Der Mai beginnt in Berlin traditionell mit linken Demos, teilweise Krawall und Party-Stimmung. Nach zwei Jahren Pandemie freute unsere Kolumnistin sich wieder auf einen klassischen Maifeiertag. Doch was sie in der Oranienstraße und Co. vorfand überraschte sie.
Es war der seltsamste – und normalste – Maifeiertag, den ich seit Jahrzehnten in Kreuzberg erlebt habe. In den 1990er Jahren verwandelte sich das Dreieck zwischen Kottbusser Tor, Heinrich- und Mariannenplatz für eine Nacht in ein Schlachtfeld, mit einer brutalen Polizei auf der einen und sozialistischen Revolutionär*innen (und naürlich auch den obligatorischen testosterongesteuerten Urlaubsrevoluzzer) auf der anderen Seite. Es war ein ernstes und gewalttätiges Katz- und Mausspiel mit Stein- und Flaschenwürfen, Barrikaden und brennenden Autos.Im Jahr 2003 rief ein Bündnis aus Anwohner*innen, Gewerbetreibenden und Bürger-Initiativen aus dem Kiez das Myfest ins Leben, um die Krawalle zu dämpfen und die Straßen mit Musik, Streetfood und natürlich Politik zu besetzen. Die Idee hat funktioniert. Die Pandemie hat jedoch in den letzten drei Jahren die Veranstaltung verhindert. Doch auch ohne das Myfest gingen die Leute dieses Mal wieder auf die Straße – oder besser gesagt: versuchten es.
Um vier Uhr nachmittags verkehrte die U-Bahn normal, anders als in den Jahren vor der Pandemie, als die Bahnhöfe im Viertel geschlossen werden mussten, um den Fußgängerverkehr besser zu regeln. Wir stiegen wie immer am Kottbusser Tor aus und machten uns auf den Weg zu unserem Lieblings-Späti in der O-Straße (wie die legendäre Oranienstraße von den Locals liebevoll genannt wird), um etwas zu trinken und uns in Party-Stimmung zu bringen. Doch so weit kamen wir nicht: Die Polizei hatte die Straße bereits blockiert und wies die Menge an, woanders hinzugehen. Wir ließen uns nicht entmutigen und versuchten, über einen anderen Weg zur O-Straße zu gelangen. Auch hier war alles dicht. Diesmal erklärten uns die Polizist*innen, dass die O-Straße bereits zu voll sei und sie mögliche Probleme vermeiden wollten. Nicht einmal in der Zeit vor dem Myfest, als alles noch viel turbulenter war, hat es die Polizei gewagt, den Kiez so zu umzingeln.
O-Straße wie ausgestorben
Für diejenigen, die Berlin noch nicht kennen: Die O-Straße ist das Herz von Kreuzberg und beherbergt Clubs, Bars und Buchläden, die unerlässlich sind, um den rebellischen und alternativen Geist zu verstehen, der trotz der zunehmenden Gentrifizierung immer noch in diesem Viertel zu Hause ist.Der Nachmittag des 1. Mai ist in Kreuzberg normalerweise immer ein Spaß: Man trifft ständig Bekannte auf der Straße, irgendwo findet immer ein Rave statt und ab und zu spielt eine Hardcore-Band von queer-feministischen Freundinnen in der Gegend, die alle zum Ausrasten bringt. In diesem Jahr war das nicht der Fall. Die einzige Freundin, die wir trafen, war Ipek, Resident-DJ der legendären Gayhane-Party im SO36 und ehemalige Mitorganisatorin des Myfestes. Sie war genauso verloren wie wir, jetzt an der Ecke O- und Manteuffelstraße – die natürlich auch gesperrt war. Es wurde langsam nervig.
Endlich erreichten wir unser Ziel über den einzigen offenen Zugang, den Oranienplatz. Und da war der Schock. Überfüllte Straße? Es war surreal und unglaublich: Auf der Oranienstraße stand kaum jemand. Dafür war sie allerdings völlig flankiert von Polizist*innen, die es früher nie gewagt hätten, dort so demonstrativ zu stehen. Kaum jemand verkaufte Streetfood oder Cocktails, kein lautes Soundsystem wollte die Leute zum Tanzen bringen, viele Bars waren geschlossen. Selbst an normalen Wochentagen ist die O-Straße lebhafter.
Jeden Tag Revolution
Wir sind dann in Richtung Mariannenplatz gezogen und haben noch ein Konzert einer Punkband mitbekommen, zum Abschluss der Party, die die Partei Die Linke dort immer an diesem Tag veranstaltet. Dann haben wir in einer Kneipe etwas getrunken und sind am Oranienplatz etwas essen gegangen. Wir wollten vor der Ankunft des Zuges “Revolutionäre 1. Mai-Demo“, die aus Neukölln kam, zu Hause sein. In diesem Jahr wurde die Demo seltsamerweise von Leuten angeführt, die Transparente mit dem Slogan “Intifada ist unser Klassenkampf” trugen. Ich finde es bedauerlich, dass Antisemitismus, getarnt als Unterstützung für Palästina, auf einer solchen Demo toleriert wird. Am Ende wurde der Umzug vom Schwarzen Block abgeschlossen, der ein einzelnes Transparent mit der Aufschrift "Gegen jeden Antisemitismus" hochhielt. Diese eine Demonstrant*in scheint eine der wenigen wirklich antifaschistischen Stimmen dort gewesen zu sein.Ich gestehe, ich habe die Revolutionäre 1. Mai-Demo nie besonders gemocht. Sie ist absolut legitim, beginnt oder endet aber leider fast immer mit Gewalt und Steinwürfen, und lockt damit die berühmten “Krawalltouristen” herbei. Diese – meist männlichen – Touris haben kaum eine Ahnung von linker Ideologie und sind meistens nur wegen des Adrenalinkicks, des Katz- und Mausspiels da, um unterdrücktes Testosteron freizusetzen, toxische Männlichkeit beim Schutz der Meute zu beweisen und sich als mutige Revoluzzer darzustellen – nur um sich am nächsten Tag wieder in einen Normalo zu verwandeln. Abgesehen davon sind solche Proteste in Kreuzberg, finde ich, ein bisschen wie predigen für die Bekehrten. Ich frage mich immer, was der eigentliche und praktische Sinn dieser Demonstrationen ist und warum sie nicht vor dem Bundestag stattfinden, wo tatsächlich über unsere Zukunft entschieden wird. Für mich ist Revolution ein tägliches Ameisenwerk, am 1. Mai und an jedem anderen Tag im Jahr.
„AUSGESPROCHEN …“
In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Marie Leão, Susi Bumms, Maximilian Buddenbohm und Sineb el Masrar. Unsere Berliner Kolumnist*innen werfen sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichten über das Leben in der Großstadt und sammeln Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Klub.
Mai 2022