Klischees  Das Fünkchen Wahrheit

Wahr oder falsch? Die Deutschen lieben ihre Autos – und sie sind besessen von Ordnung und Regeln.
Wahr oder falsch? Die Deutschen lieben ihre Autos – und sie sind besessen von Ordnung und Regeln. Foto (Detail): © Susi Bumms

Stereotypen haben einen schlechten Ruf, sind oft übertrieben und man kann sich trefflich über sie lustig machen. Dennoch enthalten sie immer auch ein Fünkchen Wahrheit, das nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Ein Blick auf die fünf verbreitetsten Klischees über Deutsche.
 

Letzte Woche war ich in München und habe – obwohl ich mich redlich bemüht habe und höchste Aufmerksamkeit walten ließ – keinen einzigen pünktlichen Menschen in Socken und Sandalen gesehen. Keinen, der hastig Würstchen in sich hineinstopft, dabei ein Bier in der Hand hält, das größer ist als sein Kopf, und nebenbei völlig spaßbefreit willkürliche Regeln befolgt.

Die gängigen Klischees über die Deutschen sind also offensichtlich falsch. Oder?

Keineswegs, geschätzte*r Ausländer*in!

Stereotypen haben einen schlechten Ruf, sind oft übertrieben und man kann sich trefflich über sie lustig machen. Dennoch enthalten sie kostbare Fünkchen Wahrheit, die nur darauf warten, von uns gefunden zu werden. Lassen Sie uns fünf der verbreitetsten Klischees über Deutsche unter die Lupe nehmen.

Klischee 1: Deutsche sind unflexibel und besessen von Ordnung und Regeln.
Die Wahrheit: Ja und? Regeln sorgen für Entspannung.


„Ich liebe Regeln“, sagte mein deutscher Freund Jan, als er die Anleitung für ein neues Brettspiel studierte. „Sie entspannen mich.“

Wer ein Kleinkind hat, weiß, dass Regeln nicht der Feind sind. Ohne klare Regeln muss alles verhandelt werden. Verhandlungen kosten viel Zeit und Mühe, und am Ende gewinnt, wer die dunkle Gabe der Verhandlungskunst am besten beherrscht: im Fall eines Kleinkindes – Dinge durch die Gegend zu werfen.

Natürlich kann der deutsche Ordnungsdrang – wahrscheinlich ein Erbe der biederen, aber prosperierenden preußischen Vergangenheit – ein ziemlicher Schock sein, wenn man aus einer „High-Context“-Gesellschaft kommt, in der Regeln biegsamer sind als matschige Bananen. Deutschland ist eine „Low-Context“-Kultur, die allgemeingültige Vorschriften über Individualität stellt. Hier glaubt man, dass Untertöne überbewertet werden, dass nach einem tieferen Sinn suchen vergeudetes Suchen ist, dass Systeme befreiend und Regeln entspannend sind.

Wetten, nach einiger Zeit in Deutschland sehen Sie das genauso?

Klischee 2: Die Deutschen sind besessen von Versicherungen.
Die Wahrheit: Der beste Angriff ist eine gute Verteidigung.


Apropos Kleinkinder: Kürzlich war ich auf einem Spielplatz, wo ich auf eine ziemlich genervte Mutter zweier sehr ungestümer Zwillinge traf. „Wollen Sie wissen, was ich über Erziehung gelernt habe?“, fragte sie und schaute mich mit durchdringendem Blick an: „Ein Plan ist nur ein Wunsch.“

Die Deutschen haben den Ruf, risikoscheu zu sein. Woran das wohl liegen mag? Nun, man muss kein Geschichts-Nerd sein, um zu wissen, dass die Deutschen einen Großteil der letzten hundertzwanzig Jahre damit verbracht haben, in die eine oder andere Katastrophe zu schlittern. Oder damit, hineinzustürzen, angeschlagen aus ihr herauszukommen und sich von ihr erholen zu müssen – von der Weimarer Republik über das Dritte Reich bis zur Teilung in Ost- und Westdeutschland.

Die einzige Konstante war der Wandel. Die Deutschen wissen, dass auch gute Absichten zu schrecklichen Ergebnissen führen können, dass die Realität chaotischer ist als das Zimmer eines Teenagers, dass jeder Plan immer nur ein Wunsch ist und dass – um einen Satz aus dem Sport zu bemühen – der beste Angriff eine gute Verteidigung ist.

Versicherungen sind diese Verteidigung. Im Zweifelsfall – und zweifeln sollte man immer – ist man gut versichert auf der sicheren Seite.

Klischee 3: Die Deutschen haben einen Qualifikationsfetisch.
Die Wahrheit: Selbstdarstellung ist kein Ersatz für Kompetenz.


Eines Morgens saß ich bei meinem deutschen Arbeitgeber und aß einen Frühstückskeks (ein absolutes Muss!), als eine E-Mail eintraf, in der uns mitgeteilt wurde, dass wir uns alle zu einer *besonderen* Betriebsversammlung einfinden sollten: Die neue, sehr enthusiastische US-amerikanische CEO war eingetroffen. Wir trudelten ein, ich wischte mir noch einen Krümel vom Kinn und setzte mich. Die Tür öffnete sich. Herein preschte eine energetische Frau und hüpfte auf die Bühne wie eine Motivationstrainerin aus Las Vegas. Sie fand uns alle offenbar zu träge und forderte uns auf, uns hinzustellen. Wir sollten eine Reihe von „fist pumps“ machen, hierzulande bekannt geworden als die „Becker-Faust“, und dazu tierische Grunzlaute von uns geben. Dies sollte uns motivieren und näher zusammenrücken lassen.

