt werden. Ein Zitat von Ingeborg Bachmann ist selten dabei. Dabei ließe sie sich momentan sehr gut zitieren, vor allem aus ihren Reden. Ihre Poetik ist sehr der Nachkriegszeit verhaftet, und es gibt da dieses Zwiespältige, was sie gerade interessant macht: diese vielleicht nicht immer ganz bewusste Auseinandersetzung mit Schuld. Meiner Meinung nach geraten wir gerade in eine Zeit, in der man ihre Texte in diesem Sinne neu lesen kann. Sie spiegeln heute wieder etwas von uns. Es ist nicht gerade angenehm, das zu erkennen.
Da Sie einige Jahre gestaltend dabei waren und heute von außen auf die „Tage der deutschsprachigen Literatur” schauen: Würden Sie bestätigen, dass der Wettbewerb und seine Auszeichnungen in der Bedeutung für die Literatur im deutschen Sprachraum ganz oben steht und seit jeher eine maßgebliche Bühne für neue und junge literarische Stimmen ist?
Ja, bestimmt. Aber die Probleme mit der Aufmerksamkeitsökonomie betreffen auch den Bewerb. Nach innen ist er wichtig, und auch das Spiel der verschiedenen Instanzen um die „richtige“ Lesart ist demokratische Praxis. Aber er ist nicht mehr eines der zentralen Rituale, das wie eine Pflichtveranstaltung wahrgenommen wird. Öffentlichkeit hat sich fragmentiert, es gibt mehr Orte, Formen, Möglichkeiten. Das macht es für alle schwieriger, noch einen gemeinsamen Nenner der Wahrnehmung zu finden.
Ingeborg Bachmann hatte 1952 einen Auftritt bei einer Zusammenkunft der Gruppe 47, deren Preis sie 1953 gewann. Es folgte ihr literarischer Durchbruch. Was den Ablauf angeht, gibt es Parallelen zwischen denen der Gruppe 47 und dem Bachmann-Wettbewerb. Hier wie da lesen die Autor*innen selbst unveröffentlichte Texte, bei beiden Events folgt auf die öffentliche Lesung eine bisweilen harte und zugespitzte Jury-Diskussion. Den Schriftsteller*innen ist es nicht erlaubt (gewesen), in die Diskussion einzugreifen. Insgesamt ein Procedere, das für manche Teilnehmende nicht leicht auszuhalten war und ist. Was spricht dennoch für diesen offenen und öffentlichen, heutzutage auch medial inszenierten Diskurs?
Ein wesentlicher Unterschied zu damals ist, dass es bei den Treffen der Gruppe 47 schreibende Kolleg*innen waren, die diskutiert haben. Jetzt sitzen mehrheitlich Kritiker*innen oder Wissenschaftler*innen in der Jury. Das ist in meinen Augen auch gut so. Aber die Frage, ob Autor*innen die besseren Leser*innen sind, ist ein anderes Thema.
Die Kritik an den Spielregeln gehört zum Bewerb wie der blaue See. Wer anreist, weiß, wie die Regeln sind. Und die meisten können damit umgehen. Meine Erfahrung ist auch eher, dass die Jury den Schleudersitz einnimmt, weil es das Publikum und die weitere Öffentlichkeit gibt, alle den Text hören und also ihr eigenes Urteil bilden können. Die Jury hingegen redet sich um Kopf und Kragen - und alle schauen zu. Es ist ein Spiel, und wie in allen Spielen gibt es einen ernsten Anteil.
Am Ende entscheidet, ob der Text mich sprachlich packt.
Ich schaue mir die eingegangenen Bewerbungen an und suche parallel nach interessanten Stimmen, die ich dann ebenfalls um eine Bewerbung bitte. Das Kriterium hängt vom Kontext des Bewerbs ab: Welche Themen liegen in der Luft, welche Perspektiven möchte ich da hinbringen, welche Schreibweisen. Am Ende entscheidet, ob der Text mich sprachlich packt. Das geschieht nie über das Thema, immer über die sprachliche Form. Und ob der Text zu der Situation in Klagenfurt passt, denn ein Romanausschnitt funktioniert in der Regel nicht auf der kurzen Strecke.
Wenn Sie die Wettbewerbe Revue passieren lassen, an denen Sie als Jurorin und Jury-Sprecherin teilgenommen haben – gibt es den einen oder anderen literarischen Lieblingsmoment, eventuell auch im Nachgang?
Das waren immer die Momente, in denen ich die Texte entdeckt habe, die ich dort vorstellen wollte. Und glückliche Momente sind es dann, wenn sich mein Eindruck mit dem einer anderen Person aus der Jury deckt, wenn ich nicht mehr allein bin mit meiner Lektüre.
Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel. Vorausgesetzt die Finanzierung ist gesichert: Wird es den „Bewerb“ in Klagenfurt auch zum 110. Geburtstag von Ingeborg Bachmann noch geben und wenn ja, warum?
Das hoffe ich doch. Denn wie schon gesagt: Wir brauchen solche Orte und Traditionen, um uns verändern zu können. Und wir brauchen solche Orte der kollektiven Auseinandersetzung, die sich auf einen gemeinsamen Gegenstand bezieht.
Juni 2026