Svenja Leibers historischer Roman über eine Zwangsarbeiterin im Zweiten Weltkrieg  Ein Blick zurück im Zorn

Osteuropäische Zwangsarbeiterinnen in Berlin während des Zweiten Weltkrieges
Osteuropäische Zwangsarbeiterinnen in Berlin während des Zweiten Weltkrieges © Deutsches Historisches Museum in Berlin

Wie schon in ihren Romanen „Kazimira“ (2021) und „Das letzte Land“ (2014) handelt es sich auch bei Svenja Leibers neuestem Buch um eine historische Erzählung. Im Mittelpunkt steht Nelka, die während des Zweiten Weltkrieges von deutschen Soldaten aus Lemberg in der damaligen Sowjetunion in ein Dorf in Schleswig-Holstein verschleppt wird.
 

Sich nicht erinnern ist nicht dasselbe wie vergessen.
Nelka Lechner, Titelheldin des für den deutschen Buchpreis 2026 nominierten Romans, lebt in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in der seit 1939 von sowjetischen Truppen besetzten polnischen Stadt Lemberg (heute: Lwiw, Ukraine). Doch im Sommer 1941 marschieren die Deutschen ein. Nelka, die sechzehnjährige Tochter eines deutschstämmigen Vaters und einer polnisch-jüdischen Mutter, wird von Soldaten nach Deutschland verschleppt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Jahrelang wird sie auf einer Obstplantage in Schleswig-Holstein vom ihr auf fast besessene Weise zugeneigten Verwalter Marten („Er kann sie nicht haben, aber er kann sie gebrauchen.“) zur Arbeit gezwungen und weist diesen in die von ihrem Vater während ihrer Kindheit erworbenen Kenntnisse über den Anbau von Äpfeln ein. Nach dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kehrt die nach einer Vergewaltigung durch den Verwalter schwangere Nelka, begleitet vom jungen Russen Iwan, zurück nach Lemberg. Anfang der 1990er Jahre reist sie erneut nach Deutschland, um ihren einstigen Peiniger, inzwischen ein erfolgreicher Apfelbauer, zu konfrontieren.
Der Anblick seines Gesichts trifft sie härter, als sie erwartet hätte. Dabei ist dieses Gesicht verfallen, fünf Jahrzehnte sind darüber gegangen.
Nelkas Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Sie beginnt ihr Buch in einer Erzählgegenwart, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre mit dem Besuch der mittlerweile über sechzigjährigen Nelka beim „Verwalter“ Marten. In der zweiten Ebene, der ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Erzählvergangenheit werden die Ereignisse während des Krieges geschildert.
 

Leiber: Nelka (Buchcover) © Suhrkamp

Die 1975 in Hamburg geborene Autorin erzählt mit klarer, schnörkelloser Stimme – glaubwürdig und detailreich recherchiert – vom Grauen der Schicksale der millionenfach als Zwangsarbeitende verschleppten Menschen, von denen einige den Kern dieses kompakten Romans ausmachen. Neben der jungen Nelka geht es um die Geschichten der zarten Margaryta und der ruppigen Schura aus Lemberg, aber auch um die der deutschen Haushaltshilfe Else und, später, des Russen Iwan. Ihre Entmenschlichung („Einer von ihnen, ein Mann mit immerhin erstklassigen Reitstiefeln, zählt einfach ab: eins, zwei, drei, vier … neunundzwanzig, dreißig. Schura ist die Zehn, Margaryta die Elf, Nelka die Zwölf.“), die unwürdigen Lebensbedingungen und unablässige Gewalt, der Nelka und ihre Leidensgenossinnen ausgesetzt werden, schildert Leiber mit einer Ruhe und Sanftheit, welche die willkürliche Natur dieser Gewalt umso ergreifender macht.

Lücken in der Erzählung füllen sich zwischen den Zeilen und entfalten eine besondere erzählerische Kraft. Dass die Vergewaltigungen Margarytas („‚Das Mannsvolk hält sich nicht an die Gesetze‛, sagt sie leise. ‚Du musst aufpassen.‛ Mehr sagt sie nicht und sieht Nelka an.”) und Nelkas nie konkreter Gegenstand des Geschehens sind, dass die absurd grausamen Bestrafungen und auch die Arbeit selbst selten im Detail beschrieben werden, macht den Zustand der permanenten seelischen Betäubung der Frauen erfahrbar. Dieser betäubte Zustand legt sich auch über die Seele Martens, einer in ihrer Ambivalenz ohnehin tragischen Figur, stellvertretend für eine ganze Generation von Mitläufern:
Irgendwer muss auch die Drecksarbeit machen. Und im Krieg ist es mit der Schuld etwas anderes, denkt er, auch wenn er weiß, dass das nicht stimmt. 
Svenja Leiber widmet der Figur des Marten gegen Ende des Buches noch mehr Platz, in dem die Erzählebenen durch die Nachkriegsgeschichte des Verwalters geschlossen werden. Eine freudlose, aber friedliche Ehe und der erfolgreiche Aufbau seines Obstanbaugeschäftes, aber auch die unerfüllt gebliebene Liebe zu Nelka und die aus der auf ihm lastenden Schuld resultierende Leere charakterisieren eine Generation von in den Faschismus hineingeborenen Deutschen, die, sei es durch äußere Zwänge, Schwäche oder Feigheit, keine Alternative dazu sahen, zu Tätern zu werden.
Lange denkt Marten nichts. Er hat alles gedacht. Ja, so war es. So war sein Leben.
Am Ende bleibt aber doch Nelka die einzige Person, die eine elaboriert konstruierte und nachvollziehbare Entwicklung aufweisen kann und damit die einzige wirklich komplexe Figur. Zum Glück widersteht Svenja Leiber der Versuchung, in eine Rachegeschichte abzurutschen und findet einen unterhaltsamen und eleganten Ton für ein häufig vernachlässigtes Kapitel der kriegerischen Geschichte Deutschlands.
Svenja Leiber: Nelka. Roman
Berlin: Suhrkamp, 2026, 204 S.
ISBN: 978-3-518-43276-1
Nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.