Ich war wie elektrisiert und sprang sofort auf. Nicht so meine deutschen Kolleg*innen. Zu sagen, dass ihre Reaktion verhalten war, ist, als würde man behaupten, dass es ein seichtes Platschen gab, als die Titanic sank. Es war, als ob ihre Schuhe am Boden festklebten. Mega Fremdschäm-Moment. Auch die Amerikanerin erkannte ihren Fehler, schaltete erst einen Gang zurück – und dann noch siebenundzwanzig weitere.

Deutschland ist in seiner Geschichte schon von dem einen oder anderen charismatischen, aber inkompetenten Scharlatan in die Irre geführt worden. Daraus hat man gelernt: Heute stellen die Deutschen Kompetenz über Selbstdarstellung und Ausstrahlung. Das ist auch der Grund, weshalb deutsche Politiker*innen so stinklangweilig sind. Weshalb im Bundestag so wenig lustige Sprüche die Runde machen. Denn wenn die Menschen sich nicht auf ihr Bauchgefühl verlassen wollen, worauf verlassen sie sich dann? Auf Kompetenz.

Klischee 4: Die Deutschen lieben ihre Autos.
Die Wahrheit: Deutschland braucht seine Autoindustrie.


Als ich mich wieder einmal mit Deutsch lernen herumschlug – also herumsaß und mich bitterlich über die Eigenheiten der Sprache beschwerte – sagte meine Freundin Simone: „Du musst die Sprache nicht mögen, du musst sie nur respektieren. Einige der klügsten Dinge, die je geschrieben wurden, wurden in dieser Sprache verfasst.“

Gestern fuhr ich mit dem Fahrrad eine viel befahrene Straße entlang, um Frühstückskekse zu kaufen (man kann es nicht oft genug sagen: ein absolutes Muss!), als ein riesiger, glänzender, schwarzer Audi ansetzte, einen anderen, noch riesigeren, glänzenderen, blauen Audi zu überholen, und mich dabei um ein Haar zu menschlichem Brei verarbeitet hätte.

Ein nahezu tägliches Vorkommnis auf Neuköllns Straßen. Und während ich also die Faust ballte, mehrere Morde in meinem Kopf beging und versuchte zu verstehen, warum … da dachte ich an Simone. Die gesamte Gesellschaft in Deutschland ist um das Auto organisiert. Denn so vieles hier konnte nur dank der Autos aufgebaut werden. Autos sind nicht nur Transportmittel, sondern auch einer der größten Wirtschaftszweige des Landes. Man muss Autos nicht mögen. Aber wenn man hier lebt, sollte man in der Lage sein zu verstehen, warum sie einen so hohen Stellenwert haben.
Deshalb lieben es die Deutschen, die negativen, überholten Klischees über sich zu verbreiten: Machen Sie einen Witz pro Woche und Sie sind der Büroclown. Deshalb lieben es die Deutschen, die negativen, überholten Klischees über sich zu verbreiten: Machen Sie einen Witz pro Woche und Sie sind der Büroclown. | Foto (Detail): © Susi Bumms Klischee 5: Deutsche sind unfreundlich, schroff, ernst und humorlos.
Die Wahrheit: Das ist es, was sie uns glauben machen wollen.


Als ich nach Deutschland kam, fiel mir hier ein seltsames Phänomen auf: Diejenigen, die sich am meisten über deutsche Klischees lustig machten, das waren nicht etwa wir Ausländer*innen, sondern die Deutschen selbst (oft mit großem komödiantischem Effekt). Ich brauchte einige Zeit, um herauszufinden, warum. Es ist nicht für alle Länder gleich einfach, den ihnen zugedachten Stereotypen gerecht zu werden (oder ihnen zu trotzen, wenn sie negativ sind). Wissen Sie, wie sehr wir Brit*innen unter Druck stehen, lustig zu sein? Das ist kein Scherz. Und wie anstrengend muss es sein, wie Italiener*innen zu gestikulieren. Sogar Kanadier*innen brauchen manchmal eine Pause vom freundlich sein, oder? Den Mexikaner*innen wiederum müssen doch die Köpfe unter dem Gewicht der Sombreros schwer werden.

Manche Klischees verlangen ihren Landsleuten einiges ab. Nicht so die deutschen Stereotypen. Von Deutschen wird nur erwartet, dass sie humorlos, pünktlich und verklemmt sind. Machen Sie einen Witz pro Woche und Sie sind der Büroclown! Wer zehn Minuten zu spät zu einem Geschäftstreffen kommt, gilt als Aufrührer. Parken Sie auf dem Gehweg, und Sie sind quasi Che Guevara. Und das ist der Grund, glaube ich, weshalb die Deutschen es lieben, diese negativen, überholten Klischees zu verbreiten und so die Erwartungen an sich selbst zu senken. Diese Erwartungen können sie dann zur Belustigung aller lässig und mühelos übertreffen.

Nein, die Deutschen werden ihre Klischees nicht unter den Teppich kehren, und das sollten auch Sie nicht, geschätzte*r Ausländer*in – denn die Wahrheit liegt in ihnen drin. Viel Spaß bei der Suche!